Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ ist im Matchboxtheater in Leverkusen-Hitdorf zu sehen. Regisseurin Monika Noltensmeier setzt auf bissigen Humor, überzeichnete Figuren und auch absurde Bilder.
Matchboxtheater LeverkusenTod des Diktators ist nicht das Ende der Diktatur

Das Ensemble „Die Laiens“ spielt Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ im Matchboxtheater Hitdorf.
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Kaum hat der Innenminister den Präsidenten angekündigt, fällt ein Schuss. Ausgerechnet aus dem Zuschauerraum. Ein linker Student. Die Kugel streift das Ohr des Staatsoberhaupts – eine Szene, die unweigerlich Erinnerungen an das Attentat auf Donald Trump im Sommer 2024 weckt. Doch der Präsident überlebt zunächst. Erst eine vermeintlich rettende Spritze seiner Leibärztin bringt ihn wenig später dramatisch, nein absurd, zu Fall. Damit nimmt Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ im Leverkusener Matchboxtheater seinen Lauf.
Denn der Tod eines Diktators bedeutet hier noch lange nicht das Ende der Diktatur. Hinter den Kulissen arbeitet ein Machtapparat, der seine Herrscher nach Belieben austauschen kann. In einer geheimen Schule werden Doppelgänger darauf vorbereitet, den Präsidenten bis ins kleinste Detail zu imitieren. Durchnummeriert. Das Volk soll davon nichts bemerken. Was eine halbierte Münze mit alldem zu tun hat, erschließt sich im weiteren Verlauf der bitterbösen Komödie.
Ein Schuss aus dem Zuschauerraum
Regisseurin Noltensmeier findet für Kästners absurde Machtverhältnisse eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Bildsprache. Das Bühnenbild bleibt bewusst schlicht, dafür dürfen die Kostüme umso mehr übertreiben. Aufgemalte Bärte, ausladende Schulterpolster und karikaturhafte Erscheinungen machen aus den Figuren beinahe lebendig gewordene politische Zeichnungen. Hier wird nicht versucht, Macht möglichst realistisch darzustellen. Ihre Lächerlichkeit gehört zum Konzept.
Besonders gelungen ist ein unscheinbares Requisit im Zentrum der Bühne: ein Flipchart. Darauf erscheinen immer wieder originelle, teils herrlich absurde Illustrationen, die das Geschehen begleiten und kommentieren. Etwa eine Schallplatte im Körper eines Mannes. Sie verleihen der Inszenierung einen eigenen visuellen Witz. Noltensmeier beweist dabei ein gutes Gespür für Kästners grotesken Humor. Nicht jeder Dialog entfaltet dieselbe Leichtigkeit, manches wirkt etwas steif und gelegentlich gönnt sich der Abend mehr Zeit als nötig. Die einfallsreiche Gestaltung sorgt jedoch immer wieder für frischen Schwung.
Kästners politische Satire bleibt schlimmerweise aktuell
Kästner schrieb seine Komödie 1956, uraufgeführt wurde sie ein Jahr später an den Münchner Kammerspielen. Seine zentrale Frage hat nichts von ihrer Schärfe verloren: Wer besitzt eigentlich die Macht – der Mann, der öffentlich Reden hält, oder diejenigen, die im Hintergrund bestimmen, was er zu sagen hat? Die austauschbaren Präsidenten sind nur die sichtbaren Gesichter eines Systems, das sich selbst erhält. Gerade darin liegt der Witz, aber auch das Unheimliche dieses Stücks.
Noltensmeier nimmt diese politische Dimension ernst, ohne den Abend auf eine bloße Warnung vor der AfD zu reduzieren. Ihre Inszenierung vertraut immer wieder auf Überzeichnung und die Kraft komischer Bilder. Dass nicht jede Szene das gleiche Tempo findet, fällt dabei weniger ins Gewicht als die Lust, mit der hier Kästners Gedankenspiel auf die Bühne gebracht wird. So bleibt nach rund einer Stunde vor und weiteren 45 Minuten nach der Pause vor allem eine unbequeme Erkenntnis: Einen Diktator „loszuwerden“, ist offenbar leichter, als die, nicht nur personellen, Strukturen hinter ihm zu beseitigen.
„Die Schule der Diktatoren“ von Erich Kästner ist am Freitag, 9. Oktober, und Samstag, 10. Oktober 2026, jeweils um 20 Uhr sowie am Sonntag, 11. Oktober, um 18 Uhr zu sehen. Weitere Termine sind der 15. Januar 2027 um 20 Uhr und der 17. Januar 2027 um 18 Uhr. Spielort ist das Matchboxtheater, Hitdorfer Straße 169, 51371 Leverkusen-Hitdorf.
