In Krankenhäusern verschwindet Schmuck und Geld, oft fehlen Ringe an den Fingern Verstorbener. Leserreaktionen zeigen: Das kommt häufiger vor als bislang gedacht.
Tote bestohlenImmer mehr Diebstähle in Leverkusener Krankenhäusern kommen ans Licht

Josephina Margareta Fülle war das erste bekannte Opfer eines Diebstahls im St. Remigius. Durch ihren Fall kommen weitere ans Licht.
Copyright: Horst Fülle
Als im Opladener Sankt-Remigius-Krankenhaus Josephina Margaretha Fülle verstorben war, verschwanden am Totenbett Ringe. Mehrere Leser haben sich nach dem Bericht über sie bei der Redaktion gemeldet und berichten: Ihnen allen oder ihren Angehörigen ist Ähnliches geschehen. Meist ging es um verschwundene Ringe. Die geschilderten Vorfälle geschahen überwiegend im Sankt-Remigius-Krankenhaus, ein Fall ereignete sich in Langenfeld.
Diebstahl im Krankenhaus: „Verfall von Sitte und Moral“
Andreas Fröndgen aus Leverkusen-Wiesdorf schreibt: „Der Beitrag ist ein erschütterndes Dokument für den Verfall von Sitte, Anstand und Moral in der Gesellschaft und macht wütend. Offenbar handelt es sich nicht um seltene Einzelfälle, denn leider ist mir erst kürzlich das Gleiche widerfahren, nachdem meine Mutter im vergangenen Oktober in einem Langenfelder Krankenhaus 91-jährig am 16. Oktober 2022 überraschend verstarb. Der Ring, den sie zu Lebzeiten nie ablegte, war später unauffindbar verschwunden. Beim Bestatter wurde aktenkundig, dass der Leichnam bei der Übernahme keinen Schmuck trug. Die Nachfrage in der Klinik verlief fruchtlos, über den Verbleib des Rings konnte man dort, bei allem bekundeten Bedauern, keine Angaben machen.“
Andreas Fröndgens Schwester hatte den Ring noch an der Hand der Mutter gesehen, als sie Totenwache hielt. Fröndgen kann sich keinen Reim machen, wer so etwas tut: „Die Krankenschwestern aber garantiert nicht!“, sagt er. „Was die gewissenlosen Täter, die Menschen nach ihrem Tod noch bestehlen, den Hinterbliebenen damit antun, ist ihnen sicherlich gleichgültig. Für die Angehörigen sind es unersetzbare Erinnerungsstücke, die auf derart perfide Weise verloren gehen.“
Wir hatten in der Situation aber sicher andere Dinge im Kopf, als ihm den Ring vom Finger abzuziehen
Dieter Kerntopf aus Leichlingen erlebte einen ganz ähnlichen Fall, wie die Fülles im Sankt-Remigius-Krankenhaus. Den aktuellen Fall zu Lesen, habe bei ihm viel wieder hochgespült, sagt er. Der Vorfall spielte sich vor über zwei Jahren ab. Kerntopf erinnert sich: Sein Vater sei am 28. Mai 2020 als Notfall ins Opladener Remigius gekommen, einen Tag später sei der Vater gestorben. Er wurde 89 Jahre alt. Auf dem Sterbebett habe der Vater seinen goldenen Ehering angehabt.
Dieter Kerntopf: „Wir hatten in der Situation aber sicher andere Dinge im Kopf, als ihm den Ring vom Finger abzuziehen.“ Dass das Schmuckstück beim Bestatter weggekommen sein könnte, schließt er aus.
Den Ring als Erinnerung zu haben, wäre für die hinterbliebene Mutter nach dem Tod des Ehemanns wichtig. Eine Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen, darauf habe man aber verzichtet. Die kaufmännische Leitung entschuldigte sich bei Kerntopfs und versicherte, man habe intern recherchiert und intensiv nachgesucht.
Mal fehlte ein Portemonnaie, ein andermal ein Ring
Auch der Sohn der bestohlenen 91-jährig verstorbenen Frau Fülle, Horst Fülle, bekam Anrufe und Briefe von Betroffenen. Ein Mann habe sich, sichtlich verärgert, per Post gemeldet: Er habe geschildert, das Portemonnaie der verstorbenen Mutter habe gefehlt, als man die gepackten Sachen nach dem Tod im St. Remigius abgeholt habe. Einer Frau, die unter Demenz leide, soll nach einer Behandlung in Opladen ein Ring gefehlt haben.
Diebstahl an dementen Menschen ist aber nicht auf Krankenhäuser beschränkt. Die Frau soll jetzt im Pflegeheim wohnen, dort seien weitere Schmuckstücke, eine Obstschale und ein Nagelpflegeset verschwunden. Wenn die Mutter mal sterbe, habe die Frau gesagt, sei alles Persönliche sicher längst gestohlen, gibt Fülle die Erlebnisse der Frau wider.
<i>Die Prozesse haben wir erneut überprüft</i>
Eine erneute Nachfrage zur Sache bei der K-Plus-Gruppe, die das St. Remigius leitet, beantwortet Sprecherin Cerstin Tschirner so: „Die Prozesse haben wir erneut überprüft und die Mitarbeitenden in der Zentralen Aufnahme-Einheit und den Stationen noch einmal sensibilisiert.“ Vor der geplanten stationären Aufnahme weise das Krankenhaus darauf hin, dass keine Wertgegenstände mitgebracht werden sollen, bei Notaufnahmen bitte man die Angehörigen – sofern sie vor Ort sind – die Wertgegenstände mitzunehmen.
„Sollten keine Angehörigen dabei sein, werden die Wertgegenstände gesondert verpackt und kommen zu den anderen persönlichen Dingen der Patientinnen und Patienten“, sagt Tschirner. „Wir raten immer, bei einem Verlust Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Beides – möglichst keine Wertgegenstände mitzubringen und bei Verlust Anzeige zu erstatten – rät auch die Kriminalprävention der Polizei.“
Ein Leverkusener Bestatter sagt, der Umgang mit Verstorbenen durch die Krankenhäuser sei nicht einheitlich. Im Klinikum soll es etwa üblich sein, dass der Abholer einer Leiche die Wertgegenstände auf einem Zettel quittieren müsse. Im inzwischen geschlossenen Sankt-Josef-Krankenhaus in Wiesdorf, bis zuletzt Teil der K-Plus-Gruppe, sei das dagegen nicht üblich gewesen.
