Peter Jungen, Unternehmer und Chef des Wallraf-Stifterrats, über die Lage der Kölner Museen und die Versäumnisse der Stadt.
Peter Jungen„Herrn Burmester wird das jetzt alles um die Ohren fliegen“

Der Unternehmer Peter Jungen in seinem Haus.
Copyright: Alexander Schwaiger
Herr Jungen, Sie haben als Vorsitzender des Stifterrats jahrelang erfolgreich für den Erweiterungsbau des Kölner Wallraf-Richartz-Museums gekämpft. Wie zufrieden sind Sie mit den Fortschritten auf der städtischen Baustelle?
Nach dem Spatenstich 2024 und der Grundsteinlegung 2025 werden wir im Herbst nächsten Jahres auch das Richtfest feiern. Das heißt also, das Ganze ist auf einem guten Weg, nachdem der Stifterrat das externe professionelle Projektmanagement durchgesetzt hat. Seither, also seit mehr als vier Jahren, gibt es einen Jour fixe zu dritt monatlich mit Professor Volm, dem Beigeordneten Greitemann und mir. Mit Andree Haack hatten wir gerade den ersten Jour fixe nach dem Amtsantritt.
Wie ist Ihr Eindruck vom neuen Baudezernenten?
Er ist sehr an der Sache orientiert. Ich glaube, er ist ganz froh, dass er bei diesen Projekten kein Problem mehr hat. Es läuft jetzt.
Also ist der Eröffnungstermin zu halten?
Ich will gar nicht spekulieren über ein Eröffnungsdatum, weil das völlig irrelevant ist. Es ist viel wichtiger, dass die einzelnen Baufortschritte nachweislich geschehen. Zum Glück haben wir durchgesetzt, das Projektmanagement vom Erweiterungsbau mit dem Projektmanagement der sogenannten Generalinstandsetzung des Ungers-Baus in einer Hand zu verbinden. Unsere Sorge war: Irgendwann haben wir den Erweiterungsbau fertig und dann steht da ein leerer, halb sanierter Ungers-Bau, der zugleich der einzige Zugang zum Erweiterungsbau ist. Also müssen wir dafür sorgen, dass der Ungers-Bau vor dem Erweiterungsbau fertig wird.
Jürgen Volm als externer Projektmanager war die Schlüsselpersonalie, oder?
Ja, dass der Stifterrat bei der Stadt einen externen Projektmanager durchgesetzt hat, war das Entscheidende. Jürgen Volm hat erst einen kleinen Auftrag bekommen, was man ohne Ausschreibung machen konnte. Dann hat es eine richtige Ausschreibung gegeben. Nach jahrelangen Bemühungen hat der Stifterrat damit die Bestellung eines externen professionellen Projektmanagers durchgesetzt. Im Jahr 2022 ist diese Entscheidung gemeinsam von Oberbürgermeisterin Reker, dem Beigeordneten Greitemann und mir getroffen worden. Das höchste Kompliment in Form einer Nachahmung hat uns später Oberbürgermeisterin Henriette Reker gemacht. Sie hat auch für die völlig verunglückte Opernsanierung einen Projektmanager engagiert, natürlich Professor Volm. Hätte die Stadt das vor zehn, 15 Jahren gemacht, hätte sie wahrscheinlich eine halbe Milliarde gespart.
Eine Schließung könnte für das Museum Ludwig und die Philharmonie, die beide wirklich einen exzellenten Ruf haben, dem Todesstoß gleichkommen
Ist die fertige Oper ein positives Signal für die Museumsbaustellen der Stadt?
Nein! Es ist bezeichnend, dass für das Wallraf jetzt eine Generalinstandsetzung nötig ist. Das ist die Folge einer verfehlten Politik, denn was die Museen und das Kulturdezernat wirklich brauchen, ist eine Generalinstandhaltungsstrategie. Die Stadt arbeitet nach dem Prinzip: Wir lassen das laufen, bis was passiert, und dann wird es repariert. Aber es gibt keine Vorsorgestrategie, die vorgibt: Wir müssen diese Dinge nach einem systematischen Plan regelmäßig abarbeiten, um zu verhindern, dass aus kleinen Schäden größere werden. In New York zum Beispiel, ich sage das sehr klar, käme vergleichsweise niemand auf die Idee, das Römisch-Germanische Museum, den Inbegriff der römischen Stadtgründung Kölns, für wahrscheinlich zehn Jahre zu schließen. Das ist eine kulturelle Katastrophe, mal ganz abgesehen davon, dass die Stadt Millionen an Einnahmen verliert.
