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Suizid, DepressionAlarmierende Zahlen von der sozialpsychiatrischen Ambulanz Leverkusen

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Kölner Straße / Karlstraße Sozialpsychiatrisches Zentrum. Foto: Ralf Krieger

Das sozialpsychiatrische Zentrum an der Kölner Straße

Viele Menschen haben schwere psychische Probleme bis hin zu Suizidgedanken, dennoch mussten wegen Personalengpässen einige Angebote reduziert werden.

Was zunächst wie eine gute Nachricht klingt, lässt bei genauerem Hinsehen die Alarmglocken schrillen. Die Sozialpsychiatrische Ambulanz (SPA) hat im Jahr 2025 deutlich weniger Menschen mit psychischen Problemen, Krisen oder Erkrankungen behandelt. Das liegt aber nicht daran, dass die mentale Gesundheit der Leverkusenerinnen und Leverkusener sich verbessert hätte – sondern an personellen Vakanzen, die das Beratungsangebot eingeschränkt haben. Das geht aus zwei Jahresberichten der Einrichtung hervor.

Die Sozialpsychiatrische Ambulanz (SPA) im SPZ Leverkusen nimmt die Aufgaben des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Stadt Leverkusen wahr und ist erste Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger mit psychischen Problemen. Sie bietet kostenfrei Beratung und Hilfe an – sowohl Erwachsenen als auch 15- bis 25-Jährigen im Rahmen des Beratungsangebotes „jetzt.du“. Mehr auf die Bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren abgestimmt ist die Gerontopsychiatrische Beratung für Menschen ab 60 Jahren.

Fehlendes Personal

1111 Menschen wurden 2025 in der Beratungsstelle oder im Rahmen von Hausbesuchen zur Krisenintervention betreut, das sind elf Prozent weniger als im Vorjahr. Die Organisation selbst gibt an, dass durch „Personalwechsel und nicht nahtlos erfolgte Neubesetzungen von zwei Stellen in der Ambulanz“ die Kapazitäten zeitweise reduziert waren. In der Jugendberatung „jetzt.du“ wurden 170 Jugendliche und junge Erwachsene betreut, 42 weniger als im Vorjahr. Auch hier wird angegeben, dass wegen eines Personalwechsels eine Stelle für mehrere Monate nicht besetzt war. Bei 65 Prozent der Besucher wurden nur einmalige Gespräche durchgeführt – auch das wird teilweise auf die begrenzten personellen Kapazitäten zurückgeführt.

Zudem zeigt der Bericht mehrere besorgniserregende Entwicklungen auf. Zum einen werde die SPA immer häufiger zu akuten Einsätzen von Polizei oder Kommunalem Ordnungsdienst hinzugerufen. „Die Zahl der Fälle mit Gewaltpotenzial nimmt weiterhin stark zu“, heißt es in dem Bericht. Besonders, um diesem fremdgefährdenden Verhalten von Menschen mit schweren psychotischen Erkrankungen entgegenzuwirken, brauche die SPA dringend mehr personelle Kapazität.

Kaum Vermittlung zu niedergelassenen Therapeuten

Erschwerend kommt auch hinzu, dass die Behandlungskapazitäten bei niedergelassenen Psychologen und Psychotherapeuten viel zu gering sind. Dort würden fast nur noch bestehende Klientinnen und Klienten behandelt. „Notfallmäßig suchten die Menschen in Krisen daher vermehrt die SPA auf oder wurden von den unterschiedlichen Dienstleistern und Institutionen hierhin vermittelt, da die Betroffenen selbst keinen Zugang zur fachärztlichen oder psychotherapeutischen Behandlung bekamen“, stellt der Jahresbericht fest. Das SPZ muss damit auch als Notfallauffangbecken fungieren – mit begrenztem Personal.

Ein besonderes Problem liegt demnach bei der Psychotherapievermittlung für 17-Jährige: Jugendliche, die kurz vor dem 18. Lebensjahr stehen, werden aufgrund der langen Wartezeiten von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten häufig abgelehnt. Bei den Psychotherapeutinnen für Erwachsene können sie sich jedoch erst ab dem 18. Geburtstag auf die Warteliste setzen lassen.

Mehr Suizidgedanken bei Jugendlichen

Besonders besorgniserregend im Jugendbericht: Deutlich öfter als in den Vorjahren haben sich Eltern von unter 15-Jährigen mit einer Anfrage wegen suizidaler Äußerungen ihrer Kinder an die Beratung gewandt. 16 Prozent der behandelten 15- bis 25-Jährigen, also 27 Personen, gaben an, bereits einen Suizidversuch unternommen zu haben. „Andere Hilfsangebote waren für akute Kriseninterventionen bei suizidalen Äußerungen nicht bekannt“, steht im Bericht. Hier zeige sich eine Versorgungslücke in Leverkusen für unter 15-Jährige, die besonders bei extremen Krisensituationen deutlich werde.

