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Konzertdramaturgen im Interview„In Leverkusen besuchen so gut wie gar keine jungen Leute klassische Konzerte“

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Bastian Röstel und Georg Thomanek (v.l.) sind die neuen Dramaturgen der Stadt Leverkusen.

Bastian Röstel und Georg Thomanek (v.l.) sind die neuen Dramaturgen der Stadt Leverkusen.

Georg Thomanek und Bastian Röstel organisieren den städtischen Konzertbetrieb in Leverkusen.

Georg Thomanek hat 30 Jahre lang als Leiter der Monheimer Musikschule gearbeitet. Er ist Musikpädagoge, da liegt sein Schwerpunkt, und hat zudem Kulturmanagement studiert. Er arbeitet seit Anfang des Jahres auf einer halben Stelle als Musikdramaturg der Stadt Leverkusen, ebenso wie Bastian Röstel. Er ist studierter Opernsänger und arbeitet neben seiner Position bei der Stadt als Künstler. Röstel kümmert sich vor allem um die klassische Musik. Niklas Pinner sprach mit ihnen über ihre Arbeit und den Kulturbetrieb in Leverkusen.

Herr Thomanek, Herr Röstel, wie kann man sich die Arbeit eines Musikdramaturgen vorstellen?

Röstel: Das ist sehr unterschiedlich. Es ist sehr viel E-Mail-Arbeit. Aber wenn es zum Beispiel um die Planung der neuen Spielzeit geht, hatten wir einen Termin, an dem wir uns alle Bewerbungen angeschaut haben. Ganz viel Musik hören gehört natürlich dazu, Ensembles und ihre Konzepte anschauen. Zuletzt war ich in Bielefeld auf einer Messe für Gastspielangebote.

Thomanek: Während der Spielzeit kommt dann noch der Veranstaltungsdienst dazu: Ensembles betreuen, Verhandlungen führen, die Veranstaltungen abwickeln. Das heißt, vor Konzertbeginn da sein, die Einführung vorbereiten. Was habe ich noch vergessen? Die Texte schreiben für das Programmheft, auch die Programmzettel für die einzelnen Veranstaltungen, gehört mit dazu.

Ist die klassische Musik in Leverkusen unterrepräsentiert?

Thomanek: Ich finde nicht. Die große Aufgabe aller Konzertdramaturgen ist – gerade jetzt vor dem Hintergrund noch geringer Haushaltsmittel –, zu überlegen: Was ist eigentlich das angemessene Programm für Leverkusen? Es hat immer ein relativ umfangreiches Programm gegeben, man kann sich nicht darüber beschweren, dass es zu wenige Veranstaltungen sind. Aber ist es genau das Richtige für Leverkusen? Die Stadt hat besondere Rahmenbedingungen, liegt zwischen Düsseldorf und Köln, wo es ein umfangreiches Kulturleben gibt, in dem internationale Stars auftreten. Und das Angebot ist für Leverkusener leicht erreichbar. Wir können abseits davon Nischen besetzen oder ein für die Stadt passendes Basisprogramm gestalten.

Und wie kriegen sie raus, was für die Stadt passend ist?

Thomanek: Das ist die große Frage. Das ist unsere Aufgabe. Erst mal überlegen wir uns eine ganze Menge. Wir planen jetzt unsere erste eigene Spielzeit 2027/2028. Da sind das unsere zentralen Überlegungen: Was genau wollen wir wo und wie platzieren? Punktuell haben wir das für die kommende Spielzeit schon gemacht und können Erfahrungen sammeln.

Röstel: Wir wollen einige Formate, die es schon gab, wiederbeleben: Vor jedem großen Orchesterkonzert im Terrassensaal machen wir zum Beispiel eine Einführung. Da wollen wir wieder hin und mit den Leuten ins Gespräch kommen. Vielleicht auch mal auf unkonventionelle Art. Wir wollen Bezüge zum Forum schaffen, Identifikation schaffen. Ein Ort, an dem dafür gesorgt wird, dass wir die Aufführung auch verstehen, wenn wir klassische Konzerte nicht regelmäßig besuchen.

Gibt es denn den Leverkusener Konzertgänger?

Röstel: Ich komme nicht aus Leverkusen und erspüre das gerade erst. Aber wir wollen zum Beispiel die Formate mit den Orten verknüpfen: Im Schloss wollen wir uns auf die eher klassischen Konzerte konzentrieren. Streichquartette oder Ähnliches. Im Studio im Forum sollen die Grenzgänger Platz finden, zum Beispiel multimedial unterstützte Formate.

Thomanek: Der typische Konzertbesucher in Leverkusen ist nicht der jüngste. Wenn ich mit meinen 64 Jahren eine klassische Veranstaltung besuche, senke ich den Altersdurchschnitt. Da wollen wir ran. Wir halten klassische Konzerte für ein wichtiges Gut. Deshalb müssen wir daran arbeiten, dass möglichst viele möglichst junge Menschen sie besuchen.

Das ist aber kein Leverkusener Phänomen, oder doch?

Thomanek: Aber in Leverkusen ganz besonders ausgeprägt. In der Philharmonie in Köln begegnen einem deutlich mehr junge Leute. In Leverkusen besuchen so gut wie gar keine jungen Leute klassische Konzerte.

Wieso ist das so?

