Der in Sachsen-Anhalt aufgewachsene Comedian spricht über die AfD, Populismus – und die Frage, warum einfache Antworten gerade so gut funktionieren.
ComedyIngmar Stadelmann in Leverkusen: Mit Humor gegen einfache politische Antworten

Nach mehr als zwölf Jahren kehrt Ingmar Stadelmann für einen Auftritt nach Leverkusen zurück – diesmal mit seinem politischen Satireprogramm „Stadelmann liest Höcke“.
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Weniger als 20 Menschen saßen vor rund zwölf Jahren in Leverkusen im Publikum, als Ingmar Stadelmann einen seiner frühen Soloauftritte hatte. Eigentlich ein Moment, an den er nicht so gerne zurückdenkt. Seitdem hat er die Stadt beruflich nicht mehr besucht. Jetzt kommt er zurück. Diesmal mit einem Programm über den AfD-Politiker Björn Höcke.
Doch ausgerechnet bei einer Show, deren Titel „Stadelmann liest Höcke – ein satirischer Diskurs kurz vor der Machtergreifung“ zunächst nach politischer Abrechnung klingt, geht es Ingmar Stadelmann erstaunlich wenig darum, Menschen von seiner eigenen Meinung zu überzeugen. „Ich bin ja kein Missionar“, sagt er. Vielmehr interessiert ihn, warum Menschen in Zeiten großer Unsicherheit für einfache politische Antworten empfänglich werden. Und was passiert, wenn man nicht mehr schweigt, sondern nachfragt: „Seit wann glaubst du das eigentlich?“
Von Kontrollverlust zu den einfachen Antworten
Ingmar Stadelmann zieht im Gespräch eine Verbindung zwischen der AfD, der MAGA-Bewegung von Donald Trump und dem Brexit. Nicht, weil diese politischen Bewegungen identisch seien. Sondern weil sie ein ähnliches Gefühl ansprechen könnten: den Wunsch, die Kontrolle über eine Welt zurückzugewinnen, die immer komplizierter wird. Deutschland werde sich verändern müssen, sagt Ingmar Stadelmann. Gleichzeitig gebe es Menschen, die genau diese Veränderungen verunsicherten. Dann komme jemand und verspreche: Es könnte alles wieder einfacher werden.
„Wenn da jemand kommt und sagt: Nee, kann man alles noch anders machen. Nicht so einen Stress. Wir kümmern uns darum, dass ihr euch wohlfühlt. Gebt uns mal die Macht. Dafür gebt ihr ein bisschen Freiheit ab, aber dafür habt ihr weniger Sorgen. Dann verfängt das.“ Populismus reduziere Komplexität. „Es werden Schuldige geliefert, die man sozusagen dann als Erklärung oder als Ausrede hat.“
Der Witz ist nie das Problem.
Dass ausgerechnet Humor dafür geeignet sein soll, hält Ingmar Stadelmann für keinen Widerspruch. „Der Witz ist nie das Problem“, sagt er. Wer Witze oder Pointen bekämpfe, habe möglicherweise eher Angst davor, sich mit den tatsächlichen Themen auseinanderzusetzen. „In der Zuspitzung liegt ja auch immer Chance für Erkenntnis.“ Die Frage, ob Satire selbst zu stark vereinfacht, beschäftigt ihn durchaus. Eine Pointe müsse schließlich schnell verstanden werden. Aber eine Zuspitzung könne auch dazu führen, dass ein komplizierter Zusammenhang überhaupt erst sichtbar werde. Anders als Populismus wolle Satire die Komplexität danach nicht einfach durch eine vermeintlich einfache Lösung ersetzen.
