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Leverkusener JazztageMusiker Kamrad: „Wir sind wohl der Act, der am wenigsten mit Jazz zu tun hat“

5 min
Sänger und Songwriter Kamrad tritt am 15. November erstmals bei den Leverkusener Jazztagen auf.

Sänger und Songwriter Kamrad tritt am 15. November erstmals bei den Leverkusener Jazztagen auf.

Kamrad spielt am 15. November im Forum im Rahmen der Leverkusener Jazztage.

Der Velberter Sänger und Songwriter Kamrad arbeitet regelmäßig in Los Angeles. Im November gibt der 29-Jährige sein Debüt bei den Leverkusener Jazztagen. Viktoria Langenhuizen sprach mit ihm über seine musikalischen Wurzeln, das Songwriting und „Love Sober“, seine neuste Single.

Was ist bei einem Festivalauftritt anders als bei einem typischen Konzert von Ihnen? 

Kamrad: Ich kann mir vorstellen, dass weniger Besucher meine Songs kennen und zunächst stärker auf die Musik und die Instrumente achten als aufs Mitsingen. Das finde ich spannend. Unser Live-Set ist anspruchsvoll und meine Band und ich können dabei besonders zeigen, was wir draufhaben. Trotzdem bin ich ein wenig nervös, weil wir im Line-up wohl der Act sind, der am wenigsten mit Jazz zu tun hat.

Sie haben die Liveband schon erwähnt. Wie viel Möglichkeit haben Sie, live zu improvisieren oder die Songs für einen Auftritt anders zu arrangieren?

Im Live-Set gibt es ohnehin improvisierte Passagen, in denen wir uns für die Jazztage etwas überlegen können. Gleichzeitig soll die Show vertraut bleiben: Wer „I Believe“ oder „Would You Mind“ hören möchte, soll die Songs auch bekommen. Für Freiraum zum Austoben ist trotzdem Platz – darauf freue ich mich. Ich spiele gern Gitarre und bin mit Blues aufgewachsen.

Was fasziniert Sie an Musikern aus dem Jazz und Blues? Gibt es Dinge, die Sie sich von ihnen abgeschaut haben?

Was mich daran fasziniert, ist vor allem das Revolutionieren des Gitarrenspiels. Bei B. B. King, aber auch bei Jimi Hendrix. Wenn ich mir vorstelle, dass es heute gefühlt schon alles gegeben hat, können wir unsere Musik aus unendlichen Bausteinen zusammenbauen. In den 60er- Jahren gab es dagegen noch nicht so viele verzerrte, harte Gitarrensongs. Dass jemand wie Jimi Hendrix die Gitarre praktisch neu erfunden hat, begeistert mich.

Ist die Gitarre immer noch Ihr erstes Instrument, wenn Sie selbst komponieren? 

Ja, auf jeden Fall. Ich hatte lange sogar das Problem, dass ich auf der Bühne ganz schlecht ohne Gitarre stehen konnte. Das hat sich inzwischen gelegt. Ich genieße es auch, einfach nur zu singen, weil ich mich dann freier bewegen kann. Aber ich schreibe jeden Song an der Gitarre. Selbst wenn ich Texte schreibe, muss ich eine Gitarre in der Hand halten. Ich bekomme bessere Ideen, wenn ich nicht auf einem Stuhl mit meinem Handy sitze und etwas aufschreibe, sondern an der Gitarre herumklimpere.

Sie sind Sänger, Songwriter und Produzent. Schauen Sie beim Musikmachen immer aus allen Perspektiven darauf?

Ich sehe mich in erster Linie als Songwriter. Natürlich bin ich wahrscheinlich mehr Sänger als Songwriter, wenn man danach geht, wie viel Zeit ich mit den jeweiligen Dingen verbringe. Aber ich denke ständig über Ideen für Songs nach. Ich habe früher auch sehr viel selbst produziert. Jetzt habe ich aber ein Team, das das deutlich besser kann und mir diese Aufgabe ein bisschen abnimmt. 

Ihre erste Single erschien vor zehn Jahren. Wie würden Sie sagen, sind Sie seitdem als Songwriter gewachsen?

Ich glaube, ich habe vor zehn Jahren ähnliche Songs geschrieben wie heute, nur alleine. Mittlerweile schreibe ich viel im Team, weil es mir Spaß macht, mit anderen Leuten Musik zu machen. Früher habe ich alles an der Gitarre geschrieben und den Song erst danach produziert – so machen wir es heute auch.

