Nach den Etatkürzungen folgt die Einsparung bei Krankenkassen. Das sorgt bei Psychotherapien aus der Umgebung für viel Kritik. Die Versorgungslage verschlimmert sich.
Einsparungen bei KrankenkassenLeverkusener Psychotherapeuten bangen um Gesundheitsversorgung

Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration für faire Honorare für Psychotherapeuten protestieren auf dem Rathausmarkt in Hamburg. Das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW) rief zu bundesweiten Demonstrationen in zahlreichen Städten auf.
Copyright: Christian Charisius/dpa
Sie verließen die Couch und gingen auf die Straße. Im März und April demonstrierten Psychotherapeuten in vielen Städten Deutschlands gegen einen Beschluss, der Hunderttausende direkt betreffen könnte: all jene, die einen Therapieplatz suchen und künftig wohl noch länger warten müssen.
Der Auslöser: Am 11. März hatte der Erweiterte Bewertungsausschuss beschlossen, die Honorare für nahezu alle psychotherapeutischen Leistungen ab dem 1. April pauschal um 4,5 Prozent zu kürzen. Das Gremium, das über die Vergütung ärztlicher und psychotherapeutischer Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entscheidet, überstimmte dabei die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) – jene Organisation, die die niedergelassenen Therapeuten vertreten soll.
Franziska Rakoczy hat die Entwicklung von Anfang an verfolgt. Die Psychotherapeutin aus Leverkusen war nicht überrascht, als die Kürzungen offiziell wurden – das Durchsickern eines möglichen Minus von zehn Prozent hatte die Branche bereits zuvor aufgeschreckt. Dass es „nur“ 4,5 Prozent wurden, empfindet sie nicht als Erleichterung. „Als ich davon gehört habe, war ich erst sehr wütend“, sagt sie. „Und dann auch so eine Sprachlosigkeit. Ich verstehe nicht, wie man zu diesem Schluss kommen kann.“
Eine Begründung des GKV-Spitzenverbandes: Seit 2013 seien die Honorare der Psychotherapeuten um 52 Prozent gestiegen – gegenüber 33 Prozent bei den übrigen ärztlichen Fachgruppen. Ein von den Unparteiischen hinzugezogener Wirtschaftsprofessor befand 4,5 Prozent für vertretbar. Was in dieser Rechnung fehlt: Nach Abzug der Praxiskosten erwirtschaften Psychotherapeuten laut dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung rund 52 Euro Überschuss je Arbeitsstunde – gerade mal die Hälfte dessen, was Hausärzte oder wohnortnahe Fachärzte im Schnitt erzielen. Laut einer KBV-Übersicht aus 2023 liegt das Quartalseinkommen von Psychotherapeuten bei rund 27.000 Euro – gegenüber 67.000 Euro bei Hautärzten, 70.000 Euro bei HNO-Ärzten und 110.000 Euro in der Radiologie.
Noch ein struktureller Unterschied, der in der Debatte gern übersehen wird: Weil psychotherapeutische Leistungen fast vollständig zeitgebunden sind, können Therapeuten nicht einfach mehr Patienten pro Stunde behandeln, um Einnahmeausfälle zu kompensieren. Mehrere Berufsverbände haben daher ein gemeinsames Faktenblatt vorgelegt – mit Quellenangaben, die die Argumentation des GKV-Spitzenverbandes widerlegen sollen. Rakoczy kennt es. „Ich verstehe nicht, wie man zu diesem Schluss kommen kann“, sagt sie. Dass die Kürzung ohne Übergangsfrist mitten im Geschäftsjahr in Kraft trat, macht die Lage für viele Praxen besonders drückend. „Man steht auf einmal mit weniger da, obwohl man dieselbe Leistung erbringt“, sagt Rakoczy. Die Betriebskosten steigen derweil weiter: Strom, Gas, Personal. Sie hat eine Bürokraft angestellt. „Ich muss jetzt gucken: Geht es überhaupt noch? Kann ich mir das leisten?“
Kammer mit klarer Haltung
Andreas Pichler, Präsident der Psychotherapeutenkammer NRW, benennt das Problem präzise: „Die Strukturzuschläge (Erhöhung 14,25 Prozent) dienen nur dazu, die gestiegenen Personalkosten zu decken. Somit bleiben die Honorarkürzungen ein Griff in die Tasche der Praxisinhaberinnen und -inhaber zu Lasten ihres persönlichen Einkommens.“ Die Kammer bewertet den Beschluss als „fatales Zeichen in Richtung des Berufsstandes wie auch der psychotherapeutischen Versorgung insgesamt“.
