Die Polizei stuft das Geschehen an Karneval zunächst als Alleinunfall ein. Doch eine Zeugin hat auf der Rennbaumstraße etwas anderes gesehen.
Verdacht auf FahrerfluchtUnfall in Opladen – Opfer erhebt Vorwürfe gegen Polizei und Wupsi

Stefan Spiegel am Unfallort auf der Rennbaumstraße
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Es ist der 14. Februar, Karnevalssamstag. Die Bergisch Neukirchener Nicole und Stefan Spiegel haben Besuch aus der Schweiz. Bevor sie abends mit ihren Freunden feiern gehen wollen, soll es noch etwas zu essen geben. Sie bestellen bei einem thailändischen Imbiss auf der Bahnhofstraße. Stefan Spiegel setzt sich um 16.08 Uhr auf seinen Honda-Motorroller, um das Essen abzuholen. Seine Frau Nicole weiß die Zeit genau, weil sie auf die Uhr geguckt hat. Ein paar Minuten später hat Spiegel das Essen bezahlt und macht sich auf die Rückfahrt. „Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mir, nachdem ich bezahlt hatte, den Helm wieder aufgesetzt, die Handschuhe angezogen und die Warmhaltebox mit dem Essen in meine Gepäckbox gestellt habe“, erzählt Stefan Spiegel dem „Leverkusener Anzeiger“.
Doch davon abgesehen weiß der 57-Jährige von der Rückfahrt nur noch, „dass mir jemand den Platz weggenommen hat“. Eher ein diffuses Gefühl als eine konkrete Erinnerung. Mehr hat sein Hirn an Erinnerungsbruchstücken zu der Fahrt vom Imbiss zurück nach Hause in die Straße Ober dem Hof bisher nicht preisgegeben. Fest steht, dass Stefan Spiegel nicht sehr weit kommt. Zwischen 16.20 und 16.30 Uhr hat er kurz vor der Haltestelle Rennbaumstraße westlich der Unterführung unter den Bahngleisen einen Unfall. Er stürzt in Höhe eines Mehrfamilienhauses zu Boden, prallt mit dem Helm aufs Pflaster und zieht sich dabei unter anderem eine Kopfverletzung zu. Als der 57-Jährige im Klinikum in der Notaufnahme ankommt, fragen ihn die behandelnden Ärzte, welches Jahr wir haben. Seine Antwort: „2013“.
Ehefrau sucht nach ihrem Mann
Eine gute halbe Stunde nach dem Unfall, um etwa 17 Uhr, hält Nicole Spiegel es nicht mehr zu Hause aus. Ihr Mann ist bereits seit einer Stunde unterwegs. Für die Strecke von Bergisch Neukirchen hinunter nach Opladen benötigt man bei normalem Verkehr nicht mal zehn Minuten. „Ich ahnte, dass da was passiert war.“ Sie alarmiert einen ihrer erwachsenen Söhne und bittet ihn, für die Suche nach ihrem Mann mitzukommen. Auf dem Weg in die Opladener Innenstadt sehen sie den beschädigten Motorroller auf der anderen Straßenseite am Rand liegen. Polizisten sichern den Verkehr ab. Nicole Spiegel stoppt ihr Auto, geht zu den Polizisten, die den Unfallort absichern, identifiziert sich als die Ehefrau des Unfallopfers. Der Polizist sagt ihr: „So wie es aussieht, war das ein Alleinunfall Ihres Mannes.“ Nicole Spiegel weist das zurück. „Ich habe direkt gesagt: Das glaube ich nicht. Mein Mann ist ein total sicherer Rollerfahrer. Es gab an dem Nachmittag wenig Verkehr, es war ja Karnevalssamstag.“
Was Nicole Spiegel zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es gibt eine Augenzeugin des Unfalls und noch eine weitere Zeugin des Geschehens unmittelbar danach. In der Situation am Unfallort, wo mittlerweile die Dämmerung hereinbricht, gilt die Sorge der 56-Jährigen aber ihrem Mann. Der ist per Rettungswagen ins Klinikum gekommen, teilt ihr der Polizist mit.

Die Rennbaumstraße mit den Kennzeichnungen auf dem Asphalt am Abend des Unfalls
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Die Schweizer Freunde bringen Nicole Spiegel ins Klinikum. Der behandelnde Arzt erklärt ihr, dass ihr Mann unter anderem eine Hirnblutung und eine Platzwunde erlitten hat. Die Untersuchungen des Verletzten ergeben aber auch, dass Stefan Spiegel während der Fahrt auf dem Motorroller weder einen Schlaganfall noch einen Herzinfarkt erlitten hat.
„Ich habe nach dem Besuch bei meinem Mann im Klinikum am Samstagabend in der Opladener Polizeiwache angerufen und da noch mal gesagt, dass ich nicht glaube, dass das ein Unfall ohne fremde Einwirkung gewesen ist“, sagt Nicole Spiegel. Der Sohn ihres Mannes – die Spiegels sind eine Patchworkfamilie – formuliert einen Text, um mögliche Zeugen des Unfalls zu finden. Die Familie verbreitet den Zeugenaufruf auf Instagram, Facebook und im Whatsapp-Status. Tage später sucht auch die Polizei öffentlich nach Zeugen für den Unfall.
