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Beratungsangebote vorgestelltHier finden Frauen in Leverkusen Hilfe bei Gewalt

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Alexandra Engel (l.) und Christiane Gäcke von der Frauenberatungsstelle, Jaqueline Tombeux und Christina Bauerfeind vom Frauenhaus sowie Andrea Frewer und Sabine Rusch-Witthohn vom Frauennotruf.

Alexandra Engel (l.) und Christiane Gäcke von der Frauenberatungsstelle, Jaqueline Tombeux und Christina Bauerfeind vom Frauenhaus sowie Andrea Frewer und Sabine Rusch-Witthohn vom Frauennotruf.

Zum Weltfrauentag wird die bittere Realität von Gewalt gegen Frauen in Leverkusen deutlich. Drei Anlaufstellen im Stadtgebiet begleiten Frauen in der Krise.

„450 Frauen in Leverkusen sind im vergangenen Jahr von häuslicher Gewalt betroffen gewesen“, berichtet Christiane Gäcke von der Frauenberatungsstelle Leverkusen. Das bedeutet jeden Tag mehr als eine neue gewaltbetroffene Frau. Die Zahlen steigen – zum Vergleich: 2023 waren es noch 370 Betroffene. Hinzu kommen die Zahlen der Betroffenen von sexualisierter Gewalt und jeweils die Dunkelziffer der Frauen, die kein Hilfsangebot aufsuchen.

Drei Anlaufstellen gibt es für Frauen in derartigen Krisen im Stadtgebiet: die Frauenberatungsstelle, die Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt und das Frauenhaus. Der Frauentag bedeutet für die Ansprechpartnerinnen der Hilfsangebote „Empowerment“ (auf Deutsch: Selbstermächtigung). „Weltfrauentag heißt, Frauen zu stärken, und das machen wir“, sagt Andrea Frewer, Leiterin der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. Und der Frauentag bedeutet nun mal auch, Tatsachen zu benennen: „Gewalt ist ein Thema in fast allen weiblichen Biografien“, so Frewer.

Um diese Anliegen kümmert sich der Frauennotruf Leverkusen

Umso wichtiger ist es, zu wissen, wo man in der Krise Unterstützung erhalten kann. Seit 40 Jahren begleitet die Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt, kurz Frauennotruf Leverkusen, Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, wenn sie sexualisierte Gewalt erlebt haben. Dabei muss es nicht um eine aktuelle Tat gehen, sondern das Ereignis kann auch schon vor Jahren passiert sein und gerade wieder Gesprächsbedarf erfordern.

Die Beratungsstelle leistet erste Stabilisierung nach der Tat, überbrückt die Zeit, bis ein Therapieplatz gefunden ist, begleitet bei diversen organisatorischen Fragen: Wo melde ich mich zur Spurensicherung? Will ich Anzeige erstatten? Wie schaffe ich den Prozess? Sie hat ein offenes Ohr für die Gefühle der Betroffenen. Andrea Frewer bietet außerdem psychosoziale Prozessbegleitung in einem möglichen Gerichtsprozess an. Diese werde auch immer stärker nachgefragt.

‚Wenn ich nicht vergewaltigt worden bin, muss ich ja nicht zu Ihnen kommen‘ ist das Argument, das Frauen am häufigsten vorbringen
Andrea Frewer, Frauennotruf Leverkusen

155 Frauen waren 2025 beim Frauennotruf in Beratung. Der größte Anteil der Frauen sucht die Beratungsstelle wegen Vergewaltigung oder sexueller Nötigung auf. Diese Taten sind die schwerwiegendsten Formen von sexualisierter Gewalt. „‚Wenn ich nicht vergewaltigt worden bin, muss ich ja nicht zu Ihnen kommen‘ ist das Argument, das Frauen am häufigsten vorbringen, wenn es um unsere Beratungsstelle geht“, erklärt Andrea Frewer und stellt klar: „Es ist wichtig, dass Frauen auch bei anderen Formen zu uns kommen, denn das ist alles Gewalt und ein Eingriff in ihre Privatsphäre und Persönlichkeit.“ Und so können Frauen bei den verschiedensten Ausprägungen von sexualisierter Gewalt – sexueller Belästigung, Übergriffen, Stalking, digitaler Gewalt – das Unterstützungsangebot in Anspruch nehmen.

