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„Arm sein“Wie die Burghofbühne Dinslaken Armut auf die Leverkusener Bühne bringt

Nora Mansmanns preisgekröntes Stück fragt im Forum Studio nach Geld, Teilhabe und gesellschaftlichem Wert.

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Oleksandra Zapolska, Asim Odabašic und Vera Rumpel verhandeln in „arm sein“ Fragen nach Geld, gesellschaftlicher Teilhabe und dem Wert eines Menschen.

Oleksandra Zapolska, Asim Odabašic und Vera Rumpel verhandeln in „arm sein“ Fragen nach Geld, gesellschaftlicher Teilhabe und dem Wert eines Menschen.

„Wer zuerst weint.“ Was bedeutet es eigentlich, arm zu sein? Nora Mansmann beantwortet diese Frage in ihrem Stück „arm sein“ bewusst nicht eindeutig. Geldmangel ist nur eine Dimension. Es geht ebenso um fehlende Zeit, gesellschaftliche Teilhabe, Anerkennung und Zukunftsaussichten. Und darum, welchen Wert Menschen sich selbst und anderen zuschreiben. Die Burghofbühne Dinslaken brachte das 2024 mit dem Kathrin-Türks-Preis ausgezeichnete Stück am Dienstagabend unter der Regie von Intendant Mirko Schombert auf die Bühne der Studiobühne im Forum.

Oleksandra Zapolska, Asim Odabašić und Vera Rumpel treten zunächst beinahe wie zu einem Vortrag vor ihr Publikum: „Guten Abend.“ Aus dem kleinen Zuschauerraum kommt die Antwort prompt zurück. Eine vierte Wand wird damit gar nicht erst errichtet. Auch später bleibt die Machart offen sichtbar: Die Spielenden verändern die wenigen Bühnenelemente selbst, lösen Musik aus und bedienen sogar die Projektionstechnik auf offener Bühne.

Auf dem Dach treffen Lebensentwürfe und Abstiegsängste aufeinander, auch Gedanken an den Sprung in die Tiefe schwingen mit.

Auf dem Dach treffen Lebensentwürfe und Abstiegsängste aufeinander, auch Gedanken an den Sprung in die Tiefe schwingen mit.

Eine durchgehende Handlung setzt Mansmann dem nicht richtig entgegen. Da ist ein Mann, der Schriftsteller werden möchte und immer wieder beschriebene Blätter zerknüllt. Eine junge Frau träumt von Konsum, Zugehörigkeit und einem anderen Leben. Ihre Mutter arbeitet als Krankenpflegerin, macht Überstunden und findet kaum noch Zeit für die eigene Tochter. Auf dem Dach treffen Lebensentwürfe und Abstiegsängste aufeinander, auch Gedanken an den Sprung in die Tiefe schwingen mit. Die Szenen bleiben fragmentarisch. Eine angedeutete Annäherung zwischen den beiden Jüngeren verbindet sie lose.

Wiederholungen verändern bei Nora Mansmann die Bedeutung

Die stärksten Momente entstehen dort, wo Schomberts Inszenierung die auffällig rhythmisierte Sprache nicht lediglich vorträgt, sondern mit ihr arbeitet. Besonders deutlich wird das zwischen Mutter und Tochter. Derselbe kurze Dialog über eine verpasste Verabredung, Arbeit und notwendige Überstunden beginnt immer wieder von vorn – einmal aggressiv, dann erschöpft, traurig oder beinahe verständnisvoll.

Mit der Emotion verändert sich dadurch auch die Bedeutung der Sätze. Aus einem Vorwurf wird Hilflosigkeit, aus einer Rechtfertigung Resignation. Ähnlich arbeitet der Abend mit dem wiederkehrenden „Mad World“, dessen bekannte Zeile „All around me are familiar faces“ in verschiedenen musikalischen Fassungen auftaucht. Andere Passagen bekommen einen mantra-, mitunter Spoken-Word-artigen Rhythmus. Bei den über ein Mikrofon gesprochenen Teilen gerät die Verstärkung im kleinen Studio allerdings mehrfach unangenehmen massiv.

Luxuswerbung trifft auf Pflegealltag und Zukunftsangst

Zwei Beamer werfen unter anderem reale Werbung für Luxusmode, Smartphones oder eine Spielekonsole auf ein Tuch im Hintergrund. Weil eine Projektion gespiegelt wird, überlagern sich die Bilder zu einer beinahe kaleidoskopartigen Konsumwelt. An anderer Stelle erscheinen glückliche Kinderfotos. Eine choreografierte Sequenz lässt wiederum privilegierte Eltern roboterhaft auf ihr Kind einreden: liebevoll „Schatz“ genannt und zugleich permanent dazu aufgefordert, sich anzustrengen und etwas aus sich zu machen.

Die gesellschaftlichen Mechanismen, auf die das zielt, sind leicht zu entschlüsseln. Vielleicht zu leicht. Die überarbeitete Pflegerin, die junge Frau mit ihren Konsumwünschen oder der erfolglose Schriftsteller bleiben häufig eher soziale Typen als Figuren, deren Widersprüche wirklich neugierig machen. So findet „arm sein“ viele unmittelbar verständliche Bilder für Leistungsdruck, Ausschluss und materielle Sehnsucht. Interessanter wird die Inszenierung immer dann, wenn sie Mansmanns Text nicht erklärt, sondern durch Rhythmus, Wiederholung und wechselnde Perspektiven tatsächlich eine neue Bedeutungsebene öffnet.

Die städtische Kulturabteilung hatte den Kartenverkauf für „Arm sein“ unter dem Motto „Jeder zahlt, was er kann“ abgewickelt, von fünf bis 100 Euro. Zudem gehen die Erlöse des Theaterabends an die Leverkusener Tafel (mit nip)