TH Köln entwickelt interdisziplinär Maßnahmen, um mehr Schülerinnen für die Informatik zu interessieren.
ForschungsprojektMehr Frauen sollen in Gummersbach Informatik studieren

Junge Frauen, die programmieren: Heute sind sie eine Minderheit, bis in die 1960er Jahre war Programmieren eine eher weibliche Tätigkeit.
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Das ikonische Schwarzweißfoto aus dem Jahr 1969 zeigt eine gut gelaunte junge Frau mit langen dunklen Haaren, klugem Blick und großer Brille, deren Rocksaum zeitgemäß deutlich oberhalb der Knien endet. Sie könnte eine Schwester von Janis Joplin sein. Oder selbst ein Rockstar. Allerdings: Neben ihr stapeln sich Papierbände, der Turm ist so groß wie sie selbst.
Code für die Apollo-Mission geschrieben
Die junge Frau heißt Margaret Hamilton, ist verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter – und sie leitet im Instrumentation Laboratory des Massachusetts Institute of Technology (MIT), das die Luftfahrttechnologie für die Nasa liefert, ein eigenes Team. Dieses Team entwickelt die Software für Leit- und Steuerungssysteme für die bemannte Raumfahrt. Sie selbst schreibt Software zur Erkennung von Systemfehlern und zur Wiederherstellung von Informationen bei einem Computerabsturz der Apollo -11-Mission. Und der Papierturm ist ein Teil des ausgedruckten Codes der Apollo-Flugsoftware.
In Westdeutschland startete 1970 das erste Informatikstudium, vorher lernten die Programmiererinnen und Programmierer durch Umschulung und "on the Job".
Gute Gründe für die InformatikMargaret Hamilton war in ihrer Rolle als federführende Programmiererin in der Raumfahrtbranche, zumal als Mutter eines Kleinkindes, 1969 sicherlich eine Ausnahme. Grundsätzlich war das Programmieren bis in die 60er Jahre aber eine überwiegend weibliche Tätigkeit: „In Westdeutschland startete 1970 das erste Informatikstudium, vorher lernten die Programmiererinnen und Programmierer durch Umschulung und,on the Job'“, heißt es in einer Pressemitteilung des Campus Gummersbach der TH Köln.
„In den 1980er Jahren entwickelten sich einheitliche Standards, eroberte der ,Nerd' Popkultur und Medien – und Frauen zogen sich aus der Programmierung zurück.“ Dieser Entwicklung will die TH Köln jetzt entgegenwirken, unter dem Motto „equal.IT@THKöln“ wollen Forscherinnen und Forscher der Informatik und Sozialwissenschaften an der TH Köln Maßnahmen entwickeln, „damit sich zukünftig mehr Schülerinnen für das Berufsfeld der Informatik interessieren“, heißt es. Für die Studie kooperiert die TH mit zehn Schulen (aus dem Oberbergischen und aus Köln), mit dem Innovation Hub Bergisches Rheinland und weiteren regionalen Partnern.
Gute Gründe sprechen geschlechterunabhängig für die Informatik. Die Berufsgruppe sei mit ihrem Job sehr zufrieden, „flexible Arbeitszeitmodelle, gute Arbeitsatmosphäre, hohe Nachfrage und Gehäl-ter sind die Hauptgründe“, schreibt die TH. Dennoch seien von den rund 140.000 Informatik-Studis in Deutschland nur etwa 20 Prozent weiblich: „ Auch heute noch wird die Informatik viel zu oft als männliche Domäne gesehen. “
Wir benötigen eine Vielfalt in der Informatik, auch um digitale Souveränität sicherzustellen.
Der Leiter des Forschungsprojektes ist Prof. Christian Kohls. Der Dekan der Fakultät Informatik und Ingenieurwissenschaften sagt: „Als Softwareentwicklung besser bezahlt wurde, haben sich gewollt und unbewusst Strukturen entwickelt, die das Berufsumfeld für Männer attraktiver erschienen ließ. Dies muss sich nun schnell wieder ändern, denn wir benötigen eine Vielfalt in der Informatik, auch um digitale Souveränität sicherzustellen.“ Das Stereotyp, dass Frauen sich kaum für Computer interessieren, halte sich hartnäckig in TV-Formaten und auch in Jobanzeigen. In asiatischen Ländern hingegen sei die Geschlechterverteilung in der Informatik deutlich paritätischer.
Ehrgeiziges Ziel
Jetzt sollen im Forschungsprojekt equal.IT@THKöln Methodenempfehlungen und Materialien entwickelt werden, die die TH dann Schulen und anderen Hochschulen zur Verfügung stellt. Auch für die eigene Fakultät verfolgt die Technische Hochschule ein ehrgeiziges Ziel: Langfristig sollen Studentinnen 50 Prozent in der Informatik ausmachen.
Im Studienjahr 2023/24 waren es erst rund 21 Prozent. „Streicht man den Punkt der interessensbedingten Vorkenntnisse, die junge Männer zum Start in ein Informatikstudium mitbringen, sind unsere Studentinnen genauso gut, in der Tendenz sogar leistungsstärker“, so Kohls. „Tatsächlich brauchen wir mehr Frauen in der Informatik, damit Produkte diverser gestaltet werden."
In diese Richtung geht auch die geplant neue Professur für „Geschlechtersensible Informatik und Ingenieurwissenschaften“, die am Campus Gummersbach der TH Köln entstehen soll.
Die Studie
Die empirische Studie wird zu mehreren Zeitpunkten durchgeführt. Angelegt sind zwei unabhängige Kohorten: In der ersten werden 250 Schülerinnen der Klassen 12 und 13 über drei Jahre befragt: In quantitativen Fragebögen, qualitativen Interviews, je zu Beginn des Schuljahres und direkt nach dem Abitur.
Parallel dazu sollen rund 50 Studentinnen der Informatik am Campus Gummersbach zu Beginn des ersten, zweiten und dritten Studienjahres befragt werden. Neben zentralen psychologischen Faktoren werden soziale und strukturelle Bereiche untersucht. Dabei werden etwa Faktoren wie Interessenentwicklung, Studien- und Berufsorientierung, Zugehörigkeitserleben sowie geschlechterbezogene Stereotype und mögliche Barrieren untersucht. Gefördert wird die Studie durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt.
