Was rennt da über die Wiesen, was blüht am Wegesrand, was schwirrt über den See in Oberberg? Heute stellen wir den Gartenrotschwanz vor.
Lebendiges OberbergZurück aus Afrika auf der Obstwiese

Der männliche Gartenrotschwanz hat im Unterschied zum Hausrotschwanz eine orangefarbene Brust.
Copyright: Schweineberg/Biologische Station Oberberg
Jenen Teil unseres Planeten, den seine menschlichen Einwohner als das Staatsgebiet von Deutschland bezeichnen, besiedeln auch Individuen zweier Singvogelarten, die zur Gattung der Rotschwänze zählen. Die im Bergischen Land häufigere Art ist der Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros).
Felsen oder Steinblöcke dienen ihm als Brutplätze
Er stammt aus einem Lebensraum mit einem offenen, gering strukturierten Charakter, ohne höhere, dichte Vegetation. Einzelne Felsen oder Steinblöcke dienen ihm als Brutplätze oder Sitz- und Singwarten. Solche räumlichen Situationen findet er vor allem im Gebirge. Als dann die Menschen begannen, im mittel- und südeuropäischen Verbreitungsgebiet des Hausrotschwanzes von Steinen dominierte, vegetationsarme Sekundärlebensräume, sprich: Häuser, Straßen und Plätze zu errichten, wuchs für diese Art das Angebot adäquater Lebensräume. Seitdem knirscht und zwitschert der Hausrotschwanz schon früh am Morgen von April bis Juli seinen Reviergesang in fast allen Dörfern und Städten unserer Heimat.
Sein hierzulande nächster biologischer Verwandter ist der Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus). Bei der Wahl seines Habitats ist dieser etwas anspruchsvoller, profitiert jedoch ebenfalls von der Bereitschaft des Menschen, seine Umwelt nach eigenen Interessen zu gestalten. Er ist an alte Bäume in lockeren Beständen mit Strauch- und Krautschicht gebunden. Diese konnte der Gartenrotschwanz ursprünglich vor allem in trockenen Laubwäldern finden. Als Zugvogel verbringt er den Winter in der Trocken- und Feuchtsavanne Afrikas, also dem Lebensraum, in dem sich vor 200.000 Jahren Homo sapiens entwickelte. Und auch heute noch haben wir offenbar die gleichen Vorlieben an die Gestalt unserer Umwelt.
Fortpflanzungs- und Ruhestätten par excellence
Im Bergischen schuf die Landbevölkerung dem Gartenrotschwanz Fortpflanzungs- und Ruhestätten par excellence mit den Streuobstwiesen und -weiden: Es sind vor allem die hochstämmigen Apfelbäume sowie mächtige Birn- und Kirschbäume, die im Alter über ausgefaulte Astlöcher verfügen, in denen der Gartenrotschwanz seine Kinderstube errichtet.
Er baut sein Nest nämlich nie in einer Astgabel oder auf den Boden. Immer sucht er nach einem Hohlraum und ist bei der Auswahl seines Brutplatzes gern zu Experimenten bereit: Stehen keine natürlichen Baumhöhlen in einem ansonsten vielversprechenden Landschaftsteil zur Verfügung, bezieht er gerne bereitgestellte Nistkästen aber auch Briefkästen, Konservendosen, umgedrehte Blumentöpfe etc. als Brutstätte. Singen kann er natürlich auch. Er ist der Frühaufsteher unter den Singvögeln und steuert lange vor Sonnenaufgang die Ouvertüre des morgendlichen Vogelkonzerts bei.
Der Bestand nimmt ab
Und jetzt die schlechte Nachricht: Konstatierten die Vogelkundler Thiede und Joest im Jahr 1965 noch: „Der Gartenrotschwanz ist im Oberbergischen Land ein recht verbreiteter Brutvogel. Er ist allerdings weniger häufig als der Hausrotschwanz“, bemerkte Kowalski 1982 „der Bestand schwankt von Jahr zu Jahr und scheint insgesamt abzunehmen“. Herkenrath und Kowalski bedauern in ihrem Werk aus dem Jahr 2002, er sei „im Gegensatz zu seiner Verwandtschaft, dem Hausrotschwanz, nur selten bei uns zu sehen. Dennoch dürfte er noch in allen Gemeinden vorkommen“.
Den letzten Satz müssen wir heute eher mit einem Fragezeichen versehen. In der avifaunistischen Meldeplattform www.ornitho.de gingen im vergangenen Jahr lediglich zehn Meldungen aus dem Norden und Süden des Oberbergischen Kreises ein. 2024 waren es sogar nur zwei Meldungen. In den Jahren davor schwankte die Menge der Beobachtungen immer zwischen zehn und 20 Nachweisen innerhalb des gesamten Kreisgebietes. Zum Vergleich: Für den Hausrotschwanz waren es im vergangenen Jahr 208 Nachweise.
Nahrungsquellen gehen verloren
Die wahrscheinlichste Ursache für den Negativtrend ist die Veränderung der Landnutzung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine Intensivierung der Landwirtschaft mit einhergehendem Verlust von Nahrungsquellen und der Mangel an hochstämmigen Obstbäumen, aber auch Umbau der Wälder nach forstwirtschaftlichen Interessen spielen dabei eine Rolle.
Seit dem Jahr 2025 laufen Erhebungen für die Neuauflage des Atlas Deutscher Brutvogelarten – kurz: „Adebar2“. Wenn im Jahr 2029 die tausenden Vogelfreunde ihre ehrenamtliche Arbeit beendet haben und das Ergebnis der Auswertung vorliegt, wissen wir, ob die Entwicklung der Bestände des Gartenrotschwanzes weiter rückläufig ist, sich wenigsten stabilisiert hat oder ob es sogar wieder aufwärts geht.
Haus- und Gartenrotschwanz können grundsätzlich gut damit leben, dass wir Menschen Natur zu Kulturlandschaften transformieren. Es ist aber zu vermuten, dass die beiden Singvogelarten mit den rostroten Steuerfedern befürworten, dass wir es mit der Umweltveränderung etwas moderater angehen lassen.
