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ArchitekturWas sich Köln von Paris abschauen kann

7 min
Die Architektinnen Marie-Sophie und Helena Schulte in ihrem Büro.

Die Architektinnen Marie-Sophie und Helena Schulte in ihrem Büro.

Die Architektinnen Marie-Sophie und Helena Schulte sind Geschäftsführerinnen eines Büros mit Sitz in Köln und Paris und sprechen im Interview über städtebauliche Herausforderungen und Chancen.

Sie haben beide in Paris studiert und gelebt – Ihr Büro hat auch eine Dependance dort. Was zeigen Sie französischem Besuch oder Geschäftspartnerinnen in Köln? Wie sehen die die Stadt von außen?

Marie-Sophie Schulte: Kölns Kraft ist die kulturelle Mischung, seine Lebendigkeit und die positive Mentalität. Besucher sind immer extrem begeistert von den Park- und Freianlagen, die sich durch die Stadt ziehen, wo im Sommer gegrillt wird, wo die verschiedene Generationen zusammenkommen, wo Sport gemacht wird. Genauso wie die einzelnen Veedel, die ihr ganz eigenes Herz haben - Südstadt, Belgisches Viertel, Agnesviertel, den Eigelstein, Kalk, Mülheim und viele mehr. Das ist typisch Köln und findet man so nicht in anderen Städten. Ansonsten zeigen wir Besuchern natürlich auch die verschiedenen Architekturklassiker wie das Kolumbamuseum, das Haus ohne Eigenschaften oder die Böhm Kirchen. Auch der Ebertplatz ist aus einer architektonischen Perspektive ein spannendes Stück Stadt und stößt immer auf viel Interesse.

Helena Schulte: Spannend in Köln sind auch die Riphahn-Siedlungen, oder generell die Siedlungskultur der 1920er und 1930er Jahre. Da gibt es viele gute Beispiele, deren Maßstäbe und Räume heute noch genauso gut funktionieren, wie zu der Zeit als sie entworfen wurden. Eine schöne Architektursprache mit attraktiven Freiraum-Anlagen und meistens großzügige Wohninnenhöfe mit viel Grün wie auch kompakten Wohngrundrissen, die über interessante Gemeinschaftsflächen in der Hausgemeinschaft verfügen.

Die Attraktivität Kölns liegt sicherlich im Lebensgefühl der Kölner:innen. Das spiegelt sich in diesen Siedlungen auch wider. Dort kommen Nachbar:innen im Innenhof spontan zu einem Sommerfest zusammen. Solche Orte sind es, die Köln ausmacht – aber ohne die Kölner:innen und deren Offenheit wäre das nicht denkbar. Es geht also nicht nur um den gebauten, sondern auch um den gelebten Raum.

Was könnten wir uns in Köln stadtplanerisch von Paris abgucken?

Marie-Sophie Schulte: Die 15 Minuten Stadt ist ein Beispiel aus Paris, welches sich sehr gut übertragen lässt. Das Konzept sieht nämlich vor, dass alle Alltagsbedürfnisse zu Fuß in maximal 15 Minuten erreichbar sind. So wird die Lebensqualität im Quartier nachhaltig verbessert. Außerdem hat es Paris innerhalb kürzester Zeit geschafft, eine schnelle Transformation der öffentlichen Räume umzusetzen. Ein wichtiges Beispiel sind die Verkehrsachsen. Die sind in Paris historisch ebenfalls stark geprägt durch das Automobil. Die großen Boulevards wurden begrünt und stark entsiegelt. Auch der Fahrradverkehr wird mehr und mehr gestärkt. Darüber hinaus hat Paris einen eigenen Katalog mit Strategien für die Klimaentwicklungen verabschiedet, den sogenannten „PLU Bioclimatique“. Das ist sicherlich auch interessant für Städte wie Köln, um nachhaltige Lösungen aufzuzeigen.