Bei wem läge die Verantwortung für die Instandhaltungsstrategie? Wer hätte in den letzten Dekaden diese Pläne machen müssen?
Die fachliche Ausführung der Pläne ist eine Sache der Gebäudewirtschaft. Aber wer macht der Gebäudewirtschaft Vorgaben? Das ist das Kulturdezernat. Bei ihm und bei den Museen liegt die Verantwortung, die ihnen anvertrauten Gebäude in Schuss zu halten. Mit dem Auto fahren sie auch nicht erst in die Werkstatt, wenn es keine Reifen mehr hat. In den letzten Jahren habe ich wegen des Wallrafs viel Kontakt mit der Kölner Verwaltung gehabt. Ich habe manchmal E-Mails gesehen, in denen zehn oder zwölf Verteiler innerhalb der Verwaltung standen, und die sich wie ein roter Faden durchziehende Aussage war: Ich bin nicht zuständig. Die Kölner Dezernate sind nicht professionell organisiert. Die existieren als Institutionen eher nebeneinander und gehen auch so miteinander um.
Mit der Philharmonie und dem Museum Ludwig steht bald die nächste große Sanierung an. Das hat Frau Reker zum Ende ihrer Amtszeit „depriorisiert“. Erwarten Sie von ihrem Nachfolger, Torsten Burmester, dass er das jetzt ganz oben auf die Agenda setzt?
Herr Burmester ist der Oberbürgermeister, dem das alles um die Ohren fliegen wird. Egal, was er jetzt macht, er kommt nicht darum herum, sich frühzeitig und systematisch mit dem Problem zu befassen. Frau Reker hat nichts an diesem Problem geändert, weil sie gewusst oder verstanden hat, dass es in ihrer Amtszeit zu nichts führen wird. Andererseits: Im Vergleich zu ihren Vorgängern hat Frau Reker beim Wallraf vieles in Bewegung gebracht, vielleicht weil der Druck des Stifterrats zu stark war.
Könnte man Philharmonie und Museum Ludwig auch dauerhaft schließen für eine Generalinstandsetzung?
Ob man das könnte? Können ist die einfachste Lösung. Sollte man es wollen? Eher nein. Aber ist es verhinderbar? Da habe ich große Zweifel. Dafür ist möglicherweise der Schaden schon zu weit fortgeschritten. Je früher man mit der Sanierung angefangen hätte, desto eher hätte man Museum und Philharmonie vor einer Schließung bewahren können. Aber je länger man damit wartet, desto größer wird das Problem.
Umso dringender wäre es, sich damit zu befassen. Aber Herr Burmester scheint es eben nicht sehr weit oben auf der Agenda zu haben.
Ich habe darüber mit ihm nie geredet. Aber vielleicht sagt er: Ich habe andere Prioritäten. Oder man geht in der Stadtverwaltung davon aus, dass die Häuser ohnehin geschlossen werden müssen. Aber das könnte für das Ludwig und die Philharmonie, die beide wirklich einen exzellenten Ruf haben, einem Todesstoß gleichkommen. Ich würde der Stadt empfehlen, sehr sorgfältig die Verträge mit der Ludwig-Stiftung zu lesen und frühzeitig die Gespräche zu führen, denn die heutigen Amtsinhaber in der Ludwig-Stiftung sind solche, die, sagen wir mal, der Stadt Köln noch sehr gewogen sind.
Todesstoß klingt aber hart.
Im Fall der Fälle müsste man Ausweichquartiere finden, sowohl für die Philharmonie als auch für das Museum Ludwig. Aber es fällt schwer, sich geeignete Bauten oder Neubauten vorzustellen. Und egal, wo sie hingehen, die Einnahmeverluste wären immens. Ich warne davor, dass irgendwann, wie beim Römisch-Germanischen Museum, eine Landesbehörde kommt, die auf die Gefühle der Stadt Köln keine Rücksicht nimmt und sagt: Hier ist kein Zugang mehr möglich, die Betriebserlaubnis ist erloschen.