Die wirtschaftliche Antwort auf diesen Druck liegt auf der Hand – und ist für Kassenpatienten die schlechteste Nachricht. Eine Einzelsitzung bringt Rakoczy in der gesetzlichen Krankenversicherung rund 114 Euro; für dieselbe Stunde mit einem Privatpatienten kann sie über 160 Euro im Rahmen einer Kurzzeit-Therapiesitzung abrechnen. „Das ist eine massive Differenz, die wirtschaftlichen Druck ausgleichen kann.“ Wer unter Druck gerät, behandelt künftig mehr Privatpatienten – und bietet weniger Kassenplätze an. Rakoczy formuliert es nüchtern: „Das ist ja das, worüber alle reden. Dass die Honorarkürzungen sich auf diejenigen auswirken können, die es brauchen.“
Wer heute in NRW einen Therapieplatz sucht, wartet, so Pichler, im Schnitt fünf Monate. Für Menschen mit Depressionen – der meistgestellten Diagnose in Rakoczys Praxis – kann diese Wartezeit existenziell sein, denn die Krankheit kann sich verschlimmern, wenn sie unbehandelt bleibt, tritt dahingehend als Begleiterkrankung bei Traumafolgestörungen, Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen auf und zieht Menschen in Negativspiralen, aus denen der Weg zurück länger wird, je später man ihn antritt. „Das Risiko, dass es Betroffenen schlechter geht, ist einfach da“, sagt Rakoczy. Im schlimmsten Fall landen sie in der Klinik. Was sie dabei nicht begreift: „Ein Krankenhausaufenthalt ist deutlich teurer. Die Wirtschaftlichkeit dahinter verstehe ich nicht.“
Der Return on Investment einer Psychotherapie „liege im Schnitt bei eins zu drei“ – jeder investierte Euro zahlt sich zwei- bis dreifach aus, weil Betroffene schneller ins Erwerbsleben zurückkehren oder gar nicht erst dauerhaft ausfallen. „Durch die Psychotherapie sorgen wir dafür, dass Menschen dort bleiben“, sagt Rakoczy.
Für zwei Gruppen ist die Lage besonders ernst Kinder und Jugendliche: Der Bedarf wächst seit Jahren, verstärkt durch Pandemiefolgen, soziale Unsicherheit, Zukunftsängste. Pichler verweist auf die Forschung: Frühzeitige Intervention sei entscheidend, da psychische Erkrankungen im Erwachsenenalter häufig ihren Ursprung in der Kindheit hätten. „Es wäre fatal, wenn sich die ohnehin kritische Versorgungslage für Kinder und Jugendliche weiter verschlechtern würde.“ Strukturschwächere Regionen trifft es härter. Dort ist die Praxisdichte geringer, die Bereitschaft zur Niederlassung fragiler, der Weg zum nächsten Therapeuten weiter. Gehen Praxen altersbedingt oder krankheitsbedingt auf, bleiben Kassensitze unbesetzt. „Das würde sich direkt in einer Absenkung des Versorgungsangebotes auswirken“, warnt Pichler.
Krankenkassen-Reform mit viel Kritik
Rakoczy und Pichler blicken mit Sorge auf das, was noch folgen könnte. Die Finanzkommission Gesundheit hat weitere Einschnitte vorgeschlagen, in Berlin hat das Bundeskabinett derweil das Sparpaket von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) gebilligt. Kanzler Friedrich Merz (CDU) sprach im Anschluss von einer „historischen“ Reform; das Vorhaben soll nun zügig ins parlamentarische Verfahren gehen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt unmissverständlich vor den Folgen: Kürzungen in der ambulanten Versorgung führten zwangsläufig zu weniger Terminen und weniger Leistungen – „die logische Konsequenz“, so der KBV-Vorstand.
Praxen hätten keine andere Wahl, als ihr Angebot an die schlechteren finanziellen Rahmenbedingungen anzupassen. Für 2027 beziffert die KBV die Kürzungen im ambulanten Bereich auf rund 2,7 Milliarden Euro. Betroffen wären auch Leistungen, die bislang extrabudgetär – also ohne Mengenbegrenzung zum festen Preis – vergütet wurden: darunter ambulante Operationen, Früherkennungsuntersuchungen und psychotherapeutische Leistungen. Zugleich sollen die mit dem TSVG eingeführten Anreize für zusätzliche Termine wegfallen, ebenso die Zuschläge für psychotherapeutische Kurzzeittherapien.
Mechanismus der Budgetierung
Das Problem bei einer Budgetierung: Weil Psychotherapie zeitgebunden und persönlich zu erbringen ist – eine Sitzung dauert durchschnittlich 50 Minuten, lässt sich die Menge nicht beliebig steigern, um Quotierungsverluste aufzufangen. Das Ergebnis wäre dann kein Anreiz zu mehr Effizienz, sondern ein Anreiz zu weniger Versorgung: Wer weiß, dass weitere Patienten nur noch unvollständig vergütet werden, behandelt schließlich weniger. Die Wartelisten wüchsen weiter. „Das macht noch mehr wirtschaftlichen Druck“, sagt Rakoczy.
Pichler mahnt zur gesamtgesellschaftlichen Perspektive: Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. „Die Folgen einer solchen Entwicklung bekommen wir als Gesamtgesellschaft zu spüren“ – durch längere Ausfallzeiten, eine stärkere Belastung des Sozialsystems, steigende Folgekosten. Das Bundesgesundheitsministerium hat bis Mitte Mai 2026 die Möglichkeit, den Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses zu beanstanden. Parallel hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung Klage beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg angekündigt – mit dem Argument, der Beschluss sei rechtswidrig.
Rakoczy setzt auf die Klage, bleibt aber realistisch. „Ich habe die Hoffnung, dass sich dadurch etwas bewegen lässt.“ Was sie nicht loslässt, ist die Frage, warum es überhaupt so weit kommen konnte. „Ich glaube, das sind viele Leute, die sich mit der Thematik noch nie auseinandergesetzt haben oder im Umfeld keine Menschen kennen, die darauf angewiesen sind.“ Ihr letzter Satz ist eine Warnung: „Wenn man die Konsequenzen in Kauf nimmt, steht man in zehn Jahren noch dümmer da.“


