Welche Rolle haben Frauen in der Bibel? Barbara Schmitz, Professorin für Theologie mit Wurzeln in Engelskirchen, beschäftigt sich mit einer modernen Lesart.
NeujahrsempfangEngelskirchener Theologin spricht über eine biblische Bluttat

Als außergewöhnliche Frau – im guten wie im schlechten Sinn – beschreibt Barbara Schmitz die biblische Heldin Judit.
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Barbara Schmitz (50) ist Universitätsprofessorin für Altes Testament und biblisch-orientalische Sprachen an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Die Theologin stammt aus Loope. Reiner Thies sprach mit ihr über „Machtvolle Frauen und kopflose Männer“, das Thema ihres Vortrags am kommenden Samstag.
Frau Schmitz, wäre es Ihnen lieber, Ihre Eltern hätten Sie nicht nach der christlichen Märtyrerin Barbara benannt? Sondern nach der biblischen Heldin Judit? Letztere hat dem feindlichen Heerführer Holofernes den Kopf abgeschlagen, erstere wurde selbst geköpft.
Barbara Schmitz: Nein, der Name Barbara ist wunderbar. Ich bin froh, dass ich ihn habe. In meinem Freundeskreis gibt es schon genug Judiths. Die biblische Erzählung von Judit, die so mutig und frech ist, war aber für mich eine echte Entdeckung.
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Sie kehren für Ihren Vortrag in ihre Engelskirchener Heimat zurück. Wie häufig sind Sie noch hier, was verbinden Sie mit ihrer Jugend in Loope?
Ich freue mich sehr über die Einladung zum Neujahrsempfang und finde es schön, dass er ökumenisch ist und dort offenbar ein gutes Miteinander der Kirchengemeinden gewachsen ist. Ich bin relativ oft in Engelskirchen. Meine Mutter und meine Geschwister leben in der Gegend und ich pflege noch alte Freundschaften. Ich war über Weihnachten wieder dort und bin auf dem Ründerother Höhlenweg gewandert. Da habe ich wieder gesehen, wie schön die Landschaft ist und wie interessant mit ihrer Kultur- und Industriegeschichte.
Wie kamen Sie damals zur Theologie?
Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Germanistik und Geschichte studieren. Dann kam eine Reise nach Israel dazwischen, die mich sehr beeindruckt und viele Fragen eröffnet hat. Mein Interesse für Literatur und Geschichte habe ich daraufhin neu geordnet und bin am letztmöglichen Tag spontan in Passau zur katholischen Theologie gewechselt. Ich dachte, dass sich eine einmalige Chance bietet, meinen Themen noch eine persönliche und existenzielle Dimension zu geben. Ich habe meine Eltern informiert, und sie waren einverstanden. Bei uns zu Hause herrschte ein rheinischer Katholizismus, kirchennah, aber ohne zu vergessen, dass man kritisch denken kann und muss. Die Kirche als Raum für Fragen und nicht nur für Antworten.
Das biblische Buch Judit ist seit vielen Jahren eines Ihrer Spezialthemen. Die Erzählung gilt als Sex-und-Gewalt-Geschichte und hat in der Kunst einen entsprechenden Widerhall gefunden. Sie aber beschreiben Judit nicht als Femme fatale, sondern als kluge Theologin und strategisch handelnde Frau. Was macht diese Figur so außergewöhnlich?
Manche Texte eignen sich besonders als Projektionsfläche. Sie haben einen Spiegeleffekt und regen an weiterzudenken. In diesem Fall sorgte der männlich-patriarchalische Blick in der Kunst, Musik und Literatur dafür, dass Judit mal als besonders fromm und mal als erotisch dargestellt wird. Mein Ansatz war es, auf den griechischen Ursprungstext zurückzugehen und die Reden und Gebete anzusehen, die sonst ignoriert wurden, obwohl sie ein Drittel der Erzählung ausmachen. Und diese Texte sind voller Anspielungen auf die Bibel, aber auch auf die griechische Tradition. Der Autor war offenbar sehr gebildet und weltoffen.
Sie betonen, dass das Buch Judit keine biblische Geschichtsschreibung ist, sondern eine fiktionale Erzählung. Warum ist das wichtig?
Das Buch bindet ganz unterschiedliche Zeiten zusammen. Als würde sich Friedrich Merz mit Ludwig XIV. unterhalten. Der antike Leser hat gemerkt, dass es darum geht, mehrere historische Katastrophen in einer Geschichte zusammenzuführen.
Sie sind auch Frauenbeauftragte der Uni Würzburg. Judit widerspricht den Stadtältesten offen und entschieden. Was lehrt uns die Geschichte über männliche Autorität und weibliche Selbstermächtigung? Was über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche?
Ich tue mich immer schwer damit, von biblischen Texten auf die Gegenwart zu schließen. Allerdings sind sie eine Inspiration, Schätze, die wir heben können. Judit war eine gebildete Frau, eine Schriftgelehrte, die argumentiert und Entscheidungen durchzieht, wie es in der Bibel sonst nur Männer tun. Das sollte die Kirche inspirieren, Frauen eine andere Rolle zu geben als bisher. Aber die Judit-Geschichte zeigt auch, dass es auf wirtschaftliche Kapazität ankommt. Sie wird als reiche Frau dargestellt, die damals wie heute andere Möglichkeiten hat. Zugleich muss man sehen, dass sie eine außergewöhnliche Frau ist, die gerade deshalb akzeptiert wird. Darin liegt die Sollbruchstelle: Das Buch ist systemkonform, weil das Verhalten der Frau nicht als Regelfall geschildert wird.
2019 wurde Ihnen der „Preis für gute Lehre“ des Bayrischen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst verliehen. Wie wichtig ist es Ihnen, dass die Wissenschaft populär und allgemeinverständlich ist?
Es ist ungemein wichtig, dass Wissenschaft in die breite Öffentlichkeit kommuniziert wird. Darum nehme ich Einladungen wie die zum Engelskirchener Neujahrsempfang gern an. Es ist meine Aufgabe, in und außerhalb der Universität deutlich zu machen, dass wir in der Theologie Fragen berühren, die über den wissenschaftlichen Stoff hinausgehen.
Engelskirchener Neujahrsempfang
Prof. Barbara Schmitz ist Gastrednerin beim Neujahrsempfang der Ökumene Engelskirchen/Ründeroth am Samstag, 24. Januar, 15 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus Engelskirchen, Märkische Straße 26. Die Theologin spricht unter dem Titel „Machtvolle Frauen und kopflose Männer“ über das alttestamentliche Buch Judith und dessen Bezug zur aktuellen Situation der Frau in Gesellschaft und Kirche. Die Gruppe Freylechs spielt unter der Leitung von Rolf Faymonville Klezmer-Musik.

