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Leichlinger Sportlerwahl des JahresVom Maisfeld bis zum Treppchen

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Maja Bertling bei den deutschen U23-Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm

Maja Bertling bei den deutschen U23-Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm

Leichlingen kürt am 8. Mai die Sportler des Jahres. Mit einigen der Nominierten hat diese Redaktion im Vorfeld gesprochen. 

Vier Menschen, vier Sportarten, vier Lebensläufe. Und eine Gemeinsamkeit: Am Freitag, 8. Mai, werden sie in der Offenen Ganztagsschule an der Uferstraße auf der gleichen Bühne stehen, wenn Leichlingen seine Sportlerinnen und Sportler des Jahres 2025 ehrt. Der Stadtsportverband vergibt an diesem Abend Auszeichnungen in drei Kategorien: Sportler des Jahres, Nachwuchssportler des Jahres sowie Mannschaft des Jahres. Beginn ist um 19 Uhr.

Der Werfer aus Overath

Der 76-jährige Gerd Heduschke kommt aus Overath, trainiert beim LTV Leichlingen und fährt für seinen Sport manchmal bis nach Leverkusen – auf die Anlage am Kurtekotten, wo er gelegentlich neben dem amtierenden Olympiasieger Ethan Katzberg aus Kanada stand. „Durch Zufall kam ich dahin“, sagt er, „und die waren da gerade in der Vorbereitung für die Weltmeisterschaften in Budapest.“ Tipps bekam er trotzdem, zweimal trainierte er gemeinsam mit dem Weltklasse-Athleten. Heute ist das nicht mehr möglich. „Bei der Weite, die er wirft, würde der Hammer auf der Autobahn landen.“ Katzberg warf 2024 Weltjahresbestweite: 84,12 Meter.

Hammerwerfer Gerd Heduschke

Hammerwerfer Gerd Heduschke

Heduschke selbst wirft in der Altersklasse M75 mit vier Kilogramm – und ist in Deutschland damit führend. Zigfacher Deutscher Meister, im Winter- wie im Sommerwurf. Seit 2013 dokumentiert er akribisch jeden Trainingstag: Würfe, Gewichte, Übungen, alles lückenlos festgehalten. In der Saison kommt er zwei- bis dreimal wöchentlich zum Werfen, dazu Krafttraining im Sportstudio in Overath. „Im November ist die Phase der allgemeinen Gefechtsruhe“, sagt er. „Da sollte man irgendwas anderes machen.“ Den Winter verbringt er mit schwerem Gewicht – „dann geht es richtig zur Sache“ – bevor er im Frühjahr die Weiten wieder aufbaut.

Zuletzt warf ihn eine Hand-OP acht Wochen aus dem Takt. Wochen, die er als „Gift“ bezeichnet: Beim Hammerwerfen brauche man vor allem Technik und Gefühl, und beides komme nur durchs ständige Werfen. Sein Trainer in Leichlingen habe ihm das früh eingeschärft: „Hammerwerfen fängt man immer neu an. Bei jedem Trainingstag fängt man immer wieder neu an. Er hatte Recht.“

Auch während Corona ließ er sich nicht aufhalten. Er suchte sich ein unbewirtschaftetes Maisfeld bei einem Bauern in der Nähe, malte sich mit Kreide einen Kreis auf die angrenzende Teerstraße – und warf. „Ich habe das ausgekundschaftet, ihn gefragt und durfte dort weiter üben.“ Nach dem Lockdown kam er, nach eigener Einschätzung, fitter heraus als vorher.

Nun kämpft er wieder um Titel. Die Europameisterschaften im polnischen Toruń musste er aus Kostengründen auslassen – „die ganze Geschichte hätte uns über 4000 Euro gekostet“ –, das unmittelbare Ziel aber ist klar: „Im Sommer möchte ich wieder Deutscher Meister werden, auf alle Fälle.“

Dass er für die Leichlinger Sportlerwahl nominiert ist, trifft ihn anders als Wettkampfergebnisse. „Ich habe mich derart gefreut. Das geht mir durch und durch.“ Zweimal hat er die Auszeichnung schon gewonnen. „Der Pokal aus Schokolade steht immer noch im Schrank.“ Den Ausgang lässt er offen: „„Welchen Platz ich belegen werde, das ist vollkommen dahingestellt. Aber die Nominierung – das ist schon heftig.“ Aufhören kommt für ihn nicht infrage. „Mit 90 oder 95 würde ich immer noch Hammerwerfen. Ohne geht es einfach nicht.“