Das ist der Zuständigkeitsbereich der Frauenberatungsstelle Leverkusen

Geht es um häusliche Gewalt oder partnerschaftliche Krisensituationen, ist die Frauenberatungsstelle und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt Ansprechpartnerin. Sie betreut Frauen allerdings nicht nur bei Gewalt, sondern auch in Trennungs- und Scheidungsanliegen. Um die 1000 Beratungsgespräche mit rund 800 Frauen führte die Beratungsstelle im vergangenen Jahr, mehr als die Hälfte davon waren von Gewalt betroffen.

Gerade nach der Corona-Pandemie seien die Zahlen rapide gestiegen. Seitdem seien sie gleichbleibend hoch, wie Christiane Gäcke und Alexandra Engel von der Frauenberatungsstelle berichten. „Durch den Lockdown hat sich häusliche Gewalt wie durch ein Brennglas entwickelt“, sagt Gäcke. Dass die Beratungszahlen gestiegen sind, deuten die Fachpersonen aber eher als positiv: „Frauen haben den Mut zu sagen: ‚Ich muss Gewalt nicht aushalten‘.“ Neben den Beratungen fällt auch die Krisenintervention in das Aufgabenfeld der Stelle: Wenn eine Betroffene die Polizei ruft, wird die Stelle automatisch zugeschaltet. Im Jahr 2025 habe es 50 solcher Interventionsfälle in Leverkusen gegeben.

So arbeitet das Frauenhaus Leverkusen

Wenn klar ist, dass die Frau im eigenen Haus nicht mehr sicher ist, kann die Frauenberatungsstelle zum Beispiel an das Frauenhaus Leverkusen weitervermitteln. Die Einrichtung besteht seit 46 Jahren und bietet Platz für acht Frauen und deren Kinder. Darunter allerdings nicht nur Frauen aus Leverkusen, denn für einige ist das Gefährdungspotenzial zu hoch, sodass das Frauenhaus sie in anderen Frauenhäusern unterbringen muss, um ausreichenden Schutz gewährleisten zu können.

Dabei ist das Frauenhaus nicht ausschließlich für häusliche Gewalt und nicht ausschließlich für partnerschaftliche Gewalt zuständig, sondern nimmt sich auch Themen wie Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Gewalt im Elternhaus an. Die Anlaufstelle regelt die finanzielle, die gesundheitliche und die rechtliche Dimension, die mit der Gewalterfahrung einhergeht, und schaut auf die Kinder als Mitbetroffene von Gewalt.

‚Du bist hier richtig‘ ist unser Motto.
Jaqueline Tombeux, Frauenhaus Leverkusen

Wie lange die Frauen in der Einrichtung bleiben, sei unterschiedlich, schildert Christina Bauerfeind vom Frauenhaus Leverkusen. „Es kann auch sein, dass sich die Frau dazu entscheidet, zurück zum Gewalttäter zu gehen. Natürlich würde ich jeder Frau ein gewaltfreies Leben wünschen, aber wir respektieren diese Entscheidung. Die Frau muss sich nicht für diesen Schritt schämen“, so Bauerfeind. Außerdem sei es mutig, den ersten Schritt aus der Gewalt hin zu einem Hilfsangebot zu gehen. „‚Du bist hier richtig‘ ist unser Motto“, fügt ihre Kollegin Jaqueline Tombeux an.

Die unzureichende Anzahl an Schutzplätzen stellt für das Frauenhaus allerdings ein Problem dar: Weit über 100 Frauen müssten sie jährlich abweisen. Bundesweit fehlen 14.000 Plätze. Diese Überbeanspruchung ihrer Kapazitäten bekommen auch der Frauennotruf und die Frauenberatungsstelle zu spüren. „Wir sind alle unterfinanziert und arbeiten nicht kostendeckend mit den offiziellen Mitteln“, so Alexandra Engel. Die Anlaufstellen sind zum Teil kommunal, zum Teil vom Land finanziert. Von offizieller Seite wünschen sie sich mehr Unterstützung.

Weitere Informationen finden sich auf der jeweiligen Internetseite. Rund um die Uhr ist außerdem das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter folgender Nummer erreichbar: 116 016.

www.frauennotruf-lev.de

www.frauenberatungsstelle-leverkusen.de

www.frauenhaus-leverkusen.de