Die meisten Jugendlichen (24 Prozent) kamen wegen Angst-, Zwangs- oder Belastungsstörungen, etwa durch schwere Traumata, zur Beratung. Ebenso viele leiden an affektiven Störungen, wie etwa Depressionen. Elf Prozent gaben an, eine Essstörung zu haben. Besonders auffällig: Fast die Hälfte aller Klientinnen und Klienten (42 Prozent) hat zum Zeitpunkt der Beratung weder eine Schule besucht noch in einem Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis gestanden. Ob die Erkrankung eine Beschäftigung verhindert oder die fehlende Aufgabe die psychischen Probleme zumindest mitbedingt, lässt sich dem Bericht nicht entnehmen. 28 Prozent der Klientinnen und Klienten gingen zur Schule, elf Prozent waren in Ausbildung und neun Prozent in Arbeit.

Grafik aus SPA-Jahresbericht

Beschäftigungsstand der Jugendlichen zum Beratungszeitpunkt.

Umso schwerer wiegt daher, dass auch ein Präventionsprojekt an Schulen 2025 wegen Personalmangels nicht stattgefunden hat. Seit 13 Jahren führt das SPZ das Schulprojekt „Verrückt? Na und!“ in Kooperation mit „Irrsinnig menschlich“ aus Leipzig an Leverkusener Schulen und Berufskollegs durch. Dabei besuchen eine Fachkraft und ein „Experte in eigener Sache“ im Rahmen einer fünfstündigen Veranstaltung Schulklassen ab der neunten Klasse. Das Ziel: Mut machen, über seelische Gesundheit zu sprechen. „Mit diesem Präventionsprojekt erreichen wir Jugendliche der Zielgruppe ab 15 Jahren, die nicht selten schon in der Veranstaltung über ihre eigenen psychischen Krisen sprechen“, heißt es im Bericht. Durch das persönliche Kennenlernen sei dann auch der Weg zu „jetzt.du“ und damit zu frühzeitiger Hilfe einfacher. 2026 soll das Programm wieder stattfinden.


Zahlen und Daten

1111 Personen haben 2025 die Beratungsangebote im SPZ angenommen. Davon kamen 92 Prozent wegen einer eigenen Erkrankung, acht Prozent kamen zur Angehörigenberatung. Darunter waren etwas mehr als 53 Prozent Frauen, 47 Prozent Männer und zwei diverse Personen. 43 Prozent der Betroffenen hatten einen Migrationshintergrund.

Nach Altersgruppen haben sich 50- bis 59-Jährige am häufigsten beraten lassen, überwiegend Frauen. Besonders viele Männer meldeten sich aus der Altersgruppe 30 bis 39 Jahre. Beide diversen Personen sind im Altersspektrum 20 bis 29 erfasst.

Grafik aus dem SPA-Jahresbericht

Anzahl der beratenden Personen nach Geschlecht und nach Altersgruppen.

41 Zugangswege, auf denen Betroffene ins SPZ finden, erfasst die Statistik. Mit 16 Prozent werden die meisten von Angehörigen geschickt, 17 Prozent gaben an, ohne Vermittlung gekommen zu sein. Die weiteren Zugangswege nach Häufigkeit: Polizei, kommunaler Ordnungsdienst, Hausarzt, Jobcenter, Schulen, andere Beratungsstellen.

Bei der Einkommensart fällt auf, dass viele Ratsuchende entweder ohne eigenes Einkommen (elf Prozent) sind oder Bürgergeld (20 Prozent), Altersrente (14 Prozent) oder Erwerbsminderungsrente (sechs Prozent) beziehen. Einkommen aus Erwerbstätigkeit hatten nur 14 Prozent.

Nur vier Prozent der beratenen Jugendlichen gab an, suchtmittelabhängig zu sein. Dies liegt laut Bericht auch daran, dass in Leverkusen hierfür vor allem die Suchthilfe für Jugendliche und junge Erwachsene zuständig ist. Die häufigsten angegebenen Suchtmittel waren Alkohol und Cannabis; gar nicht angegeben wurden Drogen wie Amphetamine, Kokain oder Medikamente. Zu einem ganz geringen Teil nannten Betroffene Spiel- und Onlinesucht. (stes)


Offenes Gesprächsforum

Das SPZ Leverkusen lädt am Donnerstag, 23. April 2026, von 17 bis 18:30 Uhr zum nächsten Trialog-Gespräch ein. Das offene Forum richtet sich an Menschen mit psychischen Erkrankungen, ihre Angehörigen sowie psychiatrische Fachkräfte. Diesmal stehen tagesstrukturierende Angebote im Mittelpunkt: Die Tagesstätte und das Zentrum für integrierte Beschäftigung (ZiB) stellen gemeinsam mit dem Integrationsbetrieb Début vor, wie sie Menschen mit psychischen Erkrankungen im Alltag unterstützen. Die Veranstaltung findet in der Karlstraße 4 in Leverkusen-Opladen statt, der Eintritt ist frei. Eine kurze Anmeldung bis zum 22. April ist erbeten – telefonisch unter 0214 8333-22 oder per E-Mail an spa@spzleverkusen.de.