Zufallstreffer bei der Kosmetikerin
Über den Aufruf der Spiegels meldet sich eine Zeugin. Sie hat den Unfall selbst nicht gesehen, erreicht die Unfallstelle aber wenige Momente, nachdem Stefan Spiegel auf die Straße gestürzt ist. Ein Zufall bringt Nicole Spiegel dann mit einer unmittelbaren Augenzeugin des Unfalls zusammen: Von ihrer Kosmetikerin hört Spiegel, dass eine andere Kundin ihr erzählt habe, wie sie Augenzeugin eines Unfalls mit Fahrerflucht auf der Rennbaumstraße geworden war und Erste Hilfe geleistet habe. Spiegel nimmt Kontakt zu der Frau auf.
Diese Frau erzählt Nicole Spiegel, wie sie am Karnevalssamstag mit ihrem Auto aus Richtung Busbahnhof kommend nach rechts auf die Rennbaumstraße eingebogen und etwa 20 Meter hinter einem Linienbus hergefahren ist. Sie sieht, wie der Gelenkbus nach rechts in Richtung Haltestelle einen Schlenker macht – offenbar, um dort anzuhalten. Und sie sieht auch, wie der Bus dabei einem Rollerfahrer, der sich rechts auf Höhe des Busses befindet, den Weg abschneidet, sodass dieser schließlich gegen den Bordstein prallt und mit dem Roller auf die Straße stürzt. Der Bus hält dann an der Haltestelle, wo zwei Passanten stehen. Da diese aber nicht einsteigen wollen, setzt er seine Fahrt nach wenigen Sekunden fort. Um 16.32 Uhr alarmiert die Augenzeugin den Rettungsdienst bei der Feuerwehr. Die Zeugin hat es auf Anfrage abgelehnt, mit dem „Leverkusener Anzeiger“ über das Geschehen zu sprechen. Der Anwalt der Spiegels, Martin Daams, bestätigt aber ihre Aussage im Gespräch mit uns.
Rettungssanitäterin ist zur Stelle
Wie es der Zufall will, ist die zweite Zeugin, die am Unfallort hält, ausgebildete Rettungssanitäterin. Sie möchte anonym bleiben, berichtet dieser Zeitung aber detailliert von dem Geschehen: „Ich war mit meinem Freund im Auto auf dem Weg nach Hause. Wir bogen von der Rat-Deycks-Straße nach links auf die Rennbaumstraße, als ich am rechten Fahrbahnrand ein Auto mit Warnblinklicht und den umgestürzten Roller sah. Ich hab’ meinem Freund gesagt, er soll mal rechts ranfahren. Ich bin dann zu der Frau, die gerade mit dem Rettungsdienst telefonierte. Herr Spiegel lag auf dem Boden. Er war super verwirrt und ängstlich und hat sich immer umgesehen. Die Frau hat dann gesagt, dass ein Bus ihn touchiert hat und er mit dem Roller gegen den Bürgersteig geknallt ist. Er wollte immer aufstehen, aber wir haben ihn überzeugt, dass er das besser nicht tut. Er hatte eine stark blutende Wunde über der linken Augenbraue.“
Während sich die beiden Frauen um Spiegel kümmern, hält auf der linken der beiden Fahrspuren der Rennbaumstraße, die stadtauswärts führen, ein weiterer Linienbus. Die Fahrerin öffnet die Tür: „Ich hab’ ihr gesagt, dass ein Kollege von ihr den Rollerfahrer angefahren hat und sie gefragt, ob sie einen Erste-Hilfe-Kasten dabei hat. Das bejahte sie“, berichtet die Zeugin. Doch anstatt der Ersthelferin den Kasten zu geben, sagt die Busfahrerin dann, sie habe keine Zeit und müsse weiter. Sie schließt die Tür wieder und fährt davon.
Als die Polizei fast zeitgleich mit den Rettungskräften ankommt, fragen die Beamten die Rettungssanitäterin, ob sie an dem Unfall beteiligt war. „Ich hab’ das verneint und erklärt, dass wir Erste Hilfe geleistet haben. Ich hab’ den Polizisten dann darauf hingewiesen, dass die andere Zeugin den Unfall gesehen hat.“ Doch die Beamten befragen die Augenzeugin des Unfalls offenbar nicht. Und sie nehmen auch nicht ihre Personalien auf, weder ihre noch die der Rettungssanitäterin.
Dazu sagt Anwalt Daams: „Für mich bleibt unklar, warum die Zeugin am Unfallort von der Polizei nicht befragt worden ist.“ Wenn die Polizei nach dem Unfall die Augenzeugin befragt hätte, so Daams, dann hätte durch einen Anruf der Polizei beim Fahrdienstleiter der Wupsi direkt ermittelt werden können, welcher Bus in den Unfall verwickelt war.
