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Präsidentin Biggi Wanninger„Zur Stunksitzung sollen alle kommen dürfen – auch AfD-Wähler“

9 min
Die Schauspielerin Biggi Wanninger

Die Schauspielerin Biggi Wanninger

Die Kölner Stunksitzungspräsidentin im Interview über eine Kölner Problembaustelle, Markus Söders Fleischfetischismus und die Zukunft der Stunksitzung.

Frau Wanninger, welcher Irrtum über Sie begegnet Ihnen am häufigsten?

Dass ich als Stunksitzungspräsidentin die Chefin bin.

Sie sind nicht die Chefin?

Nein!

Sondern?

Ich leite den Abend und führe durch die Sitzung, aber ich bin nicht die Chefin. Ich habe genauso viel oder wenig zu sagen wie alle anderen.

Auch in diesem Jahr sind alle 50 Stunksitzungen restlos ausverkauft. Ihr Erfolgs-Geheimnis?

Wir machen jedes Jahr ein neues Programm mit 21 Menschen auf der Bühne, die sehr unterschiedlich sind, aber gute Laune verbreiten. Oft sagt man uns, dass wir sehr viel Menschenfreundlichkeit ausstrahlen. Das finde ich toll, wenn das so ankommt, obwohl wir permanent Menschen in die Pfanne hauen oder Witze über sie machen.

Das ganze Gespräch mit Biggi Wanninger können Sie als Podcast Talk mit K hier hören (hier im Player oder auf allen gängigen Podcast-Plattformen).

Wie würden Sie die Stunksitzung einem Alien beschreiben?

Gründer und Gründerinnen der Stunksitzung waren Kölner Studierende der Sozialpädagogik, die als Kollektiv im Sommer Projekte für Kinder gemacht haben, zusammengelebt und gearbeitet haben. Als der Sommer vorbei war, kam dann die Frage: Was machen wir im Winter? Soweit ich weiß, hatte Jürgen Becker damals die Idee: Wir machen Karneval. Als absolute Amateure hat man dann angefangen, eigene Sketche zu schreiben und zu spielen mit der Absicht, den verkrusteten machohaften Strukturen des traditionellen Karnevals etwas entgegenzusetzen. Bis heute sind wir ein Kollektiv, entscheiden immer selbst, wo die Reise hingeht. Wir sind absolut autonom und niemandem Rechenschaft schuldig.

Was könnten Sie gerne, was Sie überhaupt nicht können?

Tanzen. Ich bin jetzt nicht unbegabt, was das Tanzen allgemein angeht. Aber tanzen zu können im Sinne von modernem Tanztheater fände ich schon toll. Wer weiß, vielleicht werde ich wieder geboren und stehe als Tänzerin auf der Bühne. Musicaldarstellerin wäre aber auch denkbar. Dann könnte ich tanzen, singen und spielen – also alles auf einmal.

Einen winzigen Makel hat Ihr Leben ja – zumindest würden manche Kölner es so sehen. In Köln geboren sind Sie nicht, sondern nur um die Ecke.

Ich finde das ja pupsegal, wo man geboren ist. Ich bin in Brühl geboren, aber nach fünf Tagen war ich dann in Balkhausen, einem kleinen Ortsteil von Kerpen. Und da bin ich groß geworden.

Ihr Vater war Jungfrau im Dreigestirn. Sie sind mit dem traditionellen Karneval aufgewachsen. Wie war das als Kind?

Ganz toll. Meine Mutter hat mir immer großartige Kostüme gemacht. Als Jugendliche habe ich dann selbst angefangen, mir selbst welche zu nähen. Ich wollte nämlich Modezeichnerin werden. Irgendwie hatte ich schon früh eine kreative Ader. Ich wäre auch gerne in die Ballettschule gegangen oder hätte gerne ein Instrument gelernt. Aber leider konnten mir das meine Eltern aus finanziellen Gründen nicht ermöglichen.

Wann standen Sie zum ersten Mal auf der Bühne?

