Nach Jahren der Planung ist das Neubaugebiet Wiedenest-Süd startklar. Über den Beschluss des Stadtrates sind aber nicht alle glücklich.
Grünes Licht vom StadtratIn Bergneustadt-Wiedenest können Familien schon bald bauen

Insgesamt rund 70 Wohneinheiten sollen nahe der Bahnhofstraße in Bergneustadt-Wiedenest entstehen, vor allem Einfamilienhäuser.
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Für die einen ist es der richtig große Wurf und beinahe historisch. Andere sehen ein Projekt am völlig falschen Ort. Seit dieser Woche steht fest: Bergneustadt bekommt ein neues Wohngebiet. Am Mittwochabend hat der Stadtrat mit großer Mehrheit den Bebauungsplan „Wiedenest-Süd“ verabschiedet – und damit für vermutlich viele Jahre die vorerst letzte neue Siedlung auf Bergneustädter Boden auf den Weg gebracht, so will es nämlich der Regionalplan.
Knapp zehn Hektar ist das Plangebiet südlich und östlich der Bahnhofstraße groß, davon entfällt etwa die Hälfte auf Wohnbebauung. Im Süden, nahe der Sülemicker Straße, geht die dann in ein gut einen Hektar in Anspruch nehmendes Mischgebiet über, in dem „nicht störendes Gewerbe“ erlaubt sein wird. Die restliche Fläche ist für Straßen, Wege und Grünanlagen verplant. Leben wird der Neu-Wiedenester vorrangig in freistehenden und Reiheneinfamilienhäusern, es sind aber auch einige Mehrfamilienhäuser und barrierefreies Wohnen vorgesehen.
Pläne gibt es im Bergneustädter Rathaus schon seit Jahrzehnten
Bürgermeister Matthias Thul und die allermeisten Stadtverordneten versprechen sich viel von der künftigen Siedlung: junge Menschen, die neu in die Stadt kommen oder zumindest hier bleiben, die Kauf- und Arbeitskraft mitbringen und am besten auch Kinder, die die Kindergärten besuchen und die Schülerzahlen stabilisieren. Frischer Wind für die Stadt, sozusagen. Denn die Bergneustädter, das ist Fakt, werden immer älter und weniger. „Wenn Sie diese Karte nicht ziehen, dann wird das nichts mit dem Zuzug von Neubürgern. Dann wird der demografische Wandel voll auf die Stadt durchschlagen“, machte Stadtplaner Dominik Geyer den Fraktionen am Mittwoch vor der Abstimmung klar.
Die Idee, Wiedenest zu vergrößern, ist nicht neu. Beim Blick ins Archiv hatte Thul festgestellt, dass die Siedlung ab 1993 immer mal wieder angepackt worden war, allerdings nie erfolgreich. Auch an der aktuellen Planung arbeiten Politik und Verwaltung schon seit fünf Jahren. Mit Blick auf die inzwischen gewaltige Bauakte sagte Thul im Rat: „Wer sich die zahlreichen Pläne und Gutachten ansieht, den wundert es nicht, dass Bauen so lange dauert.“
Wer sich die zahlreichen Pläne und Gutachten ansieht, den wundert es nicht, dass Bauen so lange dauert.
Gutachten sind das Stichwort – „Wiedenest-Süd“ hat nämlich nicht nur Freunde. Im Rahmen der Offenlage des Bebauungsplanes (und der des Flächennutzungsplanes, der parallel ebenfalls geändert werden musste, weil dort manches Grundstück noch als Bahnanlage eingeordnet war) äußerte vor allem die Wiedenester Nachbarschaft allerlei Bedenken. Die Anwohner prangerten den Verlust von Naturraum an, fürchteten Schmutz, erst Bau- und später Verkehrslärm, sammelten Unterschriften, sorgten sich um zu wenig Parkraum und viel zu wenig Löschwasser für den Fall der Fälle.
Mancher argumentierte gar mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, ein anderer sah in den neuen Nachbarn eine Gefahr für das Weltklima und ein Dritter versuchte das Zottige Weidenröschen und den Schmalblättrigen Dolden-Milchstern auf der Wiese zu identifizieren, um damit die Stadt zum Umdenken zu bewegen. Auch das Argument, es gebe schließlich noch genügend Baulücken im Stadtgebiet, wurde häufig vorgebracht.
Planer brauchten viele Gutachten
Viele Gutachten wurden nötig, um diesen Argumenten auf den Zahn zu fühlen. Stadtplaner Geyer brauchte am Mittwochabend fast 50 Minuten für den Vortrag der Einwände und nutzte dabei schon Verkürzungen, die sich ihm boten.
Ihr schärfstes Schwert sehen die Kritiker indes im Wasser. Aufgrund ihrer Zusammensetzung kann in den Böden am Fuße des Laubbergs Regenwasser nämlich nicht besonders gut versickern – auch dazu gibt es Gutachten. Es soll deshalb eine zentrale Entwässerung in den Sülemicker Bach geben, mit vorheriger Drosselung. Diesen Punkt sehen auch die Bergneustädter Grünen skeptisch, die sich im Stadtrat der Stimme enthielten.
Wenn das so komme und in Wiedenest in großem Ausmaß Fläche versiegelt werde, könnten die Dörspe-Anlieger bis hinunter in die Innenstadt und nach Derschlag schonmal ihre Gummistiefel bereithalten, warnte Roland Wernicke. Die Mehrheit überzeugte er damit nicht. „Wir haben Baurecht geschaffen“, sagte Matthias Thul nach der Abstimmung erleichtert. Noch dieses Jahr soll die Erschließung von der Bahnhofstraße aus beginnen.