Helena Schulte: In der französischen Baubranche wird gerade viel ausprobiert - und diese Freiheit fehlt uns in Deutschland, das ist kein spezielles Kölner Problem. Auch in Frankreich gibt es Vorgaben, aber eher im Sinne der Klimaneutralität. Das hängt damit zusammen, dass ein neues Baurecht (RE 2020) in Frankreich seit 2020 unter anderem vorschreibt, bestimmte CO₂-Werte einzuhalten, sodass Massivbau mit Beton nur noch eingeschränkt möglich ist. Dadurch werden nachhaltige und innovative Bauweisen stärker erprobt und umgesetzt.

Wird Köln architektonisch zu oft nur von seiner negativen Seite gesehen?

Marie-Sophie Schulte: Natürlich gibt es in Köln auch vieles, das verbesserungswürdig ist. Aber wir haben uns dafür entschieden, zuversichtlich auf die Stadt blicken zu wollen. Denn es hat sich hier in den letzten Jahren tatsächlich einiges in eine gute Richtung entwickelt: Die Digitalisierung zum Beispiel, insbesondere in den Genehmigungsverfahren. Und auch in den stadtplanerischen Leitlinien des „Köln-Katalog“ aus dem Jahr 2023 liegt ein großes Potenzial. Denn die sind darauf ausgelegt, dass man nochmal ganz anders an Bauvorhaben herangeht. Angelehnt daran müssten sich auch die Planungsprozesse noch weiter vereinfachen, sodass diese Ansätze kurzfristig umgesetzt werden können.

Beim Thema Bauen ist also gerade viel im Umbruch?

Helena Schulte: Ja, ich glaube, dass wir derzeit an einem Wendepunkt stehen, an dem sich tatsächlich jegliche Herangehensweise an Bauvorhaben, Quartiersentwicklung und Stadtentwicklung in Veränderung befindet. Gleichzeitig braucht es auch die gewisse Zuversicht, denn es gibt so viele Krisen gleichzeitig – sowohl was das Klima betrifft als auch die Politik. Damit der Umbruch gelingt, ist ein übergeordneter Lernprozess notwendig - sowohl die Akteure aus der Privatwirtschaft müssen sich da neu aufstellen, wie auch die Kommunen und deren Verwaltungsstrukturen.

Wie wirken sich diese Umbrüche auf Ihre Arbeit aus?

Marie-Sophie Schulte: Direkt sind wir betroffen, wenn es um nachhaltigere und einfachere Bauweisen geht. Mittlerweile sind die Standards so aufwendig, dass es schwierig ist, überhaupt noch einfach und kostengünstig zu bauen und schnell nachhaltige Lösungen umzusetzen. Die Baubranche ist dabei in eine neue Richtung zu steuern. Mit Blick auf die Klimakrise geht es heute immer mehr um das biobasierte Bauen - wie beispielsweise der Holzbau oder weitere innovative Baustoffe wie Lehm oder Hanfbeton. Wir sind zum Beispiel dabei, ein großes Bauvorhaben in Köln-Bilderstöckchen, das 90 Wohneinheiten umfasst, in Holzbauweise zu realisieren. Hierfür ist ein gutes Netzwerk an visionären und engagierten Projektpartnern unabdinglich – ich denke da an Bauherrenschaft, Fachplanung und Akteure seitens der Stadtverwaltung. Das ist ein länderübergreifendes Phänomen. In Frankreich planen wir ein großes Mixed-Used Projekt in Hybridbauweise und Hanfbeton.

In Köln fehlt es an bezahlbaren Wohnungen. Ist es denn überhaupt möglich, gleichzeitig schnell und günstig zu bauen – und dabei noch nachhaltig und architektonisch anspruchsvoll?

Helena Schulte: Mit der vorhandenen Bausubstanz hat Köln sehr viel Potenzial in der Nachverdichtung - auch im Vergleich zu anderen Städten, die wesentlich dichter bebaut sind. Wir sehen das als große Chance. Ein intelligentes Weiterdenken der verfügbaren Flächen und Räume, zum Beispiel die Umnutzung von Industriebrachen, oder das Aufstocken und Anbauen von Gebäuden. Das wird mit dem „Köln-Katalog“ schon versucht neu anzugehen: Dichte sinnvoll in bestehenden Stadträumen möglich zu machen und zu optimieren. Einfach nur endlose Flächen weiter versiegeln kann nicht die Lösung sein.

