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Umweltbörse und „LevLive“Von Abpflastern bis Antiquariat: viel los in der Leverkusener Innenstadt

5 min
Eine Partie Schach – auch mit Anleitung – mitten in der Fußgängerzone.

Eine Partie Schach – auch mit Anleitung – mitten in der Fußgängerzone.

Vor dem Rathaus hatten Institutionen ihre Stände für die Umweltbörse aufgebaut, in der Fußgängerzone boten die Händlerinnen und Händler ihre Ware.

Mit ihrem Werkzeug zieht Daniela Türkyilmaz-Nappa schon ein paar Blicke auf sich. Nicht mit den Häkelnadeln, aber mit dem riesigen Vergrößerungsglas vor ihrer Brust. Wie durch eine überdimensionale Lupe schaut sie auf den Stoff zwischen ihren Fingern. Versiert fertigt sie Masche um Masche. Türkyilmaz-Nappa war schon ein paar Mal in der Wiesgänger Fußgängerzone mit dem Stand ihres Unternehmens „Bella Deluca“. An diesem Wochenende ist sie Teil des Viertelfests „LevLive“.

Neben ihr am Stand sind die Resultate ihrer Fertigkeiten zu sehen: Figuren, Schlüsselanhänger, Taschen und mehr. Daniela Türkyilmaz-Nappa häkelt den ganzen Tag, wie sie erzählt. Manchmal zehn Stunden. Die 50-Jährige kommt aus Aachen, auf Märkten wie diesem ist sie erst seit diesem Jahr unterwegs. In Corona habe sie angefangen, zu basteln. Erst für sich. Sie fertigte Wichtel, lernte die Knüpftechnik Makramee und wühlte sich durch Internetvideos, um immer mehr zu lernen.

Daniela Türkyilmaz-Nappa verkauft als „BellaDeluca“ unter anderem selbst Gehäkeltes.

Daniela Türkyilmaz-Nappa verkauft als „BellaDeluca“ unter anderem selbst Gehäkeltes.

„Die erste Riesendecke war krumm und schief“, sagt sie über ihre ersten Häkelversuche. Was sie damals nämlich nicht bedacht hatte: Es kommt aufs Zählen an. Beim Häkeln müsse man genau darauf achten, bei welcher Masche man sich befinde. Auf ihrem Schoß liegt ein Klemmbrett, darauf macht sich Türkyilmaz-Nappa gelegentlich Notizen.

In diesem Jahr ist sie noch auf zwei Weihnachtsmärkten unterwegs, und zwar jeweils zehn Tage. Dafür brauche sie Material: „Von nichts kommt nichts“, sagt sie über ihr sportliches Häkelpensum. Sie habe ihre Wolle überall dabei, auch vakuumiert in Riesensäcken im Urlaub. „Das ist wie eine Sucht“, sagt sie und lacht.

Mit „LevLive“ ist sie nicht sonderlich zufrieden. Sie findet, dass die Veranstalter zu wenig Werbung gemacht hätten. Der verkaufsoffene Sonntag ziehe zwar Leute in die Innenstadt, aber hätten die gewusst, dass es auch Stände gibt, hätten die sicher mehr Geld eingepackt, glaubt sie. In Opladen laufe das meist besser.

Christina Rennhack und ihr Mann sind zum ersten Mal auf einem Markt in Wiesdorf.

Christina Rennhack und ihr Mann sind zum ersten Mal auf einem Markt in Wiesdorf.

Ganz anders sieht das Christina Rennhack am Ende der Fußgängerzone. Die Alkenratherin und ihr Mann sind zum ersten Mal in Wiesdorf, waren aber schon in Opladen. Und ihr Eindruck ist genau das Gegenteil von dem, was Daniela Türkyilmaz-Nappa berichtet. „Es ist ganz gut angelaufen. Ich bin erstaunt, dass so viel los ist“, sagt sie und blickt in die Fußgängerzone. Ihr gefalle auch die Einkaufsstraße in Wiesdorf: die Läden, die Restaurants, die Cafés.

Ihr Mann verkauft vor allem Trikots und Fußballschals: Shirts vom FC Schalke 04 und von Bayern München fallen sofort ins Auge. Christina Rennhack sammelt und kauft auf anderen Märkten zum Beispiel Dekoartikel. Für einen Porzellanhund aus den laut ihr 1920er-Jahren will sie zehn Euro haben. Den Schleichhund hat sie allerdings von zu Hause mitgebracht, sie habe früher gesammelt.

Zum ersten Mal unter neuem Namen ist der Schachclub Leverkusen dabei. Sie haben ihre Bretter zuvor auf Märkten, hauptsächlich in Wiesdorf, noch mit „Bayer“ im Namen aufgebaut. Der Schachclub gehört zu den Vereinen, denen der Konzern das Nutzungsrecht für den Namen entzogen hat. Für die ältere Generation, sagt Jugendwart Hans-Peter Longerich, sei das schon ein Problem. Die Generation, für die noch das Bayer-Kaufhaus oder andere Dinge selbstverständlich zum Stadtbild gehört haben.

