Einmal im Monat wird die Stadtbibliothek Leverkusen zum Lesezimmer für Therapiebegleithündin Lara.
Tierisches Projekt in der StadtbibliothekWenn Lara zuhört, fällt das Lesen ganz leicht

Literaturpädagogin Anita Houben bietet einmal im Monat gemeinsam mit Therapiebegleithündin Lara eine kostenlose Vorlesestunde in der Stadtbibliothek Leverkusen an.
Copyright: Charlotte Breidohr
Lara sitzt ganz entspannt auf ihrer Decke, als die ersten Kinder den Raum betreten. Manche beobachten die ruhige Hündin zunächst lieber aus sicherer Entfernung, andere wollen ihr am liebsten direkt über den Kopf streicheln. Spätestens als Lara das erste Mal Pfote gibt und sich auf ihre Decke mitten im Sitzkreis niederlegt, ist das Eis gebrochen. Denn die neun Jahre alte Australian-Shepherd-Hündin hat heute einen besonderen Auftrag: Sie hört den Kindern beim Lesen zu.
Hier mit Lara ist die Regel: Jeder ist gut, so wie er oder sie ist. Nicht jeder kann gleich gut lesen, das ist vollkommen in Ordnung. Wir wollen Spaß zusammen haben und Lara freut sich, euch zuzuhören
Zwölf Mädchen und Jungen im Alter von drei bis elf Jahren sind an diesem Nachmittag in die Stadtbibliothek Leverkusen gekommen. Einige können bereits flüssig lesen, andere blättern noch durch Wimmelbücher und erzählen, was sie entdecken. Für Lara spielt das keine Rolle. „Eins ist mir total wichtig: Hier mit Lara ist die Regel: Jeder ist gut, so wie er oder sie ist. Nicht jeder kann gleich gut lesen, das ist vollkommen in Ordnung. Wir wollen Spaß zusammen haben und Lara freut sich, euch zuzuhören“, sagt Literaturpädagogin Anita Houben. Sie ist Laras „Frauchen“.
Die 62-Jährige aus Langenfeld bietet die tierische Vorlesestunde einmal im Monat kostenlos und ohne Anmeldung an. Eigentlich wurde Lara als Familienhund angeschafft. Doch eine Hundetrainerin entdeckte ihr Potenzial und empfahl eine spezielle Ausbildung und Prüfung zum Therapiebegleithund. „Es war erst der Plan, mit Erwachsenen zu arbeiten. Aber Lara mag Kinder einfach viel lieber. So ist es gekommen, dass wir nun ganz viele Angebote mit Kindern machen“, so Besitzerin Houben.
Zuhören ohne Druck und Wertung
Dann beginnt die Vorlesestunde. Die Kinder nehmen im Halbkreis Platz, Lara liegt entspannt auf ihrer Decke in der Mitte und beobachtet aufmerksam, wer als Nächstes an der Reihe ist. Franziska (8) liest aus „Ostwind“, Julius (11) hat „Willi Wonka“ mitgebracht. Malik (3) kann zwar noch nicht lesen, zeigt Lara dafür begeistert die Tiere in seinem Wimmelbuch.
Anita Houben spricht mit den Kindern über die Geschichten und stellt immer wieder Fragen zum Gelesenen. Zwischendurch dürfen die Mädchen und Jungen Lara ein Leckerchen geben. „Mit der flachen Hand darfst du Lara ein Leckerchen geben. Wenn die Hand etwas feucht wird, könnt ihr sie an der Decke abwischen“, erklärt sie und nimmt den Kindern so spielerisch die Scheu vor dem Hund. Ganz nebenbei vermittelt die Literaturpädagogin Wissenswertes über Vierbeiner und den richtigen Umgang mit ihnen. Die Kinder hören aufmerksam zu.

Eingespieltes Team: Literaturpädagogin Anita Houben und Therapiebegleithündin Lara möchten Kinder spielerisch für das Lesen begeistern.
Copyright: Charlotte Breidohr
Franziska weiß schon einiges: „Hunde können sehr wild sein. Wenn man sie ärgert, können sie auch beißen.“ „Das stimmt“, antwortet Houben. „Hunde stammen von den Wölfen ab. Deswegen steckt in jedem Hund etwas Wildes.“ Anschließend erklärt sie kinderfreundlich, warum man fremden Hunden besser nicht entgegenrennt. „Hütehunde wie Lara reagieren sehr auf Bewegung. Wenn ihr einen Hund seht, den ihr nicht kennt, dann einfach stehen bleiben. Dann haben sie nichts zu hüten und nichts zu spielen.“
Lesen, lernen und Leckerchen verteilen
Auch über Körpersprache lernen die Kinder etwas. „Für uns Menschen ist es normal, dass wir uns direkt in die Augen schauen. Wenn Hunde freundlich miteinander kommunizieren, schauen sie sich nicht an.“ Das sei in ihrer Sprache höflich und respektvoll.
Nach jeder gelesenen Seite darf Lara natürlich nicht leer ausgehen. Die Kinder geben ihr kleine Leckerchen oder ein Kommando. Zum Schluss will Yael (8) Lara am liebsten gar nicht mehr verlassen. Sie ist bereits zum zweiten Mal dabei. „Ich mag Hunde. Lara ist ruhig und hört mir gern zu und ich lese sehr gern. Ich komme auf jeden Fall nochmal wieder.“
Für Anita Houben steckt hinter dem Angebot weit mehr als ein schöner Nachmittag in der Bibliothek. „Wir wollen mit dem Projekt Kinder so früh wie möglich für das Lesen und Literatur begeistern. Das Ziel ist, am Ende der Grundschule sinnerfassend lesen zu können.“ Studien zeigten immer wieder, welche Auswirkungen mangelnde Lesekompetenz später auf Ausbildung, Berufschancen und gesellschaftliche Teilhabe haben können. Dass ausgerechnet eine Hündin dabei helfen kann, überrasche viele Erwachsene. Für Houben ist die Erklärung einfach: „Das Projekt kommt super an. Wir haben hier keinerlei Wertung durch die Hündin. Die Hündin akzeptiert, toleriert und genießt jeden Stand der Lesequalität.“
Lara jedenfalls scheint ihre Arbeit ebenfalls zu gefallen: Sie lauscht geduldig jeder Geschichte, verteilt zwischendurch den einen oder anderen Hundekuss und freut sich am Ende über viele Streicheleinheiten. Ein tierisch guter Job eben.
Information
Weitere Termine im zweiten Halbjahr 2026 von Lara sind: 25. August, 15. September, 27. Oktober, 17. November und 15. Dezember, jeweils von 16 bis 17 Uhr im 1. Obergeschoss der Stadtbibliothek Leverkusen. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig. Die Teilnahme ist kostenlos.