Danach gefragt, weist die Kölner Polizei zunächst darauf hin, dass das bei der Staatsanwaltschaft Köln anhängige Ermittlungsverfahren zu dem Unfall noch nicht abgeschlossen sei. Daher könne man sich „zu Einzelheiten des Verfahrens sowie zu möglichen Bewertungen des polizeilichen Handelns nicht äußern“.
Generell gelte, „dass das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Arbeit der Polizei von zentraler Bedeutung ist.“ Die Polizei betont, dass sie Versäumnisse oder Fehler in der Arbeit der Beamten nicht auf die leichte Schulter nimmt: „Wenn wir Mängel in der Qualität der Unfallaufnahme feststellen sollten, gehen wir diesen selbstverständlich nach. Auch den Hinweis auf mögliche Zeugen im vorliegenden Fall prüfen wir. Solche Hinweise nimmt die Polizei grundsätzlich sehr ernst.“ Schließlich bittet sie „Zeugen oder Verfahrensbeteiligte, die im vorliegenden Fall noch nicht vernommen worden sind,“ den Ermittlungsbehörden ihre Informationen oder Hinweise mitzuteilen.
Zwei Busse kommen in Frage
Wen auch immer die Polizei am Unfallort wonach auch immer gefragt hat: Aus Sicht der Spiegels geht die Polizei erst einmal davon aus, dass Stefan Spiegel ohne fremde Einwirkung auf der Rennbaumstraße gestürzt ist, so wie es der den Unfall aufnehmende Beamte Nicole Spiegel gesagt hat.
Und bis heute ist nach Darstellung ihres Anwalts nicht klar, ob es ein Gelenkbus der Wupsi war, der Stefan Spiegel den Weg abschnitt. Dafür spricht aus Daams’ Sicht zwar vieles, aber es könnte auch ein Fahrzeug der Busverkehr Rheinland GmbH gewesen sein, ein Auftragnehmer der Wupsi, der ebenfalls mit Bussen über die Rennbaumstraße fährt. Daams: „Die Polizei hat zwei Busse ermittelt, die in Frage kommen.“
Stefan Spiegel liegt nach dem Unfall vier Tage lang auf der Intensivstation. Die Hirnblutung heilt glücklicherweise ab. Die massiven Kopfschmerzen der ersten Zeit nach dem Unfall haben sich gebessert. Spiegels Sichtfeld ist aber infolge einer Fazialisparese, also einer Gesichtslähmung, immer noch etwas eingeschränkt. Er ist weiterhin in ärztlicher und physiotherapeutischer Behandlung. Aber die physischen Folgen des Unfalls sind nur das eine. „Am meisten hab’ ich damit zu kämpfen, was gerade an Wahnsinn passiert“, sagt Spiegel. Mit „Wahnsinn“ meint er das Verhalten der Polizei, aber vor allem der Wupsi. Das Busunternehmen hat sich bisher nicht bei ihm gemeldet.
„Dass die Polizei mir sofort die Alleinschuld gegeben hat, finde ich, gelinde gesagt, eine Frechheit“, so Spiegel. Aber wie die Wupsi mit dem Geschehen umgehe, „das ist für mich das Schlimmste“.
Sinan Șengöz, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, teilt dieser Zeitung dazu auf Anfrage in sperrigem Amtsdeutsch mit, man ermittele „wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und des unerlaubten Entfernens vom Unfallort gegen eine Person, welche im Rahmen ihrer Busfahrertätigkeit den Sturz des auf einem Motorrad fahrenden Geschädigten verursacht haben soll“. Zeugen seien vernommen worden. Eine Entscheidung, ob die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt, weitere Ermittlungen durchführt oder aber das Verfahren einstellt, ist noch nicht gefallen.
Die Wupsi erklärt auf Anfrage, dass „wir grundsätzlich zu Ermittlungen im Zusammenhang mit etwaigen Unfallgeschehen keine Auskünfte erteilen können“. Man kooperiere eng mit den Ermittlungsbehörden und wirke „selbstverständlich an der Aufklärung jedes Unfallgeschehens sehr sorgsam mit“. Weiter schreibt die Pressesprecherin Kristin Menzel: „Es ist derzeit nicht geklärt, wie es zu dem Unfall kam sowie ob und inwiefern eine Beteiligung der Wupsi an dem Unfallgeschehen vorliegt.“
Man stehe mit dem Rechtsbeistand von Stefan Spiegel in Kontakt und warte auf dessen Rückmeldung auf ein Schreiben des Unternehmens, „um den Dialog dann fortführen zu können“. Und weiter: „Wir bedauern, dass Herr Spiegel dieses, aus unserer Sicht notwendige Abwarten der Rückmeldung seines Rechtsanwaltes als unkooperatives Verhalten unsererseits empfindet. Dies ist nicht unsere Absicht, sondern dient der Aufklärung der Vorkommnisse und hiermit einhergehend auch der Prüfung der Haftungsfrage.“
Seit dem Unfall sind mittlerweile drei Monate vergangen.
