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Leverkusens Feuerwehrchef„Wir müssen uns viel stärker an unseren südeuropäischen Nachbarländern orietieren“

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Die Feuerwehr Leverkusen unterstützte ihre Kameradinnen und Kameraden in Hürtgenwald.

Die Feuerwehr Leverkusen unterstützte ihre Kameradinnen und Kameraden in Hürtgenwald.

Thomas Kresse spricht im Interview über den Einsatz in Hürtgenwald, zunehmende Waldbrände und die Konsequenzen für die Feuerwehr.

Die Feuerwehr Leverkusen war am vergangenen Wochenende mit 203 Kräften, hauptsächlich der Freiwilligen Feuerwehr, beim laut Landesregierung größten Waldbrand in der NRW-Geschichte im Einsatz in Hürtgenwald im Kreis Düren. Mit dem städtischen Feuerwehrchef Thomas Kresse sprach Niklas Pinner über den Einsatz, die steigende Zahl von Waldbränden und die Konsequenzen für die Feuerwehrleute.

Herr Kresse, Sie waren selbst in Hürtgenwald dabei. Beschreiben Sie doch einmal Ihre Eindrücke.

Kresse: Es war beeindruckend, eine wirklich außergewöhnliche Lage. Das muss man sagen. Eine solch große Einsatzstelle in Form eines Waldbrandes habe ich bis dahin auch noch nicht gesehen. Es war doch eine sehr eindrückliche Stimmung, auch in Gey, in dem Dorf, das evakuiert wurde. Wir waren mit unserer Bereitschaft dort eingesetzt.

Thomas Kresse ist der Leiter der Feuerwehr Leverkusen.

Thomas Kresse ist der Leiter der Feuerwehr Leverkusen.

Wie lief der Einsatz konkret ab? Sie kamen dort an und dann?

Wir kamen dort an mit insgesamt 46 Fahrzeugen und 203 Einsatzkräften aus Leverkusen, aus dem Rhein-Bergischen und dem Oberbergischen Kreis. Und dort wurde uns dann direkt die Ortschaft Gey zugeteilt. Dann haben wir die Einsatzkräfte dort abgelöst und den Einsatzabschnitt übernommen. Wir haben uns organisiert, in die Lage einweisen lassen und  dann ging es auch schon direkt an vorderster Front los. Unser Auftrag war der Schutz der evakuierten Ortschaft.

Wie war die Stimmung unter den Kameradinnen und Kameraden?

Sie waren ähnlich erstaunt über das Ausmaß dieses Waldbrandes, aber alle waren hochmotiviert. Das hat uns alle angetrieben.

Wie kann man sich auf einen Einsatz solchen Ausmaßen vorbereiten?

Wenn man während der Anfahrt schon in die Rauchwolke von Weitem sieht, dann ist das schon eine etwas angespannte Situation. Man macht sich viele Gedanken bereits auf der Anfahrt. Aber wenn man dann vor Ort ist, dann ist man doch sehr schnell fokussiert und startet mit seinen Aufgaben.

Wie oft trainieren Sie solche Lagen?

So eine Waldbrandlage in der Größenordnung kann man, glaube ich, gar nicht trainieren. Was wir trainieren, ist eine Führungsorganisation in solchen Lagen. Das trainieren wir schon relativ häufig mit unserem Stab hier in Leverkusen. Mit der Feuerwehreinsatzleitung hatten wir in der Vergangenheit ja leider auch einige große Einsätze. Und wir kennen uns alle untereinander, die Zusammenarbeit funktioniert gut.

Kurze Verpflegungspause: Von Freitagnachmittag bis Samstagabend waren die Kameradinnen und Kameraden in Hürtgenwald.

Kurze Verpflegungspause: Von Freitagnachmittag bis Samstagabend waren die Kameradinnen und Kameraden in Hürtgenwald.

Unterstützung haben Sie in Hürtgenwald auch von Landwirten erhalten.

Ja, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, dafür mal „Danke“ zu sagen. Unheimlich viele Landwirte haben freiwillig und auf eigene Kosten geholfen. Das THW betankt die Trecker bei solchen Einsätzen zwar, aber das Material stellen sie alle unentgeltlich zur Verfügung, und die Zeit sowieso. Die Landwirte haben uns in manchen Situationen sogar sprichwörtlich den Hintern gerettet.

Wie?

Sie haben zum Beispiel für eine stabile Wasserversorgung gesorgt. Über ihre Güllefässer. Manche Logistikunternehmer kamen mit riesigen Sattelzügen. Da waren bis zu 35.000 Liter Wasser drin. Die wurden dann in Pufferstationen gepumpt und die Landwirte haben damit ihre Güllefässer vollgemacht. Mit den Vorrichtungen, mit denen sie ansonsten ihre Gülle aus den Fässern spritzen, haben sie Schutzstreifen angelegt. Bis zu 30 Meter in den Wald hinein. So hat man Schneisen geschlagen, in denen wir uns bewegen konnten und über die das Feuer nicht hinauskam. Das war ganz großes Kino.

Die Feuerwehrleute aus Leverkusen, dem Rheinisch-Bergischen und dem Oberbergischen Kreis arbeiteten zusammen.

Die Feuerwehrleute aus Leverkusen, dem Rheinisch-Bergischen und dem Oberbergischen Kreis arbeiteten zusammen.

Feuer in Frankreich, Südeuropa, Hürtgenwald, Belgien oder sogar in Rheindorf – erhöhte Waldbrandgefahr bei zunehmender Trockenheit ist natürlich kein Geheimnis. Aber haben Sie erwartet, dass es diesen Sommer so geballt kommt?