Eine Zeit lang habe ich viele Beats gemacht und darauf improvisiert. Dabei habe ich viel als Produzent gelernt, aber auch gemerkt, dass darunter manchmal Texte und Melodien leiden. Für mich muss ein Song deshalb erst einmal an der Gitarre oder sogar a cappella funktionieren, bevor er produziert wird.

Wie hat sich Ihre inhaltliche Herangehensweise an Songs in den vergangenen Jahren verändert?

Texte sind mir viel wichtiger geworden. Ich denke mehr über Konzepte, Wörter und die entscheidenden Momente in einem Song nach. Früher war es eher: viel Melodie und dann einen Text dazu finden. Heute glaube ich, dass selbst die beste Melodie wenig wert ist, wenn der Inhalt fehlt oder keinen Bezug zu mir hat. Das Schwierige ist, den richtigen Satz zu finden – und die richtige Art, ihn zu singen.

Wo arbeiten Sie aktuell? Haben Sie noch Ihr Studio zu Hause oder arbeiten Sie hauptsächlich in Los Angeles?

Ich habe ein Studio zu Hause in Velbert, dort nehme ich aber meistens nur kleine Ideen auf. Das meiste machen wir in Bochum, wo wir schon seit acht, neun Jahren an Musik arbeiten. Ein- bis zweimal im Jahr sind wir in Los Angeles, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich mag das Wetter und dieses Abkapseln von hier. Ich bin aber deutlich öfter in Bochum als in L.A. 

Bei „Love Sober“ geht es um eine positive Perspektive auf eine Trennung. War diese Idee von Anfang an da oder hat sie sich erst beim Schreiben entwickelt?

Der Song war der erste, den wir dieses Jahr in L.A. gemacht haben. Wir hatten eine Melodie und das Wort „Love Sober“ – als Gegenstück zu „Drunk in Love“. Die Idee und der Inhalt waren also schon da. Wir haben es auch schnell geschafft, das Thema auf den Punkt zu bringen. 

Sie sind viel unterwegs und haben keinen ganz regelmäßigen Alltag. Wie schaffen Sie es, trotzdem eine gewisse Struktur zu behalten?

Was Strukturen und Routinen angeht, bin ich schlecht aufgestellt. Wenn ich unterwegs bin, ist jeder Tag anders – und das mag ich auch. Bei mir haben sich größere Veränderungen im Leben im Nachhinein eigentlich immer als etwas Gutes herausgestellt.

Vor „I Believe“ trennte ich mich von meinem Team und stand ohne Geld, Management und Plattenfirma da. Drei Monate später erschien der Song mit einem neuen Team. Auch vor zwei Jahren verließ ich trotz eines guten Angebots ein Major-Label; mein erster Song beim Indie-Label war „Be Mine“. Veränderungen können Angst machen, aber auch neue Chancen eröffnen.

Sie haben in diesem Jahr schon viele Konzerte gespielt. Wie bereiten Sie sich jetzt auf die Jazztage vor?

Wir haben vor den Jazztagen noch drei oder vier Konzerte, bei denen wir das normale Live-Set spielen. Insgesamt haben wir in diesem Jahr schon rund 60 Konzerte gespielt. Für die Jazztage wollen wir noch ein paar Jazz-Elemente ausprobieren und den Songs auf der Bühne Freiraum lassen.

Werden Sie in diesem Jahr noch neue Musik veröffentlichen?

Ich möchte mehr als Singles veröffentlichen: Die nächste EP ist bereits in Arbeit. In den vergangenen drei, vier Jahren sind drei EPs entstanden – etwa eineinhalb Alben. Ich mag das Format, weil es schneller entsteht und zeigt, wo ich musikalisch zurzeit stehe. 

Sie kommen aus Velbert und sind in NRW zu Hause. Was bedeutet es für Sie, jetzt erstmals in Leverkusen aufzutreten?

NRW ist für mich Heimat. Ich bin schon unzählige Male durch Leverkusen gefahren, meistens auf dem Weg nach Köln, aber gespielt habe ich hier tatsächlich noch nie. Meine Freundin war schon bei Jan Delay in Leverkusen, deshalb kenne ich die Jazztage zumindest ein bisschen. Ich freue mich sehr auf das Konzert im November! 


Kamrad tritt am Sonntag, 15. November, um 19.30 Uhr im Terrassensaal des Forum Leverkusen auf. Einlass ist ab 18.30 Uhr. Tickets gibt es ab 45 Euro, das Familienticket für einen Erwachsenen und zwei Kinder bis 16 Jahre kostet 85 Euro. Es gilt freie Platzwahl. Tickets gibt es hier: leverkusener-jazztage.reservix.de