Das war mit 13 in einer Mädchentanzgruppe auf einer Karnevalssitzung in der katholischen Pfarrei. Und dann mit 16 das erste Mal in einer Band als Sängerin beim Abschlussball der Handelsschule.

Sie sind mit 19 nach Köln gezogen. Was war das für eine Zeit?

Gewohnt habe ich im Agnesviertel in einer sehr kleinen Wohnung, sehr preiswert, mit Kohleofen. In der Zeit habe ich am Köln-Kolleg mein Abitur nachgeholt. Essen gegangen bin ich gerne zu einem Griechen, der Plastikgrieche genannt wurde, weil das ganze Interieur aus Plastik bestand. Das war unter anderem ein Treffpunkt der Kölner Polit-Musikgruppe Floh de Cologne, ein Treffpunkt der Linken. Ich selbst habe zu der Zeit in einem Gewerkschaftschor und einer Polit-Songgruppe gesungen. Damals fing das für mich an mit Verbindung aus Kunst, Musik und Politik.

Ich freue mich über jede Frau, die die berühmte gläserne Decke durchbricht.
Biggi Wanninger

Wer oder was hat Sie politisiert?

Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: Das war 1973, ich war gerade im Freibad von Türnich und hörte im Radio die Nachricht vom Putsch in Chile, wo die gewählte Regierung vom Militär gewaltsam abgesetzt wurde, viele Menschen inhaftiert oder erschossen wurden. Da dachte ich direkt: Das geht absolut nicht. Das war für mich ein gravierender politischer Moment.

Wann war Ihnen klar: Ich gehöre auf die Bühne?

Das hat sich alles zufällig entwickelt. Meine erste Klassenlehrerin, mit der ich mich später einige Male getroffen habe, sagte zu mir: Brigitte, du warst schon immer die Erste, die den Finger hob, wenn es darum ging, ein Gedicht aufzusagen. Und im Laufe der Zeit haben sich immer wieder Gelegenheiten geboten, mich künstlerisch zu betätigen. Und die habe ich genutzt.

Das klingt jetzt sehr bescheiden – für eine Frau, die vor mehr als zwanzig Jahren die erste Sitzungspräsidentin in Köln wurde.

Da habe ich gedacht: Leute, ist das wichtig? Für mich war das selbstverständlich.

Dann gucken Sie sich doch mal um.

Ist mir dann auch klargeworden. Wie schade, dass das immer noch nicht selbstverständlich ist. Und auch im Bundestag sind es leider deutlich weniger weibliche Abgeordnete als in der letzten Legislaturperiode.

Freuen Sie sich, wenn woanders Frauen an die Spitze kommen?

Ich freue mich über jede, die die berühmte gläserne Decke durchbricht. Was ja nicht immer heißt, dass sie alles gut macht. Wie sagte mal eine kluge Frau – ich weiß jetzt leider nicht mehr wer - wir haben erst dann Gleichberechtigung, wenn genauso viele unfähige Frauen in Führungspositionen sind wie Männer. Es kostet natürlich Kraft, sich gegen die immer noch männlich dominierten Strukturen durchzusetzen. Und die Jungs räumen ihre Posten ja auch nicht unbedingt von selbst.

Man hat das Gefühl, in einem politischen Irrenhaus zu sitzen, wenn man auf die Welt guckt. Was bedeutet das für das Programm der Stunker?

Wir möchten, dass das Publikum etwas Positives mit nach Hause nimmt. Sonst werden wir doch alle noch bekloppt. Denn in unserer Birne ist es mittlerweile festgesetzt: Alles geht den Bach runter. Viele Menschen sagen, dass sie es schön finden bei uns, weil sie spüren, dass sie nicht allein sind mit ihren Gedanken und Sorgen, aber gleichzeitig auch so viel Positives rüberkommt, dass sie befreit loslachen können. Übrigens bin ich mir fast sicher, dass es mehr schöne Dinge gibt als beschissene.

Zur Stunksitzung sollen alle kommen dürfen - auch die AfD-Wähler
Biggi Wanninger

Aber an Donald Trump kommen Sie auch nicht vorbei.

Ne. Der überdeckt ja fast alles. Und an Markus Söders Fleisch-Fetischismus wollten wir aber auch nicht vorbei.

