Improvisation ohne feste Hierarchie. Schon die Besetzung ist ungewöhnlich. Einen Kontrabass gibt es nicht, dafür Jörg Brinkmanns Cello, das zwischen Fundament, Melodiestimme und Geräusch changieren kann. Jeroen van Vliet erweitert den Klavierklang mit Synthesizerflächen, Christian Thomé behandelt sein Schlagzeug weniger als Taktmaschine, denn als Quelle von Impulsen und Farben. Darüber steht Markus Stockhausens heller, ausgesprochen kontrollierter Ton auf Trompete und Flügelhorn – aber eben nicht permanent im Vordergrund.
Genau darin liegt die Stärke dieser Formation, die am Montag in der Wiesdorfer Christuskirche im Rahmen der Spiritual Jazzdays auftritt: Form entsteht nicht allein aus Komposition, sondern aus Aufmerksamkeit. Stockhausen spricht selbst von „intuitiver Musik“ – einem Begriff, der bei ihm weit über freie Improvisation hinausweist und auf eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Verhältnis von Vorgabe und Augenblick zurückgeht.
„Celebration“ zwischen Jazz, Neuer Musik und kammermusikalischer Feinzeichnung in Leverkusen
Das Doppelalbum „Celebration“ erschien bereits 2024 und bildet weiterhin einen Kern des Repertoires der Gruppe. Die Musik bewegt sich zwischen melodischem Jazz, europäischer Kunstmusik, elektronischen Klangflächen und freieren Passagen. Gerade live stellt sich deshalb weniger die Frage, wie originalgetreu das Album reproduziert wird, sondern was aus seinem Material inzwischen geworden ist.
Besonders interessant ist dabei Brinkmanns Cello: Wo im traditionellen Quartett der Bass fest im Fundament verankert wäre, kann es hier plötzlich selbst zur Solostimme werden. Van Vliet wiederum schafft harmonische Räume, ohne sie mit Akkorden zuzudecken, während Thomé rhythmische Bewegung oft eher andeutet als ausbuchstabiert. So entsteht ein Klangbild, das eher atmet als streng marschiert.
Wiesdorf: Spiritualität entsteht bei Stockhausen aus musikalischem Raum
Der Begriff „Spiritual Jazz“ führt bei Markus Stockhausen zunächst in eine andere Richtung als bei John oder Alice Coltrane, Pharoah Sanders oder Don Cherry. Deren Musik ist historisch eng mit der afroamerikanischen Avantgarde, religiöser Suche und gesellschaftlicher Emanzipation verbunden.
Stockhausens Weg führt hingegen über Neue Musik, Jazz, klassische Ausbildung und eine sehr persönliche Vorstellung von Intuition und Spiritualität. Gerade deshalb passt die gut besuchte Christuskirche zu dieser Musik. So eine „Group“ kann mit kleinsten Gesten ganze Verläufe verändern. Sie kann aber auch Gefahr laufen, selbst das Unvorhersehbare allzu vertraut klingen zu lassen. Ob diese Balance gelingt, entscheidet darüber, ob aus Wohlklang tatsächlich Spannung wird.
Weitere Konzerte
Vier weitere Konzerte finden noch im Rahmen der Spiritual Jazzdays statt: Dienstag, 27. Oktober: Pianist Tord Gustavsen kommt solo mit seinem Programm „Seeing“. Mittwoch, 28. Oktober: Das Igor-Lazarev-Trio mit Igor Lazarev (Gitarre), Fritz Roppel (Bass) und Johannes Pfingsten (Schlagzeug) steht laut Veranstalter für ein „intimes, authentisches und lebendiges Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Drums auf höchstem Niveau“. Donnerstag, 29. November: „Chanson goes Jazz“ heißt es bei Jean Faure und dem Son Orchestre. Die Musikerinnen und Musiker: Jean Faure (Gesang), Hedayet Djeddikar (Klavier), Dirk Ferdinand (Schlagzeug), Kristaps Grasis (Gitarren, Mandoline, Ukulele), Matthias Höhn (Concertina, Bassklarinette, Charango, Flöten, Dudelsäcke), Markus Quabeck (Kontrabass, E-Bass). Freitag, 30. November: „Ein Hochamt für Supertramp-Fans und Freunde eines kraftvollen, jazzigen Sounds mit viel Fun-Faktor“ soll das Konzert der Supertramp-Revival-Band um Pianist Markus Schinkel werden. Alle Konzerte in der Christuskirche, beginnen um 19 Uhr, Einlass ist um 18.30 Uhr, Karten gibt es bei Kölnticket. Weitere Informationen gibt es online.

