Erschütternd gut – „Die weiße Rose“, ausgezeichnet als Bestes Musical, eröffnet das Kölner Sommerfestival in der Philharmonie.
„Die weiße Rose“ in KölnDoch, Widerstand kann man auch singen

Die jungen Studenten der „Weißen Rose“ bei der Flugblattproduktion.
Copyright: Jonas Melcher
Sophie Scholl liegt im Gras, um sie herum sprießt die Natur, der Sommerhimmel ist blau. Ein Idyll, sie ist glücklich. Singt sie zumindest. Beschwört, zu anschwellender Bandbegleitung und mit schmelzender Stimme, die Heimat.
Kann das gut gehen? Fragt man sich, während sich Sophie-Darstellerin Friederike Zeidler mit ausgebreiteten Armen um die eigene Achse dreht. Ist das nicht eine schreckliche Idee, ein Musical über die berühmte Widerstandsgruppe, eine Einladung zum Fremdschämen?
Man erinnert sich an den US-Eisläufer, der im grauen Lagerkluft-Kostüm zur Musik von „Schindlers Liste“ zur Kür antrat. Man denkt an Mel Brooks’ findige Produzenten, die ein Musical namens „Frühling für Hitler“ an den Broadway bringen, um die Versicherungssumme zu kassieren, die fällig ist, wenn ihr Stück gleich nach der Premiere abgesetzt wird.
Tief erschüttert, aber mit Wut im Bauch
Zweieinhalb Stunden später sitzt man tief erschüttert, feuchten Auges, aber auch mit Widerstandswut im Bauch in der Kölner Philharmonie. Es ist mehr als gut gegangen. Ja, man schämt sich seiner Bedenken: Warum soll ein Musical denn nicht die richtige Form für eine solche Geschichte sein? „Les Misérables“ erzählt vom gescheiterten Pariser Juniaufstand, „Anatevka“ von Pogromen in einem russischen Schtetl, „Cabaret“ vom Berliner Vorabend des NS-Regimes.
Ungewöhnlich ist höchstens, dass sich ein deutsches Kreativenpaar an so ein ernstes Thema wagt. „Die weiße Rose“ ist das erste Musical von Vera Bolten (Buch, Songtexte, Regie) und Alex Melcher (Musik, Songtexte, Arrangements). Vor 20 Jahren lernten sich die beiden als Hauptdarsteller von „We Will Rock You“ auf der Bühne des Kölner Musical Domes kennen. Sie haben viele Jahre an Arbeit in ihr Debüt gesteckt und sie haben von Anfang an alles richtig gemacht: Sie haben sich so weit wie möglich auf Quellentexte – Briefe, Tagebucheinträge, Verhörprotokolle – und historische Fakten gestützt, haben nichts dazu erfunden, dem Stoff keine Liebes- oder Heldengeschichte aufgepfropft.
Auch Sophie Scholls etwas schwülstige Ode an die schwäbische Heimat fußt auf einem Gedicht der späteren Widerstandskämpferin. Die begegnet uns hier als so idealistische wie naive 13-Jährige, neues Mitglied im Bund deutscher Mädel, heiß entbrannt für Hitlers Erneuerungsversprechen.

Friederike Zeidler und Jonathan Gut als Sophie und Hans Scholl in „Die weiße Rose“
Copyright: Jonas Melcher
In der nächsten Szene erleben wir die Familie Scholl am Mittagstisch. „Keine Politik“, mahnt die Mutter, doch der Vater erregt sich über die stramm nationalsozialistischen Kinder. Noch eine gute Entscheidung: Bolten und Melcher zeigen keine Ikonen, sondern echte Menschen, zeigen, wie das Gift des NS-Regimes bis in die kleinste Zelle hineinwirkt.
Das Bühnenbild ist auf das Wesentliche reduziert, grau ist die Heimat, und die Welt der weißen Rose setzt sich aus zwei verschiebbaren Treppen und einigen Würfelelementen zusammen. Die sind mal Tisch, mal Boot, mal geheime Druckerwerkstatt. Das Ensemble trägt Schwarz, umso stärker stechen die wenigen Farbtupfer heraus – Sophies rote Jacke, die grünen Wehrmachtsuniformen, die weiße Joppe von Alexander Schmorell – und die animierten Hintergründe, die auf Zeichnungen der begabten Sophie Scholl beruhen und wie fantastische Ausweitungen eines eng begrenzten Raumes wirken.
Und umso besser kann man sich auf die Geschichte und ihre Charaktere konzentrieren, auf die couragierte Sophie und den schillernd-enigmatischen Hans Scholl (Jonathan Gut), auf seinen mitfühlenden Freund Schmorell (Adam Demetz), auf den zurückhaltenden, aber eloquenten Christoph Probst (Albert Gassmann). Der geht ganz in seiner schnell anwachsenden Familie auf, bezeichnet sich selbst als unpolitisch. Nicht die Scholl-Geschwister und ihre Freunde radikalisieren sich, das zeigt die Inszenierung in bewundernswerter Deutlichkeit, sondern der faschistische Staat, dem sie als Subjekte ausgeliefert sind.
Auch die einzelnen Songs, wiewohl einige durchaus Mitsingqualitäten haben, dienen vor allem der Charakterisierung: Der Halbrusse Schmorell schildert seine innere Zerrissenheit in einer druckvollen Rocknummer, der Briefwechsel zwischen Sophie und ihrem an die Ostfront versetzten Verlobten Fritz Hartnagel ist ein Duett, bei dem die Singenden nie ganz zusammenkommen. Das Finale konterkariert die geifernden Ausfälle des Nazi-Richters Roland Freisler mit den gesungenen Abschiedsbriefen der von ihm zum Tode Verurteilten. Am Ende verfolgt das Publikum in der Philharmonie in atemloser Stille die eingeblendeten Todesdaten der Widerstandskämpfer, dann erhebt es sich geschlossen.
Beim „Deutschen Musical Theater Preis“ wurde „Die weiße Rose“ im vergangenen Jahr mit sieben Auszeichnungen bedacht, unter anderem als „Bestes Musical“. Man kann seinen Schöpfern und den größtenteils jungen, durchweg fantastischen Darstellern nur applaudieren – und auch dem eigentlich eher der leichten Muse verpflichteten Kölner Sommerfestival: dafür, dass es dieses ungewöhnlich ernste, außergewöhnlich gelungene und absolut dringliche Musical zum Auftakt präsentiert.
„Die weiße Rose“ gastiert noch bis zum 2. August in der Kölner Philharmonie. Tickets ab 59,99 Euro.
