Als das tonnenschwere Betonteil landet, hört man kein Geräusch. „Wir haben Kontakt“, ruft einer der Bauarbeiter, die die zentimetergenaue Montage mit Wasserwaagen kontrollieren und sich per Sprechfunk abstimmen. Um 11 Uhr ist der dritte von fünf Brückenträgern platziert. Der vierte wird schon vorgefahren. Morgens um acht wurde der erste Träger vom Sattelschlepper gehoben, gegen Mittag wird alles erledigt sein.
Die zügige Präzision, mit der die unhandlichen Bauteile der neuen Aggerbrücke durch die Luft an die richtige Stelle gebracht werden, ist erstaunlich angesichts der Wucht des Baumaterials. Am Dörrenberger Weg in Engelskirchen-Ründeroth haben sich zwei Dutzend Schaulustige eingefunden. Jung und Alt machen eifrig Fotos von dem außergewöhnlichen Bauvorhaben vor ihrer Haustür. Für einige Minuten schwebt jeweils ein 45 Tonnen schweres Stück der künftigen Verbindung über der Agger – langsam, kontrolliert und scheinbar mühelos. Für viele ist es ein seltenes Schauspiel an der Agger.
Kran ist weiterhin im Tal zu sehen
Der mehr als 40 Meter hohe Kran ist weithin im Aggertal zu sehen. Das riesige Gerät der bayerischen Firma BKL ist in der Lage, die jeweils 45 Tonnen schweren und rund 35 Meter langen Betonträger vom Lastzug auf die Widerlager der Brücke zu hieven. Gegengewichte von zusammen 175 Tonnen sorgen dafür, dass die riesige Baumaschine nicht umkippt. Dem großen Kran wurde noch eigens ein kleinerer zur Seite gestellt, der bei dessen Montage zum Einsatz kam und nun den Arbeitern hilft, die schweren Haken zu transportieren, mit denen die Betonträger an den Stahlseilen befestigt werden.
Mehrere Fachfirmen aus ganz Deutschland sind an dem Engelskirchener Großprojekt beteiligt und mit Fachleuten vor Ort vertreten. So hat ein Spannbetonwerk in Oberhessen die Träger gefertigt, ein Dresdener Unternehmen ist für die Montage zuständig. Was an diesem Vormittag wie eine eingespielte Choreografie wirkt, ist damit zugleich ein logistisches Puzzle: Schwertransporte, Kraneinsatz und Montage müssen so aufeinander abgestimmt sein, dass die fünf Träger nacheinander ohne größere Verzögerungen an ihren Platz kommen.
Bauleiter: Projekt läuft nach Zeitplan
Die Bauleitung liegt bei Lukas Pakulniewicz von der Bauunternehmung Meyer aus Altenkirchen. Für den Ingenieur ist das Spektakel Tagesgeschäft. „Wir betreuen derzeit mehrere Brückenbauten im Rheinland.“ Das Projekt an der Agger laufe nun nach Zeitplan, Pakulniewicz hofft, dass der Winter mild wird und auch die folgenden Arbeiten bis zum Aufbringen des Gussasphalts zügig vonstatten gehen. Mit dem Einheben der Träger ist die Brücke schließlich noch längst nicht fertig. Auf dem nun entstehenden Überbau folgen weitere Arbeitsschritte, bevor Fahrbahn und Nebenanlagen hergestellt werden können.
Andreas Kiel geht davon aus, dass die neue Brücke Ende 2027 befahren werden kann. Der zuständige Fachbereichsleiter im Engelskirchener Rathaus berichtet, dass die Gemeinde mehr als vier Millionen Euro investiert. Kiel rechnet damit, dass 75 Prozent der Kosten vom Land NRW übernommen werden. Der Fachbereichsleiter erläutert, dass mehrere Gründe dafür sprachen, das alte Bauwerk zu ersetzen: Die bestehende Brücke kann nur von Lkw mit höchstens 16 Tonnen Gewicht befahren werden, für Begegnungsverkehr ist sie zu schmal, ein Radgehweg fehlt. Bald sollen hier aber auch die Baufahrzeuge und später die Bewohner des neuen Wohngebiets bei Buschhausen über die Agger fahren können.

