Der Aufschrei war durchaus groß in der Leverkusener Stadtgesellschaft, als Leverkusen vor zwei Jahren bei einer Erhebung des Umfrageinstituts Forsa im Auftrag von Westlotto im Ehrenamtsatlas NRW den letzten Platz unter allen Kreisen und kreisfreien Städten im Land belegte. Die Botschaft: In Leverkusen engagierten sich so wenig Menschen ehrenamtlich wie nirgendwo in Nordrhein-Westfalen: nur 38 Prozent der Befragten.
Jetzt hat sich die Lage etwas verbessert, die Quote ist auf 46 Prozent gestiegen. Auf dem letzten Platz liegt Remscheid mit 37 Prozent, Mülheim an der Ruhr hat mit 41 Prozent die zweitniedrigste Ehrenamtsquote. 239 Stunden leistet den Zahlen nach jeder Ehrenamtler und jede Ehrenamtlerin in Leverkusen im Jahr, 2024 waren es 203 Stunden. Daraus ergibt sich ein wirtschaftlicher Gegenwert von 213,4 Millionen Euro.
55 ehrenamtliche Lesementoren
Ein Paradebeispiel für ehrenamtliches Engagement, das ankommt, feierte am Mittwoch im Spiegelsaal von Schloss Morsbroich seinen zehnten Geburtstag: die Leverkusener Lesementoren. „Ein Kind, ein Buch und ein Mensch, der Zeit hat und zuhört, ohne Zeitdruck, ohne Noten, ohne eine Klasse im Rücken“, erklärt Andrea Pohlmann-Jochheim vom Lesementor-Bundesverband das einfache Rezept bei der Feierstunde. „Das ist keine Bildungsreform. Das ist einfach Hilfe, die ankommt.“
55 ehrenamtliche Lesementoren gibt es aktuell in Leverkusen, 13 der 24 Leverkusener Grundschulen nehmen an dem Projekt teil. Das Besondere: Jedes teilnehmende Kind bekommt einen festen Mentor, der sich für eine Stunde in der Woche über mindestens ein Jahr mit ihm zum Lesen trifft. Eine feste Bezugsperson sei ganz wichtig für Kinder, die sich oft nicht trauen, vor anderen zu lesen oder zu sprechen, erklärt Marion Daniel, Koordinatorin des Projekts im Leverkusener Bildungsbüro. „Wenn ein Kind dann in der nächsten Stunde ein Buch mitbringt und sagt: ‚Das will ich lesen‘, dann ist das ein tolles Gefühl.“ Warum sie sich in dem Bereich engagiert, beschreibt eine Lesementorin so: „Junge Menschen bei so einem wichtigen Thema zu begleiten und ihre Fortschritte zu sehen, ist eine schöne Erfahrung, die mich glücklich macht.“
Zumeist sind es ältere Menschen, die sich nach ihrem Berufsleben für die Lesementoren melden. Auch insgesamt sind in Leverkusen die meisten Ehrenamtler älter als 60 Jahre (42 Prozent). 28 Prozent der Aktiven sind zwischen 45 und 59 Jahren alt, 20 Prozent zwischen 20 und 44. Die Quote der 18- bis 29-Jährigen liegt bei zehn Prozent.
Bürokratie als Herausforderung
Als größte Herausforderungen nennen 82 Prozent der Ehrenamtler „komplizierte Antragsverfahren“, 61 Prozent „aufwendige Nachweispflichten“ – also überbordende Bürokratie. Zwar ist die Zahl der Befragten im Ehrenamtsatlas dazu mit elf wohl wenig belastbar. In Leverkusen zeigt sich das aber deutlich: Anfang Juli zogen rund 250 Menschen nach dem Aufruf der Dorfgemeinschaft Pattscheid-Romberg-Linde (Paroli) durch den Ort, weil zum ersten Mal nach 73 Jahren nicht der beliebte Umzug durchs Dorf ging. Der Grund: zu hohe Auflagen. Auch aus den Reihen der Schlebuscher Schützen hörte man ähnliche Klagen, was ihr Schützenfest angeht.