Die Schützin

Andrea Hölterhoff ist 62 Jahre alt und schießt, seit sie elf ist – seit 1974, wie sie selbst nachrechnet. Den Sport entdeckte sie durch ihren Vater, blieb wegen der Gemeinschaft dabei. „Der Sport hat mich gepackt. Früher waren wir immer so 15, 20 Jugendliche – das war eine tolle Truppe." Heute ist Nachwuchs kaum zu gewinnen.

Das Image der Sportart leide unter Missverständnissen, sagt sie: „Durch das, was in den letzten Jahren passiert ist, ist es etwas verrufen. Ein richtiger Sportschütze schüttelt nur den Kopf und denkt: Leute, wenn ihr wüsstet, was wir für Auflagen haben.“ Auf dem Schießstand muss stets eine Standaufsicht anwesend sein, die Polizei kann jederzeit kontrollieren. Das Gewehr darf nur auf Aufforderung aus- und eingepackt werden, zu Hause muss es im verschlossenen Schrank lagern – der Schlüssel separat, die Munition getrennt aufbewahrt und gesondert transportiert.

Sportschützin Andrea Hölterhoff

Sportschützin Andrea Hölterhoff

Die deutschen Meistertitel kamen spät: ab 2013 im Freihandschießen, zuletzt im Seniorenbereich, Kleinkaliber 50 Meter Auflage. „Dass man 62 Jahre alt werden muss, um sowas zu schaffen“, sagt sie – halb lachend, aber voller Stolz. Was Sportschießen von anderen Disziplinen unterscheidet, bringt sie auf einen Punkt: „Selbstdisziplin – die Kontrolle über den eigenen Körper. Zu lernen, mit der Aufregung umzugehen. Das braucht Jahre.“ Über Atmung und Routine automatisiert sich vieles mit der Zeit. „Wie beim Autofahren: Man schnallt sich an, ohne drüber nachzudenken.“ Gewehr laden, Kopf anlegen, atmen, Luft anhalten – immer im gleichen Rhythmus, bis es sitzt.

Was die Gemeinschaft betrifft, klingt sie wie aus einem anderen Leistungssport: „Man kennt alle, jeder gönnt es jedem. Man pusht sich gegenseitig – und wenn es mal nicht funktioniert, tauscht man sich aus. Das hält einen auch dabei.“ Hölterhoff ist gleich doppelt nominiert: als Sportlerin des Jahres sowie als Mannschaft des Jahres gemeinsam mit Margit Zaß und Marion Reimer, mit denen sie den Deutschen Mannschaftsmeistertitel geholt hat. „Ich wurde letztes Jahr zweite. Das schafft nicht jeder – das ist eine Art Selbstbestätigung.“

Ihr nächstes Ziel ist die Deutsche Meisterschaft im Luftgewehrschießen – ihre Lieblingsdisziplin, mit rund hundert Konkurrentinnen und harter Qualifikation. Da müsse alles zusammenpassen: Tagesform, Aufregung, Stand. Früher hätten ungünstige Bedingungen sie innerlich aufgewühlt. Heute nicht mehr. „Mittlerweile bin ich so: Ich nehme, wie es kommt. Ich kann es nicht ändern – und lasse mich voll drauf ein.“

Die Springerin aus Köln

Maja Bertling ist 22 Jahre alt und studiert an der Kölner Sporthochschule Grundschullehramt. Leichtathletik macht sie, seit sie fünf Jahre alt ist – Siebenkampf, Sprint, verschiedene Disziplinen, immer weiter. Den Stabhochsprung entdeckte sie erst mit 18, mitten in der Pandemie: Die Hallenbegrenzungen machten anderes Training unmöglich, und sie wollte einfach mehr machen. „Deswegen bin ich da dran geblieben“, sagt sie schlicht. Fünf bis sechs Mal die Woche trainiert sie seitdem, in der Wettkampfphase täglich. Sprungtage und Krafttage sind fest gesetzt, den Rest passt sie nach Körpergefühl an.