Björn Höcke zunächst nur Randfigur
Seine Auseinandersetzung mit dem Vorsitzenden der thüringischen AfD‑Fraktion begann lange bevor daraus ein eigenes Bühnenprogramm wurde. Um 2013 sah Stadelmann Björn Höcke in Erfurt. Eine Aussage blieb hängen: „Wir sind nicht 80 Millionen, wir sind höchstens 60.“ Ingmar Stadelmann notierte sich den Satz. Er hatte so etwas nach eigener Erinnerung noch nicht von einem deutschen Politiker gehört. Zunächst hielt er Björn Höcke offenbar eher für eine Randfigur innerhalb der AfD. Doch dann beobachtete er, dass Höcke mehrere Parteivorsitzende überstand und die AfD in Thüringen mehr als 30 Prozent erzielte.
Für Ingmar Stadelmann wurde damit die Frage interessanter, welche Bedeutung Höcke tatsächlich innerhalb der Partei hat. Er las Björn Höckes Interviewband und analysierte die Texte.
Am Ende lagen etwa viereinhalb Stunden Textauszüge auf seinem iPad. „Die kann ich ja nicht alle vorlesen“, war offenbar schnell klar. Also entstand ein anderes Konzept: Höckes Texte werden mit Ingmar Stadelmanns eigenen Kommentaren konfrontiert. Teilweise lässt er eine imaginäre Figur namens „Demokratie“ auf die Aussagen reagieren. Dazu kommen Stand-up, Analyse und Diskussion.
AfD-Wähler nicht bekehren
Der entscheidende Punkt ist für Ingmar Stadelmann aber nicht, am Ende alle Zuschauer auf eine politische Linie gebracht zu haben. Ihn interessiere vielmehr, ob Menschen anfangen, über Aussagen nachzudenken und darüber zu sprechen. Das zeigt sich für ihn auch nach den Vorstellungen. Immer wieder bekomme er Wochen später lange Mails von Zuschauern.
„Das ist im Prinzip alles, was ich leisten kann als Satiriker, mein Publikum in irgendeiner Form zu inspirieren.“ Ingmar Stadelmann sagt, er wolle keine zwei Stunden AfD-Bashing veranstalten. Vielmehr gehe es darum, mit Humor ein Fenster zu öffnen, durch das Menschen auf ein Thema schauen und anschließend überlegen können, was es für sie selbst bedeutet. „Satire ist ein gesellschaftlicher Seismograf“, sagt er. Solange das, was er mache, möglich sei, „ist noch nicht alles verloren“.
Was ihn besonders beschäftigt, ist die Frage, was Menschen tun, wenn sie im Alltag mit extremen oder fragwürdigen Aussagen konfrontiert werden. Man müsse nicht gleich einen großen politischen Streit beginnen, sagt Stadelmann. Man könne auch einfach fragen: „Was sagst du da eigentlich?“ Denn der Satz „Der Klügere gibt nach“ funktioniert seiner Meinung nach gerade bei Extremisten nicht. „Der Klügere gibt nach ist halt kein Gewinnerkonzept mit Extremisten.“
Comedy schweißt zusammen
Wie unterschiedlich die Menschen sind, die zu seinen Vorstellungen kommen, zeigt eine Erfahrung aus Thüringen. In Meiningen spielte Stadelmann vor etwa 600 bis 700 Menschen. Der jüngste Zuschauer war 16. Der Jugendliche sagte ihm anschließend, dass er zum ersten Mal in einem Raum gewesen sei, in dem Menschen saßen, die die Welt ähnlich sehen wie er. Der älteste Zuschauer war mehr als 90 Jahre alt. Nach der Vorstellung sagte er Ingmar Stadelmann, sein Bauchgefühl sage ihm, dass er sich bei Björn Höcke Sorgen machen müsse. Die Show habe ihm geholfen, zu erkennen, dass dieses Gefühl nicht falsch sei.