Nein, aus meiner Sicht war es nicht abzusehen, dass es solche extremen Ausmaße annimmt. Es war erwartbar, dass es Waldbrände gibt in diesem Jahr aufgrund der langen Dürre und der wirklich heißen Temperaturen. Aber nicht in diesem Maße. Die Hitze und die Dürre sind in diesem Jahr aber natürlich extrem. Ich glaube, das letzte Mal, dass ich so einen heißen, langen Sommer erlebt habe, war 2003. „Jahrhundertsommer“ hieß es damals – und jetzt sind wir nur 23 Jahre weiter.

Welche Folgen hat das für Ihre Arbeit? Brauchen Sie mehr Leute?

Wir in Leverkusen brauchen nicht zwangsläufig mehr Personal. Für unsere höchste Priorität, den Schutz von Leverkusen, sind wir in der Stadt gut aufgestellt. Auch in Bezug auf Waldbrand. Nachholbedarf hat man allerdings, was den überörtlichen Katastrophenschutz angeht. Auf Landesebene muss man da Konzepte weiter ausbauen. Man muss die Einsätze auswerten, Probleme benennen, die es natürlich auch gab, und daraus Lehren ziehen. Und ich finde, wir müssen uns viel stärker an unseren südländischen Nachbarländern, die viel Erfahrung mit Waldbrandbekämpfung haben, orientieren.

Was genau meinen Sie?

Nennen wir beispielsweise Frankreich. Die haben eigene Waldbrandlöschzüge, die bestehen aus kleinen, wendigen Waldbrand-Tanklöschfahrzeugen mit Überrollbügel, die hochgeländegängig sind, einem Einsatzleitwagen und einem Großtankfahrzeug, das die Wasserversorgung sicherstellt. Man hat jetzt gerade acht Waldbrandtanklöschfahrzeuge nach diesem Vorbild hier in NRW beschafft. In Niedersachsen gibt es auch welche, die auch zu unserem EU-Waldbrandmodul gehören. Da ist man auf einem guten Weg, aber ich glaube, man muss das noch deutlich mehr ausbauen.

Einsatzbesprechung: Die Leverkusener Feuerwehrleute waren in der Ortschaft Gey im Einsatz.

Einsatzbesprechung: Die Leverkusener Feuerwehrleute waren in der Ortschaft Gey im Einsatz.

Aber abgesehen von der Ausstattung: Mehr Waldbrände bedeuten mehr Einsätze für Sie. Wie können Sie das strukturell auffangen?

Nach wie vor ist das Ehrenamt das Rückgrat unserer Gefahrenabwehr. Das sieht man auch jetzt. Die Berufsfeuerwehr ist eigentlich für die tägliche Gefahrenabwehr hier in der Stadt zuständig und sobald wir an unsere Leistungsgrenze kommen, brauchen wir die Freiwillige Feuerwehr. Wir haben bei der Berufsfeuerwehr zwei Löschzüge. Das heißt, nach spätestens zwei größeren Paralleleinsätzen kommen wir hier schon an unsere Grenze. Für den Alltag ist das ausreichend. Im Zweifel kommt die Freiwillige Feuerwehr sowieso als Verstärkung hinzu. Aber die überörtlichen Hilfen können wir nur mit dem Ehrenamt stemmen. Denn wenn wir bei solchen Einsätzen große Teile der Berufsfeuerwehr mitfahren lassen würden, dann würden die uns am nächsten Tag oder im darauffolgenden Tag gar nicht zur Verfügung stehen, um die Gefahrenabwehr hier zu schultern.

Das Ehrenamt muss also gestärkt werden?

Ja, das Ehrenamt ist eine riesige Stütze, das wir ausbauen müssen. Von der Nachwuchsförderung und der Kinderfeuerwehr über die Jugendfeuerwehr bis hin zu den Einsatzabteilungen.

Wie sieht es in Leverkusen aus in Sachen Feuerwehr Ehrenamt, gibt es genug Ehrenamtler?

Genug gibt es nie. (lacht) Aber wir haben eine Kinderfeuerwehr in Rheindorf angesiedelt und ich würde gern eine zweite Gruppe gründen. Und wir haben eine lange Warteliste. Dazu gehört aber auch, dass die Standards für die benötigten Ausbildungen und Fortbildungen für die Betreuer relativ hoch angesiedelt sind – zurecht natürlich, es geht um die Betreuung von Sechs- bis Zehnjährigen. Auch bei der Jugendfeuerwehr haben wir motivierte Ausbilderinnen und Ausbilder und machen eine tolle Arbeit, haben auch stellenweise Wartelisten. In der Einsatzabteilung haben wir ungefähr 380 aktive Feuerwehrangehörige. Das ist schon gut, aber sicherlich auch noch ausbaufähig. Im Einsatzdienst der hauptamtlichen Feuerwehr haben wir gerade aktuell rund 220 Stellen davon sind ungefähr 20 nicht besetzt.

Oft sind es Menschen, die Waldbrände auslösen. Durch arglos weggeschnippte Zigarettenkippen zum Beispiel. Oder durch offenes Feuer. Ist die Gefahr in den Köpfen der Menschen noch immer nicht angekommen?

Ich glaube, bei dem Großteil der Menschen ist es angekommen. Wie immer sind es kleinere Gruppen, die sich nicht daranhalten. Denen das nicht ins Bewusstsein vorgerückt ist, dass man bei solchem Wetter im Wald nicht raucht, keine Lagerfeuer in Waldnähe oder auf Grasflächen und an Feldern macht. Bei dem Großteil der Menschen ist es angekommen, aber eben nicht bei allen.