Was könnte die Stadt denn für Anreize für Nachverdichtung schaffen?

Marie-Sophie Schulte: Über einfachere Genehmigungsverfahren. Aktuell merken wir schon, dass es da eine Überforderung gibt: Es wird ja dringend mehr Wohnraum gebraucht. Eine gute Anlaufstelle dafür ist die Wohnbauleitstelle, mit der wir viel kooperieren. Wünschenswert wären noch weitere städtische Ansprechpartner: innen in dem Sinne, sodass Planungsprozesse agiler werden.

Was würde auf Ihrer Wunschliste für einen neuen Kölner Masterplan stehen?

Marie-Sophie Schulte: Ich lebe in der Innenstadt. Und für mich fehlt nach wie vor noch eine gute innerstädtische Vernetzung von Ost nach West und Nord nach Süd, insbesondere um den Neumarkt herum. Gerade als Fußgänger und auch als Fahrradfahrer ist die Innenstadt nicht einfach zu durchqueren.

Helena Schulte: Eine weitere Herausforderung in der Innenstadt ist die Mischung. Es gibt dort sehr viel Gewerbe und Einzelhandel im Erdgeschoss und die oberen Etagen stehen oft leer. Was kann man für Nutzungen finden, um die Innenstadt wiederzubeleben? Die Frage ist, inwiefern dort auch Wohnen wieder einen Platz finden könnte und daran gekoppelt dann auch neue Nutzungsangebote. Auch Bildung könnte ein Thema sein - das Interim der Stadtbibliothek wird ja sehr gut angenommen. Die ‚Bibliothek auf Zeit‘ ist ein gutes Beispiel dafür, dass man durch eine Zwischennutzung reallabor-mäßig mal etwas anderes ausprobieren kann.

Erleben Sie die Stadt als gespalten zwischen den beiden Rhein-Seiten?

Marie-Sophie Schulte: Brücken sind ganz sicher ein Symbolbild für Köln. Der Rhein trennt die Stadt, Brücken verbinden sie. Doch auch die könnten einladender für die Mikro Mobilität sein. Hier gibt es zwei Projekte der Stadt Köln, um die Rheinufer zusätzlich an zwei Stellen zu verbinden. Denn die bestehenden Brücken sind für Fußgänger oder Fahrradfahrer schon eher eine Hürde, muss man ehrlich sagen.

Wie blicken Sie in die bauliche Zukunft der Stadt?

Helena Schulte: Wir freuen uns auf die vielen, verschiedenen baulichen Perspektiven in Köln. Neben den großen Potenzialräumen wie der Entwicklung der Industriebrachen im Rechtsrheinischen, Köln-Kreuzfeld und Parkstadt Süd sind wir auch auf die vermeintlich kleineren, versteckten Quartiers-Entwicklungen gespannt. Manchmal kann auch nur ein einziges Gebäude mit den richtigen Nachbarschaftsangeboten eine große Strahlkraft in das Quartier und die Stadt haben. Die bauliche Zukunft ist also auch die Zukunft des gelebten Raums.

Das Gespräch führte Kerstin Meier


„Denk ich an Köln...“ ist der Titel einer Veranstaltung des Kölner „Bund deutscher Architektinnen und Architekten“ (BDA) am Montag, 19. Januar, um 19.30 Uhr im Domforum (Eintritt frei). Die 2025 neu berufenen BDA-Mitglieder stellen sich vor und erzählen, wie Köln ihr Denken und Entwerfen geprägt hat. Mit dabei sind auch Helena Schulte (geboren 1984, Studium an der ENSA Paris-Belleville) und Marie-Sophie Schulte (geboren 1992, Studium an der ENSA Versailles), Schwestern und Geschäftsführerinnen von „schultearchitekten“ mit Sitz in Köln und Paris.