Im Erholungshaus trifft großer orchestraler Jazz auf eine junge Komponistin mit weitem musikalischen Horizont.
WDR Big BandFür Emma Rawicz geht in Leverkusen ein Traum in Erfüllung

UK-Saxophonistin und Komponistin Emma Rawicz mit der WDR Big Band im Erholungshaus.
Copyright: Timon Brombach
Emma Rawicz betritt am Samstagabend die Bühne des Erholungshauses in einem auffälligen lilafarbenen Hosenanzug mit der Gelassenheit einer Musikerin, die genau weiß, welche Klangwelt sie erschaffen hat. Die britische Saxophonistin gehört zu den spannendsten Stimmen der jungen europäischen Jazzszene und nutzt die enorme klangliche Palette der WDR Big Band für Musik, die wie ein erzählerisches Panorama wirkt.
Themen tauchen auf wie Landschaften
Ihre neuesten Kompositionen – mehrere davon speziell für dieses Ensemble geschrieben – entfalten sich in weiten Bögen. Das Konzert ist in zwei Teile mit jeweils drei Stücken gegliedert, der WDR zeichnet das Konzert auf. Der Saal im Erholungshaus ist dabei nur etwa zur Hälfte gefüllt – die Atmosphäre jedoch ist konzentriert und aufmerksam. Der
Themen tauchen auf wie Landschaften im Vorbeiziehen, werden von den Bläsern aufgegriffen, verwandelt und wieder freigegeben. Rawicz verbindet eine komplexe harmonische Sprache mit einem ausgeprägten Sinn für Melodie. Immer wieder entstehen Linien, die sich sofort im Ohr festsetzen und sich anschließend in überraschende Richtungen entwickeln. Da trifft das Meer auf Sand. Wenn Rawicz selbst zum Saxophon greift, bekommt die Musik eine besonders persönliche Farbe. Ihr Ton wirkt warm und klar, mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, die die große orchestrale Umgebung fast kammermusikalisch erscheinen lässt. Zu Beginn richtet sie einige Sätze auf Deutsch ans Publikum, wechselt später ins Englische und erzählt sichtlich bewegt, dass ein Auftritt mit der WDR Big Band für sie ein Kindheitstraum sei, der nun Wirklichkeit werde.
WDR Big Band in Leverkusen
Die WDR Big Band zeigt eindrucksvoll, weshalb sie seit Jahrzehnten zu den führenden Jazzorchestern Europas zählt. Die Bläsersätze leuchten, während die Rhythmusgruppe den Arrangements eine federnde Beweglichkeit verleiht. Gerade in Rawicz’ Partituren zeigt sich die enorme Flexibilität dieses Ensembles. Dichte orchestrale Klangflächen öffnen sich plötzlich zu transparenten Passagen, aus denen einzelne Solisten hervortreten. Trompeten, Saxophone und Posaunen wechseln zwischen strahlender Wucht und fein gezeichneten Linien. Unter anderem dank Gästen wie der Sängerin Immy Churchill und Gitarrist David Preston erhält der Abend zusätzliche Facetten: Churchills Stimme bringt weiche lyrische Qualitäten. In einigen Passagen schwebt sie über dem Ensemble wie ein weiteres Instrument und öffnet intime Räume innerhalb der großen Klangarchitektur.
Jazzige Improvisationen mit rockiger Energie
Gitarrist David Preston setzt dazu spannende Kontraste. Seine Linien verbinden jazzige Improvisationen mit rockiger Energie und verleihen den Stücken rhythmische Schärfe. Gemeinsam mit dem Schlagzeug entsteht ein Groove, der Rawicz’ orchestrale Ideen immer wieder erdet und vorantreibt. Besonders eindrücklich bleibt ein Stück in Erinnerung, das sich aus einem ruhigen Kontrabass-Motiv heraus langsam aufbaut. Aus dem zunächst klaren Puls entwickeln sich zunehmend spannungsgeladene harmonische Reibungen, bis sich das Geflecht aus Linien und Rhythmen zu einem dichten orchestralen Klangraum öffnet.
Nach der Pause wird die Musik zunächst deutlich ruhiger und konzentrierter, bevor sich die Dynamik im weiteren Verlauf wieder steigert. Das Publikum folgt dieser Entwicklung aufmerksam und reagiert immer wieder mit spontanem Zwischenapplaus auf die Soli. Am Ende des Abends bleibt der Eindruck einer Musik, die mit offenen Ohren in viele Richtungen blickt.