Die Montage war Feinarbeit.
Copyright: Reiner Thies
Der wichtigste Grund für den Neubau aber ist ein anderer: Die Aggerbrücke entspricht nicht den gesetzlichen Anforderungen an den Hochwasserschutz, führt Andreas Kiel aus. Bei der Jahrhundertflut von 2001 sammelte sich Treibgut unter der Brücke, sodass ein Rückstau entstand und sie aus dem Widerlager hob. Das neue Bauwerk hat darum keinen Mittelpfeiler, ist zwei Meter höher und damit auch für ein Hochwasser ausgelegt, das theoretisch nur alle 100 Jahre auftritt. Auch die Straße muss beiderseits auf dieses Niveau angehoben werden, was erhebliche Erdbewegungen erforderlich machen wird.
Gerade der Verzicht auf einen Pfeiler mitten im Fluss erklärt die Dimensionen der Träger, die an diesem Tag eingehoben werden. Die Konstruktion muss die Agger über die gesamte Breite überspannen. Zugleich soll unter dem Bauwerk mehr Raum bleiben, wenn der Fluss stark anschwillt und Äste oder anderes Treibgut mit sich führt. Die Erfahrungen von 2001 sind damit unmittelbar in die Planung der neuen Querung eingeflossen.
Enge Baustelle zwischen Fluss, Bahn und Gewerbe
Erste Pläne gibt es seit 2019, eigentlich wollte die Gemeinde die Brücke längst eröffnet haben. Dass sich die Vorarbeiten so lange hinzogen, liege an diversen Zwangspunkten in der näheren Umgebung, die berücksichtigt werden mussten, erläutert Fachbereichsleiter Kiel: Vor allem das angrenzende Gelände des Edelstahlwerks und die Bahnlinie schränken den Spielraum für die Baustelle ein. Zwischen Fluss, Bahn und Gewerbe lässt sich ein Brückenbau eben nicht beliebig verschieben oder ausdehnen. Auch die Zufahrt für Schwertransporte und Großgerät muss funktionieren.
Berücksichtigen mussten die Ingenieure bei der Bauplanung für die neue Aggerbrücke zudem die Rettungszeiten für die Ortslagen Dörrenberg, Stiefelhagen und Buschhausen während der Arbeiten. Nach einer Prüfung durch die Kreisleitstelle und die örtliche Feuerwehr stellte man fest, dass alle anderen Wege zu den „Döstiebu“-Ortschaften bis zu sechs Minuten mehr Fahrzeit bedeuten und die vorgeschriebenen Werte überschreiten. Eine längerfristige Sperrung der bisherigen Querung kam daher nicht infrage.
Darum bleibt die bestehende Brücke zunächst erhalten, während unmittelbar daneben ihr Nachfolger wächst. Das macht die Baustelle komplizierter, sichert den Bewohnern auf der anderen Aggerseite aber weiterhin die kurze Verbindung. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat die Feuerwehr sogar für die eintägige Vollsperrung am Dienstag vorgesorgt und auf dem Ostufer ein Fahrzeug platziert. Heute soll die alte Brücke wieder freigegeben werden.
Am Dienstagmittag ist davon zunächst wenig zu spüren. Die Aufmerksamkeit gehört dem großen Kran und seiner Last. Wieder setzt sich ein Betonträger langsam in Bewegung. Die Zuschauer zücken ihre Handys, die Monteure schauen auf Wasserwaagen und Auflager. Was später wie selbstverständlich über die Agger führen soll, hängt für einige Minuten frei in der Luft. Dann senkt sich auch der nächste 45-Tonnen-Träger Zentimeter für Zentimeter an seinen Platz. (rtz)