Etwa 50 Mitglieder hat der Club, den es seit 1910 gibt. Das sei eine solide Zahl, sagt der Jugendwart. Zwar habe es vor Jahrzehnten auch mal bessere Zeiten gegeben, aber Existenzsorgen habe der Verein nicht. Die Präsenz auf Festen wie diesem können die Schachfreunde nach eigenen Angaben sofort spüren: Gerade Jugendliche würden so immer auf den Verein aufmerksam. Die kämen sofort montags (19 Uhr, Wiesdorfer Bürgerhaus) zum Training. Manchmal auch Erwachsene, die bräuchten aber immer ein bisschen mehr Zeit zum Überlegen. „Man muss sich einfach zeigen und im Viertel bekannt machen“, sagt Longerich.

Auch Bücher und Schallplatten gab es zu ergattern.

Auch Bücher und Schallplatten gab es zu ergattern.

Eingebettet in das Festwochenende war am Sonntag die „Umweltbörse“ auf dem Rathausvorplatz. „Einer unserer Schwerpunkte ist in diesem Jahr die Aktion Abpflastern“, erklärt Christiane Jäger, Leiterin des Fachbereichs Mobilität und Klimaschutz. „Abpflastern“ ist ein bundesweiter Entsiegelungswettbewerb, an dem Leverkusen 2027 erstmals teilnehmen will. „Da bereiten wir die Leute jetzt schon ein bisschen darauf vor, damit sie sich Gedanken machen können“, sagt Jäger. In dem Wettbewerb unter Städten, Gemeinden und Kreisen geht es darum, wer eine möglichst große Gesamtfläche an Pflaster, Beton, Asphalt oder Schotter entfernt und durch Grün ersetzt.

„Wir als Stadt machen, was wir können, aber alleine schaffen wir es nicht“, sagt Jäger. Nicht nur, weil die Kassen leer sind, sondern vor allem auch, weil ein Großteil der Stadtfläche in Privatbesitz ist: Hausbesitzer, Firmen, Vereine – alle sind aufgerufen, zu überlegen, wo sie „abpflastern“ können, und wenn auch nur auf kleinen Flächen. Wie groß die Bereitschaft dazu ist, kann Jäger aus ersten Gesprächen bislang nicht entnehmen. „Aber alle sind sich einig, dass es in der Stadt zu heiß ist.“ Dann müsse sich auch die Erkenntnis durchsetzen, dass jeder etwas dagegen tun müsse. 

Fast Fashion war das Thema bei der Avea - dazu gab es die Möglichkeit, eigene T-Shirts zu gestalten.

Fast Fashion war das Thema bei der Avea - dazu gab es die Möglichkeit, eigene T-Shirts zu gestalten.

Zum Klimaschutz gehört auch die Mobilität: Der ADFC klärt darüber auf, auf welchen Strecken in der Stadt man mit dem Zweirad gut vorwärtskommt – und wo man sich über Strecken beschweren kann, auf denen das nicht möglich ist. Beschwerden hört auch Anke Grubbert von der Wupsi an ihrem Stand so einige – über Haltestellen, an denen man als gehbehinderter Mensch schlecht einsteigen kann, oder Veränderungen in Fahrplänen. Das zeigt aber auch, dass das Interesse am öffentlichen Nahverkehr groß ist. „Aktuell kommen auch viele Fragen zum neuen Tarif Eezy – und das Deutschlandticket ist ein Dauerbrenner.“ Viele Passanten sind froh, dass sie auch einfach mal individuelle Fragen loswerden können – zum Beispiel, unter welchen Bedingungen ein Hund im Bus mitfahren darf. „Gegen kleine Hunde in einer Tasche sagt niemand was“, klärt die Kollegin auf. „Größere Hunde dürfen kostenfrei mitfahren, solange sie angeleint sind.“ 

Besonders gefragt ist das Glücksrad des Teams für Bildung zur Nachhaltigen Entwicklung (BNE). Auf dem Glücksrad sind die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung abgebildet. Koordinatorin Christina Kowalczyk hat zu jedem Ziel eine kindgerechte Frage. Beispiel: Ziel 1: Keine Armut. „Was braucht jedes Kind auf der Welt, um zu leben?“, fragt Kowalczyk. Vier Möglichkeiten gibt sie vor: viel Spielzeug, einen Fernseher, reichlich Süßigkeiten oder Essen und ein Zuhause. Die vierjährige Aurelie überlegt lange, ihr scheint wohl alles überlebenswichtig. Oder es fehlt ihr die Vorstellungskraft, dass es Kinder gibt, die kein Zuhause haben.