Rund 250 Menschen demonstrierten im Sommer mit der Dorfgemeinschaft Pattscheid-Rombach-Linde (Paroli) gegen zu hohe Auflagen durch die Behörden.
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Das Thema hat sich Leverkusens Oberbürgermeister Stefan Hebbel (CDU), der seit fast einem Jahr im Amt ist, auf die Fahnen geschrieben. Im Juni hatten die Christdemokraten einen Parteitag unter das Motto „Ehrenamt“ gestellt. Hebbel kündigte Beschleunigungen im Rathaus an. Zum Beispiel: Umzüge, die 500 Teilnehmer nicht überschreiten, sollen direkt genehmigt werden, wenn es keine Probleme mit Straßenbesitzverhältnissen gibt. Und: Die Stadt hat, wie die Nachbarstadt Leichlingen seit Kurzem auch, mit Alina Reit eine Ehrenamtskoordinatorin im Rathaus.
22 Prozent im Sport aktiv
Die im Ehrenamtsatlas genannten Herausforderungen „lange Wartezeiten bis zur Förderzusage“ (55 Prozent), „lange Bearbeitungszeiten bis zur Auszahlung“ (51 Prozent) dürften aber nicht nur für die Kommune, sondern auch für das Land, das in der Regel Förderprogramme fürs Ehrenamt auflegt, gelten.
Hier hat der Leverkusener Landtagsabgeordnete Rüdiger Scholz (CDU) am Mittwoch mitgeteilt, dass die Landesregierung jetzt die Förderung für Übungsleiterqualifizierungen um 250.000 Euro erhöht hat. Je Ausbildung gibt das Land für Weiterbildungen 500 Euro dazu. 73 Prozent der Befragten wünschen sich mehr finanzielle Unterstützung durch die Politik. Neben dem Geld spielen noch andere Faktoren eine Rolle, wenn es darum geht, dass sich Menschen ehrenamtlich engagieren. 56 Prozent von 53 für den Ehrenamtsatlas befragten Menschen sagten, mit mehr Möglichkeiten zum digitalen Arbeiten (Homeoffice) würde sich ihr Engagement erhöhen. 29 Prozent wünschen sich in der Gesellschaft mehr Wertschätzung für ihre Arbeit.
22 Prozent der Ehrenamtler in Leverkusen sind im Sport aktiv, ebenso 22 Prozent in Kitas und Schulen, 20 Prozent für die Kirche. In der Nachbarschaftshilfe engagieren sich 17 Prozent, 14 Prozent in der Kultur. Elf Prozent der Befragten sind in der Kommunalpolitik aktiv.
Warum gerade das Lesen in der heutigen Zeit besonders gefördert werden muss, bringt Bezirksbürgermeister Frank Schönberger bei der Feierstunde auf den Punkt. Nicht nur, weil rund ein Viertel der Viertklässler nicht die Mindeststandards in dem Bereich erreichen. „In einer Gesellschaft, in der wir uns immer weniger miteinander beschäftigen, sind Bücher die Möglichkeit, mit den Gedanken anderer in Kontakt zu kommen.“ Das Gleiche gilt für das Ehrenamt im Allgemeinen.
Leverkusen im Vergleich
In Köln liegt die Ehrenamtsquote ebenfalls bei 46 Prozent, die geleisteten Arbeitsstunden pro Aktivem liegen allerdings bei 203 Stunden. Dafür ist der wirtschaftliche Gegenwert in der Großstadt mit 1,1 Milliarden Euro deutlich höher. Interessant: Die meisten, die sich in Köln ehrenamtlich engagieren, sind 18 bis 29 Jahre alt (44 Prozent) – also gegenläufig zur Zahl in Leverkusen. Die Quote nach Geschlecht liegt in beiden Städten ähnlich: In Leverkusen sind es 52 Prozent Frauen und 48 Prozent Männer, in Köln 52 Prozent Frauen, 41 Prozent Männer und sieben Prozent diverse Personen. In Düsseldorf engagiert sich jeder Zweite ehrenamtlich, allerdings „nur“ 156 Stunden im Jahr. (nip)