Thomanek: Ich glaube, der Zugang wurde noch nicht ausreichend vermittelt. Es geht nicht nur darum, Werbung in Richtung Kinder und Jugendliche zu machen. Sondern zu überlegen, wie man sie in Veranstaltungen einbeziehen kann. Und um Einführungen bei klassischen Konzerten. Oder selbst in den hier ansässigen Orchestern mitzuspielen. Bei den Partnerorchestern „L’arte del mondo“ zum Beispiel. Werner Erhard hat jetzt die Reihe „New Generation“ entdeckt und auch die Bayer Philharmoniker sind da total offen. Da sind wir in Leverkusen super aufgestellt.

Apropos Orchester. Es gab Ärger mit der Westdeutschen Sinfonia und deren Dirigenten Dirk Joeres.

Thomanek: Einer unserer ersten Amtshandlungen war, dass wir ganz positiv auf Dirk Joeres zugegangen sind. Wir wollten das alles bestehen lassen, die vier Konzerte und auch das Budget werden nicht angetastet. Mit dieser frohen Botschaft haben wir uns getroffen und schon alles durchgeplant. Nur eine kleine Änderung bezüglich Musikvermittlung streben wir an: Wir wollen die Einführungen zu den Konzerten nicht isoliert mit einer Matinee im Schloss, sondern wie bei allen Konzerten vor der Veranstaltung. Weil die einfach viel mehr Leute erreicht. Dirk Joeres hätte auch gern mitmachen können. Aber ein paar Tage später kam dann die Rückmeldung, dass das so nicht mehr in seinem Interesse sei. Auf das eben beschriebene einheitliche Konzept der Musikvermittlung wollte er sich nicht einlassen. Das hat uns sehr gewundert. Denn die Konzerte hätte er weiter ohne Abstriche machen können.

Röstel: Bei jungen Leuten ist es nun mal häufig so, dass sie klassische Konzerte nicht verstehen und deshalb nicht besuchen. Wir versuchen, sie durch die Einführungen, greifbarer zu machen. Jugendliche kommen nicht morgens ins Schloss zur Einführung und nachmittags noch mal zum Konzert. Und das dürfen wir als Dramaturgen nicht zulassen, dass die Einführung nur einer kleinen Gruppe zugänglich ist. Und daran müssen wir alle mitarbeiten, sonst gibt es diese schönen Formate irgendwann nicht mehr.

Ist Leverkusen ein beliebter Spielort für auswärtige Orchester oder Ensembles?

Röstel: Ja, die Bewerbungen sprechen Bände. Gerade das Schloss ist sehr beliebt. An den großen Saal im Forum wagen sich eher nicht so viele ran, aber das sind auch immerhin 1000 Sitzplätze. Aber dafür an die Studiobühne. Es ist wichtig, dass Konzerte gut kuratiert und ordentlich abgewickelt werden. Und der Ruf eilt Leverkusen voraus, gerade im Tanz und Schauspiel.

Merken Sie als Dramaturgen was von der Haushaltskrise?

Thomanek: Klar, die Budgets werden geringer. Aber so komisch sich das anhört, darin steckt auch eine Chance. Es führt uns noch mehr dazu, dass wir genau überlegen müssen, wie wir eine Spielzeit gestaltet bekommen, die gut zu Leverkusen passt. Und das hat nicht nur was mit Finanzen zu tun. Teure Ensembles verkaufen sich manchmal gar nicht. Die schauen sich die Leute in Köln in der Philharmonie an, meist für mehr Geld. Entscheidend sind eher Besetzungen und Programme. Wir müssen etablierte Besetzungen ins Schloss zum Beispiel holen. Ein Klaviersoloabend funktioniert besser als ein Duo Akkordeon/Cello.

Ist das künstlerisch aber nicht ein schwieriger Spagat? Einerseits das Haus vollmachen zu müssen, andererseits auch mal Abseitiges zu zeigen.

Röstel: Absolut. Aber dafür haben wir die räumlichen Unterschiede. Wo findet was statt und sind die Konzepte einleuchtend?

Thomanek: Wir setzen das Schloss als Punkt der Tradition – auch in den Besetzungen –, das Studio und den Sensenhammer als Ort der Innovation. Da sind viele freie Formate und auch mal abgedrehte Sachen.

Wie schlagen bei Ihnen immer höhere Honorare ins Kontor?

Thomanek: Es ist noch relativ minimal. So gravierend teurer werden die nicht, weil sie sich das nicht leisten könnten, gegebenenfalls nicht engagiert zu werden. Wir glauben aber trotzdem, dass es ethisch nicht zu verantworten ist, noch weiter runterzugehen. Da denken wir eher daran, mal zwei Veranstaltungen weniger zu machen und so mit dem Budget auszukommen.

Inwieweit spielt das Erholungshaus in Ihren Überlegungen für die Zukunft eine Rolle?

Thomanek: Ich glaube, der Prozess ist noch sehr offen. Man hat erst mal Zeit gewonnen. Vor allem aber für die, die im Gebäude ihre Heimat haben. Alles andere sind eher Vorüberlegungen. Und auch erst, wenn wir wissen, ob es über 2027 hinausgeht, hat es einen Sinn, sich damit zu beschäftigen. Wenn das klappt, hätte das durchaus einen Wert: Der Saal ist kleiner und die Akustik ist besser.