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„Wir öffnen uns und gehen zu den Kindern der Stadt“

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Ein blonder Kita-Junge hebt seine Hände zur Musik des Gürzenich-Orchesters.

Mit seinen Unterwegskonzerteb besucht das Gürzenich-Orchester regelmäßig Kitas in und um Köln.

Der neue Kapellmeister des Gürzenich-Orchesters Andrés Orozco-Estrada stammt selbst aus ärmeren Verhältnissen - auch deshalb engagiert er sich stark für soziale Projekte des Kölner Orchesters. Ein Interview zur Saisoneröffnung. 

Herr Orozco-Estrada, Sie stammen aus Medellín, einer Großstadt in Kolumbien, in der die Gegensätze zwischen Reich und Arm sehr groß sind. Wie haben Sie in Ihrer Kindheit und Jugend diese Armut erlebt?

Andrés Orozco-Estrada Als ich groß wurde in den 80er-Jahren in einem Wohnkomplex in Medellín waren die Unterschiede sehr spürbar. Ich stamme aus einer eher ärmeren Familie. Meine Eltern heirateten sehr jung. Meine Mutter war 19, als sie mich bekam, war noch in der Ausbildung. Mein Glück war, dass sie mich mit fünf Jahren zu einer Schule schickte, die damals neu eröffnete, eine Schule mit Musikschwerpunkt, ich bestand den Aufnahmetest und erhielt ein Stipendium.

Sicher kamen dort viele Ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler aus reichen Elternhäusern.

Ja, sie trugen teure Kleidung, wurden mit dem Auto gebracht und abgeholt. Weil wir uns aber auf das gemeinsame Singen konzentrierten und das Musikmachen als Ziel hatten, war es nicht so wichtig, was wer hatte. Für mich war diese Schule, die Musik, eine Art Schutzraum. Meine Freunde, mit denen ich in unserem Wohnkomplex aufwuchs und mit denen ich Fußball spielte, nannten mich übrigens immer Beethoven. Aber für sie machte es beim Spielen dann auch keinen Unterschied, dass ich auf eine andere Schule ging.

Andrés Orozco-Estrada (Jahrgang 1977), seit der Spielzeit 2025/26 Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Kapellmeister des Gürzenich-Orchesters, sitzt mit mit seinem Dirigierstock auf einem schwarzen Ledersofa und lächelt herzlich.

Andrés Orozco-Estrada (Jahrgang 1977) ist seit der Spielzeit 2025/26 Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Kapellmeister des Gürzenich-Orchesters

Sie leben nun schon seit vielen Jahren in Europa. Wie nehmen Sie Unterschiede zwischen Arm sein in Kolumbien und Arm sein in Köln wahr?

Ich bin mir bewusst, dass ich in sehr privilegiertes Leben führe. Dank der Musik bewege ich mich in einem schönen Umfeld. Aber ja, es stimmt, Armut in Kolumbien sieht anders aus als hier in Köln. In Medellín hatte es zumindest früher, noch größere Ausmaße als hier. In Köln leben Einzelne auf der Straße, in meiner Heimat sind es ganze Familien, die unter Brücken schlafen. Auch in Köln sehe ich aber mittlerweile mehr obdachlose Menschen in der Innenstadt. Aber ich denke, dass Deutschland ein starkes Hilfesystem hat. Das gibt es so in Südamerika nicht. Als ich in 1997 nach Wien kam, hatte ich das Gefühl, in eine sehr sichere Welt zu kommen, es gab nirgendwo Sicherheitspersonal, was in Kolumbien normal war. Heute hat sich das auch etwas geändert.

Inwiefern verschaffen Sie Kindern aus sozial schwachen Familien, die sich nicht für klassische Musik interessieren, Zugang zur Musik- und tragen damit in Köln konkret zur sozialen Teilhabe von benachteiligten Kindern bei?

Indem wir, das Gürzenich-Orchester, uns öffnen und zu den Menschen gehen – seit vielen Jahren auch zu den Kindern vor Ort in den Veedeln. Unsere Musiker besuchen zum Beispiel mit kostenlosen Unterwegskonzerten Kölner Kitas, es gibt Projekte in Jugendzentren – und in Schulen, um möglichst vielen Kindern den Zugang zur Musik zu ermöglichen. Vielleicht wecken wir so bei ihnen die Motivation, ein Instrument zu lernen oder einfach nur eine Neugier auf die klassische Musik. Und wir schaffen Identifikation mit unserem Gürzenich-Orchester. Die Kinder und Jugendlichen lernen, dass wir das Orchester ihrer Stadt sind. Wir laden junge wie ältere Menschen zu Gesprächskonzerten zu uns in die Philharmonie ein – und gehen auch zu denen, die nicht ins Konzert kommen können. Derzeit planen wir zum Beispiel ein Konzert in der Justizvollzugsanstalt, der JVA Köln.

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Ist es nicht schwer, Kinder, die stark durch Tik-Tok-Videos sozialisiert sind, an die klassische Musik heranzuführen?

Es gibt und gab in jeder Generation Hürden. Vielleicht ist die Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr so groß bei jungen Leuten, aber die genannten Konzert-Formate sind ja kurz. Und das Gürzenich-Orchester ist ja selbst auch auf TikTok und Insta, es ist wichtig, den Menschen nahezukommen.

Inwiefern kann (klassische) Musik Kinder aus nicht privilegierten Familien stärken – Stichwort Herzensbildung und Empathie-Fähigkeit?

Ich glaube, dass Kunst generell die Empathie-Fähigkeit erhöht. Ich habe zum Beispiel mit dem Singen im Chor angefangen. Da ist es wichtig, einander zuzuhören und gemeinsam einen Konsens zu finden. Vielleicht denke ich zu romantisch, aber wenn es uns gelänge, das auf die Gesellschaft im Ganzen zu übertragen, dann bin ich sicher, hätten wir deutlich weniger Probleme, vielleicht sogar weniger Kriege. Kunst und Musik können uns zu besseren Menschen machen.

Kinder sitzen in den Besucherreihen der Kölner Philhramonie und klatschen in die Hände, auf der Bühne steht ein junges Mädchen, hinter ihm Musikerinnen und Musiker des Gürzenich-Orchesters

Ein Highlight: Das Schulkonzert des Gürzenich-Orchesters in der Kölner Philharmonie

Das aktuelle Jahresmotto von „wir helfen“ legt den Fokus auf Prävention und lautet: „wir helfen: Kinder frühzeitig auf einen guten Weg zu bringen“. Wie kann jede und jeder von uns im Kleinen dazu beitragen?

Für mich beginnt alles mit dem Zuhören. Auch Kindern. Denn sie haben etwas zu sagen. Es ist wichtig, ihnen einfach zuzuhören, sie ernst zu nehmen, auf ihre Gedanken und Gefühle zu reagieren. Natürlich müssen Eltern auch eine Richtung vorgeben, aber es ist wichtig, die Meinung der Kinder gelten zu lassen. Dann kann man gemeinsam Wege finden. Und so entstehen auch Freundschaften und Toleranz – die gesunde Basis für ein gutes Miteinander. 


Auszug aus dem wir helfen-Folder 2025_2026

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