Verdeckte Videoüberwachung, Observation und falsche Identitäten gehören bei Andreas Simon zum Arbeitsalltag.
Besondere MethodenSo ermittelt ein Detektiv unerkannt in Leverkusen

Andreas Simon muss als Detektiv unerkannt bleiben.
Copyright: Eva Burghardt
Andreas Simon fällt im Café nicht auf. Er trägt ein weißes Hemd mit roter Krawatte, bestellt eine Trinkschokolade mit Sahne. Dieser Mann könnte Steuerberater sein. Vielleicht verkauft er auch Versicherungen. Andreas Simon kann sein, wer er will – wenn es drauf ankommt. Als Detektiv muss er unerkannt bleiben.
Einmal haben er und sein Team sich als Filmcrew ausgegeben. Ein Kunde hatte den Verdacht, dass eine andere Firma unerlaubt sein Patent nutzt. „Also haben wir gesagt, wir seien Filmstudenten und wollen für eine Dokumentation dort ein paar Aufnahmen drehen.“ Niemand zweifelt an dieser „Vorwandgeschichte“, wie Simon es nennt. Die Methode nutzen Detektive öfter.
Wenn Simon eine verschwundene Person sucht, gibt er sich etwa als Mitarbeiter einer Leasing-Gesellschaft aus oder sagt, er suche einen Unfallzeugen. Es gibt auch noch andere Methoden, um Personen zu finden, die untergetaucht sind. „Jeder hinterlässt Spuren“, sagt der Detektiv. Sei es über einen Handyvertrag oder den Stromanbieter. „Wir haben gewisse Informanten, die solche Dinge dann nachvollziehen können.“ Länger als drei Monate sei es fast unmöglich, spurlos unterzutauchen.
Der Detektivberuf ist nicht geschützt
Eigentlich ist der 62-Jährige gelernter Kfz-Mechaniker. „Das hat mir als Jugendlicher viel Spaß gemacht“, sagt er. „So an Autos herumzuschrauben.“ Doch die immer gleichen Aufgaben – Ölwechsel, kleine Inspektion, große Inspektion – „das erschien mir auf Dauer irgendwie langweilig.“ Für den Rest seines Lebens wollte Simon eine spannendere Aufgabe. „Da hat mein jugendliches Temperament sicher eine Rolle gespielt. Genauso wie die Geschichten im Fernsehen.“
Der Siegburger beschließt, Privatdetektiv zu werden. Das war im Jahr 1982. Damals gab es noch keine Ausbildung für Detektive, wie sie heute etwa die Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe, kurz ZAD, anbietet. Deswegen meldet sich Simon bei einer Kölner Detektei und arbeitet dort anderthalb Jahre als Praktikant mit. Danach macht er sich selbstständig und ist mit damals 18 Jahren der jüngste Detektiv Deutschlands. Geschützt ist der Beruf bis heute nicht, sagt Simon. „Im Prinzip kann jeder ein Gewerbe anmelden und sich Detektiv nennen.“
Wir kümmern uns um alles, was mit Mitarbeitenden zu tun hat. Die stellen nämlich oft ein großes Problem dar.
Heute liegt ein Schwerpunkt seiner Detektei, die auch in Leverkusen ermittelt, im Bereich Wirtschaft. Seine Kunden sind Firmen und Unternehmen jeder Größe – vom Dax-Konzern bis zur Bäckerei. „Wir kümmern uns um alles, was mit Mitarbeitenden zu tun hat“, sagt Simon. „Die stellen nämlich oft ein großes Problem dar.“ Es geht um Arbeitszeitbetrug, Manipulation und Diebstähle. Geklaut wird in allen Branchen, sagt Simon. „Bei Tankstellen, bei Friseuren, am Kiosk. Selbst beim Zahnarzt.“
An einen Fall erinnert er sich noch gut. Das war kurz nach Gesundheitsreform im Jahr 2005. Seitdem müssen Patientinnen und Patienten für gewisse Leistungen beim Zahnarzt selbst aufkommen. „Der Kunde, der mich kontaktiert hat, hatte dafür eine Kasse in der Praxis aufgestellt“, sagt Simon. Darin sammelte er die Einnahmen für diese Behandlungen. Alles lief ohne Probleme. Bis dem Steuerberater des Arztes auffiel, dass seine eingereichten Belege nicht zu den Einzahlungen bei der Bank passten. Es fehlten fast 24.000 Euro. In Absprache mit dem Zahnarzt stellt Andreas Simon verdeckte Kameras auf, mit denen er die Kasse überwacht. „Am Ende kam raus, dass vier von fünf Mitarbeiterinnen sich daraus bedient hatten.“