Die Nummer über Alice Weidel gehört für mich zu den Höhepunkten in der Stunksitzung. Deren Partei könnte bei den nächsten Bundestagswahlen stärkste Kraft werden. Wie sehr beunruhigt Sie das?

Ich finde es grauenhaft. Und wir sollen auch nicht so tun, als wäre das nur ein Problem im Osten. Ich frage mich immer:  Was können wir eigentlich noch machen, außer demonstrieren und Haltung zeigen? Ich bin da ratlos. Wie geht es Ihnen?

Biggi Wanninger als Stunksitzungspräsidentin 2022

Biggi Wanninger als Stunksitzungspräsidentin 2022

Mich beschäftigt als Journalistin die Frage, wie man diejenigen erreicht, die nicht ohnehin schon überzeugt sind. Also auch AfD-Wählerinnen und -Wähler.

Es gibt auch auf unserer Sitzung Menschen, die nicht mit allem einverstanden sind, was wir sagen. Vor zwei Jahren habe eine Nummer gespielt, in der ich sehr gegen die AfD ausgeteilt habe: Da war der Applaus an manchen Abenden deutlich gemäßigter, es sind wohl auch einige gegangen. Das ist völlig okay, nicht in allem einer Meinung zu sein. Ich würde nie sagen: Um Gottes Willen, wir haben AfD-Wähler oder Wählerinnen im E-Werk, die gehören hier nicht hin. Es sollen alle kommen dürfen.

Gibt es Witze, die Sie heute nicht mehr machten würden?

Rassismus und Sexismus sind schon immer ein absolutes Tabu. Ansonsten fällt mir so direkt nichts ein, was mich betrifft. Außer, dass ich vielleicht bei der Parodie von Reiner Calmund nicht mehr seine Körperfülle zum Thema machen würde. Was ja heute auch gar nicht mehr ginge…. Man sollte aber auch nicht zu viele Scheren im Kopf haben. Sonst beschneidet man sich so sehr, dass auch Witze auf der Strecke bleiben, die gar nicht wehtun.

Muss ein guter Witz manchmal auf der Klippe stehen?

Jeder und jede sollte den Witz bekommen, den er oder sie sich verdient. Da fällt mir gerade eine Situation ein, wo es nicht um einen Witz ging, sondern die ich sehr witzig fand. Ich bin neulich mit einem Schwarzen am Steuer Taxi gefahren und habe ihn gefragt, wo er herkommt. Er sagte: aus Ghana. Ich habe dann gesagt, dass ich meinte, wo er gerade mit dem Auto herkommt. Wir mussten beide herzhaft lachen. Das war eine sehr nette humorvolle Begegnung. Ich habe aber auch schon wunderbare Gespräche geführt, wo ich gefragt habe, wo jemand herkommt, wo seine Wurzeln sind. Ich finde: Man darf das fragen, wenn die Basis Neugier ist und nicht Abschätzigkeit.

Wie man in den Wald reinruft?

Ja. Das gilt ja für Vieles. Freundlichkeit bleibt leider allzu oft auf der Strecke. Sich gegenseitig direkt den Kopf abzureißen, wenn man nicht derselben Meinung ist, wenn man gendert oder wenn man nicht gendert, bringt uns doch nicht weiter. Zuhören und voneinander lernen halte ich für die bessere Methode.

Ex-OB Henriette Reker haben Sie eine sehr komische Nummer in der Stunksitzung vor zwei Jahren gewidmet. Muss sich der neue OB Torsten Burmester in Acht nehmen?

Der ist ja noch relativ frisch im Amt. Ich bin gespannt, ob sich das mit den wechselnden Mehrheiten wirklich durchsetzt und ob das gut geht. Aber wir gucken schon genau hin und werden sehen, was wir daraus machen.

Ein Amt, das Sie sofort annehmen würden, auch wenn Sie voraussichtlich niemand danach fragen wird?