Auch seine Arbeitsweise auf der Bühne ist nicht vollständig festgelegt. Ingmar Stadelmann vergleicht Stand-up mit Lego. Er habe fertige Bausteine. Doch erst im Kontakt mit dem Publikum entscheide sich, was daraus an diesem Abend werde – eine Feuerwache oder eine Burg. Ein großer Teil des Programms bleibe gleich. Aber Reaktionen und Gespräche könnten die Richtung verändern. Manchmal bleibt Ingmar Stadelmann nach einer Vorstellung noch eine Stunde oder länger bei den Zuschauern.
Vielleicht erklärt auch Stadelmanns eigene Biografie, warum er sich auf der Bühne mit Politik auseinandersetzt. Sein Vater war unter anderem als Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt tätig. Viel hatte er von ihm allerdings nicht. Der Vater arbeitete praktisch die ganze Woche: Montag bis Freitag im Landtag, anschließend Termine vor Ort, Eröffnungen, Reden und Veranstaltungen. Ingmar Stadelmann weiß deshalb, wie viel Arbeit hinter Politik stecken kann – gerade in der Landes- und Kommunalpolitik. Auch das Diskutieren selbst ist für Ingmar Stadelmann nichts Neues. Sein Großvater habe ihn bereits als Kind immer wieder in Diskussionen verwickelt. Er habe dadurch früh gelernt, seine Gedanken zu verteidigen und sich auf Gegenargumente einzulassen.
Bei Bundeskanzler Friedrich Merz findet er trotzdem reichlich satirisches Material. Friedrich Merz wirke auf ihn teilweise „aus der Zeit gefallen“, eher wie ein Politiker aus den späten 90er- oder frühen 2000er-Jahren, der plötzlich im Jahr 2026 auftauche.
Leverkusen oder Düsseldorf: Hauptsache Rheinland
Die Rückkehr nach Leverkusen hat für Stadelmann trotzdem einen besonderen Beigeschmack. Der Auftritt vor weniger als 20 Menschen liegt rund zwölf bis 13 Jahre zurück. Seitdem hat er hier nicht mehr gespielt. Nun sieht er die Sache entspannter. Die Nachfrage sei diesmal deutlich größer. Und mit dem Rheinland verbindet Stadelmann ohnehin eine spezielle Form des Humors. Er lebt seit rund 25 Jahren in Berlin. Nach den Unterschieden zwischen Köln, Düsseldorf und Leverkusen gefragt, sagt er: „Für mich ist das dieselbe Stadt.“ Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint. Die wirklich interessanten Unterschiede beim Humor sieht Ingmar Stadelmann ohnehin weniger zwischen Köln und Düsseldorf oder zwischen Nord und Süd. Eher zwischen Stadt und Land.
Dass Björn Höcke nicht sein letztes großes gesellschaftliches Thema bleiben wird, zeigt sein nächstes Projekt. Für 2027 plant Ingmar Stadelmann „Stadelmann liest die Bibel – ein satirischer Diskurs von Gott bis Telegram“. Auf seiner Website sind bereits die ersten Vorpremieren und die Premiere am 1. April 2027 im Berliner Tempodrom angekündigt. Auch hier geht es ihm nicht einfach um Religion.
Er interessiert sich für Glaubenssysteme – und dafür, warum Menschen gerade in komplizierten Zeiten nach einfachen Gewissheiten suchen. Heute könnten diese Gemeinschaften über Telegram entstehen. Menschen glaubten an die unterschiedlichsten Verschwörungserzählungen, suchten Gleichgesinnte und bauten sich eigene Erklärungssysteme. „Das funktioniert aber genauso, wie diese Glaubensgemeinschaften funktionieren“, sagt er. Der Glaube an solche Erklärungen sei „tief in uns verankert“. Nur das Medium habe sich verändert: „Das funktioniert halt jetzt mit Telegram statt mit der Bibel.“
Ingmar Stadelmann kommt am 13. September 2026 um 19.30 Uhr mit „Stadelmann liest Höcke“ in den Scala-Club in Leverkusen-Opladen. Restkarten gibt es laut Veranstalter an der Abendkasse. (vl)
