LED-Röhren flackern, Nebel steigt aus Geröll empor, irgendwo rauscht ein Funkgerät. Ein Knall, und drei Helden nehmen alle im Studio als Geiseln.
Aufführung im ForumPublikum in Leverkusen wird Geisel eines Trios mit Weltrettungssehnsucht

In „Happy End (keine Garantie)“ kämpfen drei Geiselnehmer mit der Wirklichkeit – und mit sich selbst.
Copyright: Timon Brombach
Regisseur Dirk Schirdewahn zettelt in „Happy End (keine Garantie)“ ab der ersten Sekunde kontrolliertes Chaos an. Ein Knall, und drei Gangster, gespielt vom Ensemble des Landestheaters Neuss, stürmen mit Taschenlampen das Studio, kleben die Tür zu und nehmen das ganze Publikum als Geiseln. Was zur Hölle? Ganz einfach: Unter dem Forum Leverkusen seien geheime Dokumente der Regierung versteckt. „Warum hier?“, so das Überfallkommando im Chor, „weil das der letzte Ort ist, an dem man damit rechnen würde.“
Angetrieben von dem fast rührenden Impuls, alles „besser“ machen zu wollen, wollen die drei mit diesen Dokumenten die Bundesregierung erpressen. Also beginnen sie, einen Schacht auszuheben. Alles „besser“ machen. Ist denn aktuell wirklich mehr Krise auf der Welt als früher – oder hat sich nur unser Blick geweitet? Die Zuschauer werden nicht nur zu Geiseln, sondern auch zu einem Teil eines Selbstversuches: Drei Figuren, irgendwo zwischen Performancekunst, Dilettantismus und Aktivismus, irren durch ihre eigene Moralagenda. Es bleibt dabei leichtfüßig, aber nie oberflächlich. Schirdewahn findet ein Tempo, das Unsicherheit zulässt.
Experimentelle Komödie im Forum als Kollaps-Kontrolle
Felix Krakau schreibt keine Helden: Er gibt seinen Figuren keine Handlungsanleitung, sondern lässt sie ringen – mit der Realität, mit sich selbst und miteinander. Die drei Figuren wollen nicht weniger als eine neue Gesellschaft, stoßen dabei aber ständig an die Grenzen ihres eigenen Weltwissens. Von Brüllanfall bis Heulkrampf. Statt parolenhaftem Moralismus erlebt man eine zärtlich-lächerliche Selbstverstrickung. Man versteht schnell: Diese „Regierungs-Erpresser“ meinen es ernst. Und genau das macht sie so verletzlich.
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Wenn nicht beinahe durchgehend gebrüllt würde, würde man den intelligenten, schnellen Text noch besser verstehen – aber das gehört wohl zu einer Geiselnahme dazu. Krakau öffnet einen Reflexionsraum über Handlung und Ohnmacht: „Wie lebt man richtig in einer falschen Welt?“, „Wann wird Überzeugung zur Pose?“ und „Wo bleibt eigentlich die Telefonnummer der Regierung?“
Zweifel und verzweifelte Energie
Tim Richter, Katharina Hintzen und Benjamin Schardt wechseln zwischen geschlossenen Chorpassagen und Streitgesprächen. Ihre Körper erzählen vom inneren Wackeln, vom Zweifel und von verzweifelter Energie. Mal preschen sie nach vorn, dann stocken sie, verlieren sich in Wiederholungen. Ihre Sprache ist oft zu schnell für ihre Gedanken, ihre Gesten schneller als ihre Entscheidungen. „TNT Thorben“ (Richter) verliert die vorher angefertigte Liste mit Forderungen an die Regierung, Schardt verrät zu Beginn versehentlich seinen echten Namen Benjamin.
Gerade darin liegt Kraft. Es ist ein Spiel mit minimaler Distanz – zwischen Figur und Wirklichkeit, zwischen Spiel und Scheitern. Das Forum und Leverkusen werden auf der Inhaltsebene immer wieder erwähnt. Momente der Überforderung kippen ins Komische, das Lachen bleibt oft im Hals stecken. Was leicht beginnt, gewinnt mit jeder Minute Schwere – Tiefe. Stürmt die Polizei den Saal? Oder wird der Schacht fertig?
Was bleibt, ist auf jeden Fall das Gefühl, dass Theater etwas zeigen kann, was man woanders kaum aushält: den Wunsch, dass alles besser werden könnte – und die stille Ahnung, dass niemand weiß, wie. „Das ist das Schöne am Theater, man kann auf der Bühne behaupten, was man möchte“, so am Ende alle wieder im Chor. Ein Abend über das „Scheitern“ als Möglichkeit.

