Thierry Malandain verbindet in „Les Saisons“ Vivaldis berühmte „Vier Jahreszeiten“ mit dem fast vergessenen Zyklus von Giovanni Antonio Guido.
BallettThierry Malandin bringt bildstarke Inszenierung nach Leverkusen ins Forum

Das Malandain Ballet Biarritz verbindet im ausverkauften Forum Leverkusen zwei musikalische Jahreszeiten-Zyklen.
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Große schwarze Blätter säumen hoch die Forum Bühne. Darunter ordnet sich das Malandain Ballet Biarritz zu Reihen, Paaren und kleinen Gruppen, löst sich wieder und setzt sich neu zusammen. Die dunklen Formen ziehen den Blick weit nach oben, während sich darunter immer wieder fast kaleidoskopartige Muster bilden: Kreise öffnen sich, Körper wachsen für wenige Sekunden zu Blüten zusammen und zerfallen wieder. Und zwar mit virtuoser Perfektion.
Für ein Stück über vier Jahreszeiten ist das ein passendes Prinzip. Malandain erzählt weniger eine Geschichte, als dass er Zustände entstehen und wieder verschwinden lässt. Dass das Forum an diesem Abend restlos ausverkauft ist, ist dabei für Leverkusen bemerkenswert und zeigt, dass anspruchsvoller Tanz hier durchaus ein großes Publikum erreichen kann.
Malandain nimmt sich ausgerechnet Musik vor, der man eigentlich kaum noch neu begegnen kann. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ sind längst in Werbung, Filmen und Warteschleifen angekommen. Ihnen stellt er Giovanni Antonio Guido gegenüber, einen heute fast vergessenen Zeitgenossen, der ebenfalls einen Jahreszeiten-Zyklus komponierte. Der interessante Gedanke besteht aber nicht bloß darin, zwei Barockkomponisten nebeneinanderzustellen. Mit ihrer Musik verändern sich auch die Regeln auf der Bühne und es ergibt sich ein Spiel mit unterschiedlichen Tanz- und Gesellschaftscodes. Nicht nur die Musik wechselt: auch die Körper scheinen immer wieder neu auszuhandeln, wie sie sich zueinander verhalten.
„Les Saisons“ verändert die Regeln der Körper
Bei Vivaldi werden die Bewegungen größer, freier und unmittelbarer, bei Guido zieht etwas Kontrollierteres ein. Rücken richten sich auf, Begegnungen wirken höfischer, Gesten erinnern an gesellschaftliche Regeln vergangener Jahrhunderte. Malandain rekonstruiert dabei keinen Barocktanz, sondern nimmt dessen Haltung und Ordnung als Material für eine zeitgenössische Choreografie. Auffällig häufig steht das Ensemble mit dem Rücken zum Publikum. Was soll das? Damit verschwinden Gesichter und Mimik für einen Moment aus dem Bild. Der Blick richtet sich stärker auf Schultern, Rücken, Arme und Linien.
Das Malandain Ballet Biarritz braucht tatsächlich keine permanente Frontalität, um präsent zu sein. In Kreisen und symmetrischen Formationen entstehen in Millimeterarbeit Bilder, die beinahe so wirken, als würde man sie von oben betrachten. Mal verdichten sich mehrere Körper zu einer Blüte, dann dreht sich die Formation auseinander und gibt den Raum wieder frei. Darin steckt vielleicht die zugänglichste Form von Malandains Idee: Seine Jahreszeiten werden nicht mit Blumen im Frühling und Schnee im Winter illustriert. Sie zeigen sich vielmehr als Kreislauf aus Wachstum, Ordnung, Auflösung und Neubeginn. Auch ohne die theoretische Konstruktion des Abends zu kennen, lässt sich dieser Rhythmus sehen.
Malandain verzichtet auf mahnenden Zeigefinger
Die Opera hinter den Blättern wechselt ihre Farbe und lässt dieselben Körper immer wieder in einem anderen Raum erscheinen. Besonders stark ist der Moment, in dem auch sie vollkommen schwarz wird und beinahe mit den riesigen dunklen Blättern verschmilzt. Die Bühne verliert ihre gewohnte Begrenzung und scheint noch einmal höher zu werden. Was anfangs fast dekorativ wirkte, bekommt plötzlich Gewicht. Die schwarzen Formen sind mal Blätter, mal Flügel und schließlich etwas Dunkles, das sich immer stärker in diese sorgfältig geordnete Welt eingeschlichen hat.
Malandain macht daraus erfreulicherweise keinen bebilderten Vortrag über die Klimakrise. Seine Natur ist schön, aber diese Schönheit bleibt nicht unbeschädigt. Gerade das macht „Les Saisons“ interessanter als eine bloße Illustration berühmter Musik. Der Abend muss nicht erklären, welcher schwarze Flügel für welche konkrete Bedrohung steht. Er lässt vielmehr erleben, wie schnell eine scheinbar perfekte Ordnung ins Unsichere kippen kann. Nicht jede Bedeutung erschließt sich sofort, manches bleibt Andeutung. Aber am Ende klingt selbst Vivaldis völlig vertraute Musik ein wenig anders – nicht neu erfunden, aber aus ihrer Selbstverständlichkeit gerissen. Und auf die perfekte Ordnung dieser Körper schaut man längst mit etwas mehr Misstrauen als noch zu Beginn.
