Im Sommer mit Freunden in den See springen oder sich fürs Freibad verabreden? Vielen Kindern ist das nicht möglich. Denn: Sie haben nie Schwimmen gelernt. Oder sie machen es trotzdem und begeben sich in Lebensgefahr. Um dagegen zu steuern, haben die Stadt Leverkusen und der Verein Jugendszene Leverkusen einen kostenfreien Anfängerkursus im Schwimmbad Bergisch-Neukirchen geschaffen, der aktuell in den Herbstferien stattfindet. Am Mittwoch stellten die Initiatoren das Projekt vor, dessen enorme Nachfrage belegt, wie wichtig solche Kurse für Kinder und junge Erwachsene sind.
Eine repräsentative Forsa-Erhebung im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ist alarmierend: Bundesweit können 20 Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren nicht schwimmen. Nach Einschätzung der DLRG liege die Zahl tatsächlich fast dreimal so hoch, etwa bei 58 Prozent. „Diese Zahlen sind erschreckend“, so Stadtdirektor Marc Adomat beim Pressetermin im Hallenbad Bergisch-Neukirchen. „Ich habe noch mit meinem Vater schwimmen gelernt, doch unsere Gesellschaft hat sich verändert. Es fehlen Wasserflächen, es fehlen Schwimmlehrer und Schulen können das nur bedingt abdecken. Dass wir nun etwas dagegen machen können, ist eine tolle Sache.“
300 Bewerbungen auf nur 50 Plätze
Die „tolle Sache“ ist der aktuell stattfindende fünftägige Anfängerschwimmkursus für 50 Kinder in Bergisch Neukirchen allemal: Trainiert werden zwei Gruppen hintereinander, von 8 bis 11 Uhr und von 11.30 Uhr bis 14.30 Uhr. Bis zu 70 Prozent schaffen am Ende ihr Seepferdchen-Abzeichen. Die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen im Alter von sechs bis 16 Jahren kommen mit kostenlosen Fahrdiensten aus dem ganzen Stadtgebiet und wurden über Jugendhäuser aufgrund bestehender familiärer Bedarfe gezielt angesprochen.
Außerdem konnten erstmalig Kindern aus Flüchtlingsunterkünften Plätze angeboten werden, da sei der Bedarf besonders stark, sagt Jonas Inden, Leiter Haus der Jugend/Jugendszene Leverkusen, der das Projekt mit seinem Kollegen Jonas Stilc auf die Beine gestellt hat. „Der Andrang war groß, es gab 300 Anmeldungen auf nur 50 Plätze“, so Inden. Eltern fehle es häufig an zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, für Kinder einen der heiß begehrten Kursplätze zu besorgen – oder sie können oder wollen sich nicht kümmern. „Das Thema Schwimmen ist oft mit Scham behaftet. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sie sich uns öffnen, daher sind wir an den Kurstagen auch mit dabei.“
Dass Eltern ihren Kindern in irgendeiner Form schwimmen beibringen setzt voraus, dass Sie selbst schwimmen können.
Dass die Eltern ihren Kindern in irgendeiner Form schwimmen beibringen, setze voraus, dass sie selbst schwimmen können, meint Aylin Doğan, Fachbereichsleiterin Kinder und Jugend der Stadt Leverkusen. Schwimmen zu können, bedeutet Sicherheit, Selbstständigkeit und Teilhabe. „Deshalb sind Angebote wie diese besonders wertvoll: Sie ermöglichen Kindern, unabhängig von ihrer sozialen Situation, wichtige Erfahrungen zu sammeln und Kompetenzen zu entwickeln. Vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltslage brauchen wir genau dieses Engagement“, so Doğan.
Unterstützt wird das Angebot, das die Familien symbolisch zehn Euro pro Kind kostet, durch den Verein „Mutige Kinder“, den Stab Prävention der Stadt Leverkusen und die Bürgerstiftung Leverkusen. Deren Geschäftsführer Manuel Bast nahm sich am Mittwoch Zeit, Leiter Jonas Inden, zu loben: das Engagement, die Logistik und die Planung seien „grandios“. Davon lebe nicht nur ein Projekt, sondern auch eine Gesellschaft. Bast versicherte, dass die Bürgerstiftung Leverkusen weiterhin Schwimmkurse unterstützen wolle.
Und wie gefällt den Kindern der Schwimmunterricht? „Es gab Höhen und Tiefen und auch die eine oder andere Träne ist gekullert“, so Jonas Inden. „Aber die Resonanz ist durchweg gut und bis jetzt ziehen alle durch.“

