Der 71-Jährige unterhielt sein Publikum im Krawinkelsaal bestens. Und das niemals mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern eher eindringlich.
Kabarett in BergneustadtReime von Wilfried Schmickler, dem kompromisslosen Humanisten

Er poltert, er reimt und er singt auch noch: Tausendsassa Wilfried Schmickler begeisterte im rappelvollen Krawinkelsaal in Bergneustadt sein Publikum.
Copyright: Michael Kupper
Rappelvoll war Bergneustadts Krawinkelsaal am Freitag bei dem von Art & Music organisierten Kabarettabend „Herr Schmickler bitte“. Zu Beginn schmeichelte der Kölner Wilfried Schmickler seinem Publikum. So sei er wegen seiner Bronchitis beim Arzt gewesen und der habe ihm geraten, dass er einfach mal die Klappe halten soll. Darauf Schmickler: „Ich kann Hamburg, München oder Berlin absagen, doch aber nicht Bergneustadt.“
Gut gelaunt widmete sich der 71-Jährige zunächst der Smartphone-Kultur, die von Ängsten wie „Fobo“ (Fear of being offline), also keinen Empfang zu haben, geprägt sei. Neulich habe während einer Beerdigung ein Handy geklingelt: „Ist aber keiner drangegangen, das Bimmeln kam aus dem Sarg.“ Noch schlimmer sei „Fomo“ (Fear of missing out), die Angst etwas zu verpassen. Die Bilderflut in den sozialen Medien vermittle das Gefühl, immer an der falschen Stelle zu sein, während sich die anderen prächtig amüsieren: „Das ist wie bei meiner Tante Hilde im Restaurant – wenn das Jägerschnitzel vor ihr steht, ist sie überzeugt, das Essen ihrer Tischnachbarin wäre die bessere Wahl gewesen.“
Wilfried Schmickler erklärt in Bergneustadt auch, warum die Japaner Sushi essen
Brillant leitete der Verbalakrobat zum Thema Arbeit über: „Der Auftritt im Krawinkelsaal ist wie eine Therapie für mich: Hier habe ich die Möglichkeit, mir alles von der Seele zu reden.“ Bedenklich sei etwa die Ansicht von Friedrich Merz, der „Schnullerschnute aus dem Sauerland“, dass keiner mehr arbeiten wolle. Während hierzulande Brückentage organisiert würden und über Work-Life-Balance diskutiert werde, gebe es in Amerika nur elf Tage Urlaub und die Japaner arbeiteten ohne Unterlass. Deshalb gebe es da so häufig Sushi: „Die haben eben keine Zeit, den Fisch vor dem Essen noch zu kochen.“
Alles zum Thema Angela Merkel
- Kabarett in Bergneustadt Reime von Wilfried Schmickler, dem kompromisslosen Humanisten
- Kalenderblatt Was geschah am 16. Januar?
- Politisch engagiert Elias Neumann ist mit 16 Jahren Kerpens jüngster Sachkundiger Bürger
- Literaturnobelpreisträger Wenn Reichsbürger auf den Hund kommen
- „Wer wird Millionär?“-Kandidatin erlebt absurde Joker-Pechsträne „Ich wäre jetzt geflogen“
- Antwort-Panne bringt Günther Jauch aus dem Konzept „Das ist ja ungblaublich“
Die mangelnde Arbeitsmoral in Deutschland werde sich aber bald spürbar verbessern, denn „Sauerland ist Powerland – „kein Wunder, dass dieses Land so einen Mann hervorgebracht hat“. Bedrückt fragte er, ob jemand die Neujahrsansprache des Kanzlers gehört habe. Diese „Jammergestalt“ erinnere ihn an Seele-Fant bei „Urmel aus dem Eis“ von der Augsburger Puppenkiste und sein Lied „Ich weiß nicht was soll es bedeuten ...“ Doch auch die SPD bekam ihr Fett weg: „Jede Flasche Eierlikör hat mehr Umdrehungen als die einst so stolze Partei.“
Der Kölner Kabarettist kündigt in Bergneustadt die Gründung der Verbotspartei an
Nachdem er sich auch über die Grünen und die FDP ausgelassen hatte, kündigte Schmickler an, für die Bundestagswahl im kommenden Herbst – dieser Scherz brachte ihm einen Zwischenapplaus ein – eine eigene Partei zu gründen. Detailliert führte er das Programm seiner „Verbotspartei“ mit vielfach tolerierten Missständen von Abschiebungen über Kindesmisshandlung bis zur Steuerpolitik von Großkonzernen aus: „Das Problem ist, eine solche Partei gehört für die meisten Wähler verboten.“
Mit dem Lied „Mein netter Nachbar, ein freundlicher Faschist“ prangerte der kompromisslose Humanist rechtsextreme Organisationen an, deren parlamentarischer Arm die AfD sei. Nach dem Krieg habe es eigentlich keine Nazis mehr gegeben. Denn schon 1945 hätten die gesagt: „Wir wussten nichts davon.“ Nur einen gebe es noch, der so bezeichnet werden dürfe und für den hatte er einen Reim: „Es stinkt der See, die Luft ist rein, Björn Höcke muss ertrunken sein“.
Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, brach Wilfried Schmickler eine Lanze für die Demokratie: „Die funktioniert aber nur, wenn sie von allen akzeptiert und verteidigt wird.“ Trotz schwieriger Themen schaffte er den Parforceritt, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern amüsant nachdenklich machend, er kritisierte und appellierte: „Seien Sie zivil, aber ungehorsam und bleiben Sie bei der Wahrheit.“
Abschließend betonte der Altmeister des Kabaretts: „Sie mögen mich für einen Träumer halten, aber ich glaube an eine Zukunft in einer friedlichen Welt – wir schaffen das.“ Zur Integration erklärte er, dass den Menschen, die hierherkommen, erklärt werden müsse, wer wir sind: „Aber dafür müssen wir das erst einmal selbst wissen.“ Nach der Vorstellung äußerte sich eine Bergneustädterin begeistert: „Das war ein Super-Abend – der Schmickler ist wirklich einer der ganz Großen.“