Stabhochspringerin Maja Bertling

Stabhochspringerin Maja Bertling

Ursprünglich aus Köln, wechselte sie zum Leichlinger Turnverein, als ihr Trainer aufhörte und sie schnell eine neue Heimat brauchte. Den Schritt bereut sie nicht: „Ich bin sehr froh, dass ich den Leichlinger Turnverein hinter mir stehen habe – weil der Verein so klein ist und trotzdem sehr viel bietet.“ Die Nominierung zur Sportlerin des Jahres empfindet sie deshalb nicht nur als persönliche, sondern als gemeinsame Anerkennung. „Es ist einfach cool, weil es dem Verein und der Stadt viel bedeutet.“

Ihren fünften Platz bei den Deutschen U23-Meisterschaften – gleichbedeutend mit Rang neun in der deutschen Bestenliste – erkämpfte sie auch gegen eine typische Tücke der Disziplin: das Durchlaufen. Wenn der Kopf nicht mitspielt und der Athlet im letzten Moment nicht abspringt, ist der Versuch verloren. „Das nervt mich selbst am meisten. Man muss sich manchmal einfach durchbeißen, auch vom Kopf her“, sagt Bertling. „Ich weiß, dass ich anders springen könnte.“ Ihr kurzfristiges Ziel: die Vier-Meter-Marke knacken.

Langfristig will sie das Durchlaufen unter Kontrolle bringen – und erst dann weiterdenken. Olympia? „Das wäre cool. Das würde sich jeder Sportler wünschen.“ Dass Leichtathletik insgesamt mehr Aufmerksamkeit verdiene, findet sie klar – und sieht Stadtmeetings wie das in Düsseldorf als Schritt in die richtige Richtung: „Man bezieht Leute ein, die nicht aus der Stabhochsprung-Bubble kommen. Die sehen dann: Das ist auch ein cooler Sport.“

Der Faustballer

Paul Kloster ist 18 Jahre alt, spielt Faustball seit Kindesbeinen und wurde im Sommer 2025 Europameister im Feldfaustball U18. Mit der Vereinsmannschaft des LTV erreichte er zudem den vierten Platz bei den deutschen Meisterschaften.

Zur Sportart kam er über seine Mutter, die selbst seit Jahrzehnten spielt. „Hier in Leichlingen ist Faustball auch groß“, sagt er. „Da kommt man dann auch mit Freunden drüber.“ Zweimal pro Woche – dienstags und donnerstags – trainiert die Mannschaft gemeinsam: Warmmachen, Einschlagen zu zweit, getrennte Übungen für Angriff und Abwehr, Techniktraining, zuletzt Spielformen. Kloster spielt in der Abwehr, wo das Alter kaum Nachteile bringt. Im Angriff sei das anders: „Da merkt man schon, dass 18-Jährige Nachteile haben gegenüber 25- oder 30-Jährigen.“

Faustballer Paul Kloster

Faustballer Paul Kloster

Was ihn an der Sportart hält, ist nicht zuletzt ihre Überschaubarkeit. Beim Fußball kenne man sich überregional kaum. „Aber hier kenne ich quasi jeden im Rheinland, der Faustball spielt. Das finde ich auch schön.“ Dass die Sportart wächst, erlebt er selbst: Bei den Finals, dem deutschen Multisport-Wettkampffestival, war Faustball zuletzt vertreten. Vor zwei Jahren fand die Weltmeisterschaft in der SAP-Arena in Mannheim statt. „Das war ein krasses Erlebnis – zu sehen, dass die Sportart doch wächst.“

Die Nominierung zum Nachwuchssportler des Jahres empfindet er als lokale Bestätigung einer Leistung, die auf europäischer Ebene schon ihren Stempel hat. „Beim LTV war ich schon Nachwuchssportler des Jahres auf Vereinsebene – aber auf Stadtebene ist das noch mal was anderes.“ Das nächste Ziel liegt bereits vor ihm: die Weltmeisterschaft. Im Nationalkader von 16 Athleten muss er sich für einen der zehn Plätze empfehlen. „Das ist jetzt Priorität Nummer eins.“