Herr Jungen, was ist Ihr Antrieb, das alles voranzutreiben?
Es geht mir darum, Dinge zu tun, die sonst nicht geschehen würden. Nehmen Sie zum Beispiel die gelungene Rettung der Wallraf-Bibliothek. Die hat vor sich hingegammelt, und das wäre einfach so weitergegangen, weil die Stadt Köln wahrscheinlich seit Adenauer nicht mehr in die Verträge geschaut hat. Sie wusste nicht mehr, dass die Bibliothek an die Universität übergeben worden war, mit der Verpflichtung der Universität, für den Unterhalt zu sorgen. Als ich den ersten Besuch in der Wallraf-Bibliothek gemacht habe und wegen der trockenen Luft husten musste, kam die Leiterin zu mir und sagte: Herr Jungen, wenn Sie vor diesem Buch noch einmal husten müssen, dann ist es weg.
Andere große Städte würden sich die Finger lecken nach einem Gebäude wie dem Zeughaus für ihr Stadtmuseum
Verzweifeln Sie manchmal an dieser Stadt?
Nein. Manchmal höre ich eher Klagen aus der Stadtverwaltung! Bevor ich verzweifle, sollen sich lieber die zuständigen Leute ärgern. Und man sieht, dass es funktioniert. Es ist auch gar nicht so wahnsinnig schwer, denn häufig ist das Geld ja da. Man muss sich allerdings kümmern.
Auch um das Kölnische Stadtmuseum müsste sich mal jemand kümmern.
Andere große Städte würden sich die Finger lecken nach einem Gebäude wie dem Zeughaus für ihr Stadtmuseum. Das hätte man dafür gar nicht erfinden können. Und die würden alles tun, um es am Leben zu erhalten. Und nicht erst damit anfangen, wenn es schon scheintot ist. Wir in Köln schnippeln jetzt am Leichnam herum. Ich kann all den privaten Freundeskreisen der Museen nur raten, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, statt nur Petitionen zu schreiben.
Fürchten Sie angesichts der Haushaltslage um die Zukunft der Kölner Museen?
Die Stadt wird sich fragen müssen, ob sie all diese Museen beziehungsweise das Kulturdezernat als selbstständige Einrichtungen auf Dauer unterhalten kann und will. So ein Gedanke ist nicht sehr populär, aber es ist immer noch besser, als wenn Museen geschlossen werden. Ein Haus wie das Römisch-Germanische Museum für wahrscheinlich zehn Jahre zu schließen, das ist eine Sünde am historischen Erbe der Stadt Köln. So kann man mit dem, was einem die Vorfahren anvertraut haben, nicht umgehen. Das ist alles Teil unserer Geschichte.
Die Kölner Museen sind durchweg bürgerschaftliche Sammlungen.
Das Bürgertum in Köln schlägt sich ständig auf die eigenen Schultern wegen dieses Erbes. Anders als Berlin oder München haben wir hier keine adligen Sammlungen, und das ist ja auch was Großartiges. Aber die Stadt merkt jetzt, was es heißt, das alles selbst unterhalten zu müssen. Ich fürchte, wir müssen davon ausgehen, dass Köln damit überfordert sein wird. Und deswegen muss man vielleicht sogar darüber nachdenken, mit dem Land Nordrhein-Westfalen über einzelne Einrichtungen zu reden. Vielleicht ist der neue Oberbürgermeister unter Umständen auch dankbar dafür, dass solche Fragen einmal gestellt werden.
An welche Museen oder Einrichtungen denken Sie konkret?
Ich will jetzt keine Vorschläge machen. Aber Frau Ministerin Ina Brandes sehe ich erfreulich oft in Köln. Vielleicht kann man mit ihr über die Gebäude reden. Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass die Stadt Köln jedes Kulturgebäude selbst errichten, zu 100 Prozent bezahlen und alle Folgekosten tragen muss. Da gibt es viele Möglichkeiten.