Als es in Köln noch die Doppelspitze gab aus Verwaltung und Repräsentanz habe ich mal aus Jux und Dollerei gesagt: Am Repräsentieren hätte ich Spaß. Bänder durchschneiden, in die Partnerstädte reisen und nette Gespräche führen, das hätte ich mir zugetraut.

Und wenn das Kölner Festkomitee Sie fragen würde, ob Sie Prinzessin im ersten weiblichen Dreigestirn Kölns werden?

Ein weibliches Dreigestirn ist natürlich längst überfällig. Aber das ist nicht meine Abteilung. Ich bin oft gefragt worden, ob ich auf einem Wagen mitfahren möchte im Rosenmontagszug. Aber auch das ist nichts für mich so hoch über den Köpfen der Jecken und Jeckinnen. Ich bin Fußvolk. Ich bin viele Jahre an Rosenmontag trommelnd mit den „Ahl Säu“ mitgegangen. Die Straße, das ist mein Karneval.

Wenn Sie mit einem Fingerschnipp etwas in Köln ändern könnten, was wäre das?

Mir geht die Großbaustelle auf der Bonner Straße ziemlich auf den Senkel. Da ändert sich permanent was in der Verkehrsregelung. Manchmal bin ich so genervt, dass ich dann auch schon mal die Verkehrsregeln außer Acht lasse, obwohl ich das sonst nicht tue.

Es dürfte viele geben, die sich fragen: Wenn die Biggi Wanninger und der Ecki Pieper (Frontmann von Köbes Underground, Anm. der Red.) mal aufhören sollten, gibt es die Stunksitzung dann überhaupt noch? Müssen wir uns Sorgen machen?

Die Stunksitzung wird durch das ganze Ensemble geprägt und nicht durch einzelne Personen. Natürlich war das ein Einschnitt, als Jürgen Becker und Gaby Köster gleichzeitig aufgehört haben, aber es ging ja trotzdem weiter. Und im Laufe der Zeit hat sich ja die Zusammensetzung des Ensembles auch verändert und wird sich auch weiterhin verändern. Das ist auch gut so. Und Spaß daran haben, jemanden zu veräppeln, sich satirisch lustig zu machen über Politik: Das funktioniert unabhängig von bestimmten Gesichtern.

Biggi Wanninger lebt in Raderthal.

Biggi Wanninger lebt in Raderthal.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt. Blitzt da schon mal der Gedanke „Exit-Strategie“ auf?

Manchmal ja. Die Frage ist: Bleibe ich, so lange wie ich körperlich noch fit bin? Oder höre ich früher auf, um noch Zeit zu haben, etwas anderes zu machen? Ich weiß das gerade nicht. Spaß habe ich nach wie vor. Auch innerhalb unseres Teams gibt es natürlich diese Diskussion: Wann hören wir auf, wer kommt ins Team, wie machen wir es in Zukunft? Wir haben ja keine Verpflichtung, in Rente zu gehen. Und wir hören auch oft von Gästen, dass sie es ganz schön finden, mit uns zusammen alt zu werden. Und die jüngeren unter ihnen haben sich noch nie darüber beschwert, dass ältere Menschen auf der Bühne stehen.

Im Gegensatz zum Fernsehen, wo gerne schonmal Moderatorinnen aussortiert werden, die nicht mehr ganz jung sind.

Richtig. Auch ich wurde schon mal aussortiert bei einer Sendereihe im WDR-Fernsehen, wo es hieß, man bräuchte eine jüngere Stimme. Das ist jetzt schon einige Jahre her und meine Stimme klang nicht… egal! Menschen sind erstmal für nichts zu alt. Und wenn jemand nicht mehr gut zu Fuß ist und trotzdem noch auf der Bühne stehen möchte, ja dann eben mit Rollator. Warum nicht?

Zur Person und zur Stunksitzung

Biggi Wanninger, geboren 1955, ist Schauspielerin, Kabarettistin und seit Beginn der 1990er Jahre Teil der Kölner Stunksitzung. Seit 1999 ist sie Stunksitzungspräsidentin. Die Stunksitzung ist bekannt für bissige politische Satire und Musik der Kultband Köbes Underground. Zur Internetseite der Stunksitzung geht es hier.