Verdeckte Videoüberwachung ist nur eine von Simons Methoden. Eine andere ist die Observation, also das Beobachten von Personen. Das passiert zum Beispiel dann, wenn deren Arbeitgeber vermutet, dass sie trotz Krankschreibung einem anderen Job nachgehen. „Bevor wir aber in irgendeiner Form ermitteln, muss ein Anfangsverdacht bestehen“, sagt Simon. Das gelte für den wirtschaftlichen wie auch den privaten Bereich. „Wenn jemand nur wissen möchte, was sein Nachbar nach Feierabend macht, können wir leider nicht helfen.“
Observationen in Leverkusen brauchen besondere Vorbereitung
Bei einer Observation arbeitet Andreas Simon oft mit mehreren Kollegen zusammen – je nach Umgebung des Einsatzes. „In Leverkusen gibt es zum Beispiel viele Ampeln“, sagt Simon. Da reiche es nicht, eine Person mit einem Auto zu verfolgen. „Wenn die Zielperson zwei Wagen vor uns ist und noch in der Gelbphase rüberfährt, verlieren wir sie.“ Deswegen sind oft mehrere Autos im Einsatz. „Wir observieren auch mit dem Motorrad oder Fahrrad“, sagt Simon. Kontakt halten die Detektive über Funk oder mit dem Telefon. Wichtig ist vor allem, dass die Zielperson nicht mitbekommt, dass sie beobachtet wird. „Wenn wir merken, dass sich jemand ungewöhnlich verhält, brechen wir die Observation ab.“

Detektiv Andreas Simon fällt im Café nicht auf.
Copyright: Eva Burghardt
Mit den Filmen und Dokumentationen im Fernsehen hat sein Beruf wenig zu tun, sagt Simon. Die meisten Klischees seien übertrieben. Durch eine Zeitung mit zwei Löchern hat er noch nie geschaut. „Ich habe keine schmierige Lederjacke wie Josef Matula, keinen roten Ferrari wie Magnum und gerate nicht in Schlägereien.“ Stattdessen beginnt der Arbeitsalltag des Detektivs morgens um 8.30 Uhr im Büro. Zuerst nimmt er Kontakt zu seinen Kunden auf, erst danach plant er den Einsatz für den Tag.
Dabei arbeitet er mit Freiberuflern aus ganz Deutschland zusammen. Das hat mehrere Vorteile. „Es geht schon beim Dialekt los“, sagt Simon. „Wenn wir in Bayern eine Person suchen, falle ich als Rheinländer sofort auf.“ Deswegen springen dann Kollegen aus Bayern ein – und umgekehrt. Die meisten Detektive haben außerdem vorher einen anderen Beruf gelernt. „Jeder bringt eine Expertise mit“, sagt Simon. Das hilft bei der Vorwandgeschichte. „Wenn wir in einem handwerklichen Betrieb ermitteln, schicken wir die Person dorthin, die sich damit auskennt.“ Ganz besonders rar und nützlich sind Kolleginnen, sagt Simon. „Denn bei einem Detektiv denkt nämlich jeder an einen Mann.“
Besonders rar sind Detektivinnen
Einer seiner größten Einsätze war der in der Fleischfabrik. „Da war dem Chef aufgefallen, dass ganze Paletten mit Fleisch plötzlich an Orten standen, wo sie nichts zu suchen hatten“, sagt Simon. Also schleust der Detektiv dort einen Mitarbeiter ein. Der berichtet, dass er von denselben Kollegen immer zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Halle geschickt wurde. „Also haben wir Kameras installiert.“ Darauf sehen die Detektive, wie das Fleisch in den Bereich für das Leergut gebracht wird. Dort hat die Firma keine Videoüberwachung. „Nach Dienstschluss kam dann einer und hat das Fleisch abgeholt.“ Die Detektive finden raus, dass es von dort unter anderem an Gastronomiebetriebe weiterverkauft wurde – mit großem Gewinn, weil die Einkaufspreise wegfielen. „Das war ein eigenes Geschäftsmodell innerhalb des Unternehmens.“
Als Simons Auftraggeber das erfährt, holt er die Polizei dazu. „Die haben dann die Telefone überwacht“, sagt Simon. Fast drei Monate dauert der Einsatz. Dann ist der Tag gekommen: Über mehrere Stunden durchsucht die Polizei den Betrieb. „Es gab jede Menge Festnahmen.“ Die Gesundheitsämter schließen sämtliche Betriebe, die das Fleisch gekauft haben. Weil die Kühlkette unterbrochen war, bestand ein Gesundheitsrisiko. „Das war ein richtiges Tohuwabohu", sagt Andreas Simon. Dann leert er seine Trinkschokolade. Er bezahlt bar und lässt sich eine Quittung geben. „Für die Spesenabrechnung“, sagt er. Der Detektiv verlässt das Café. Den meisten Besuchern wird er nicht aufgefallen sein.

