Abo

Exklusiv

„Maximaler Mut“
Viele Gummersbacher tendieren zum Habermas-Gymnasium – aber auch nicht alle

5 min
Am Standort des Lindengymnasiums stand einst das Jungengymnasium. An dieser Schule machte Prof. Jürgen Habermas Abitur.

Am Standort des Lindengymnasiums stand einst das Jungengymnasium. An dieser Schule machte Prof. Jürgen Habermas Abitur. 

Nach dem Tod von Jürgen Habermas ist in seiner Heimatstadt Gummersbach die Diskussion darüber, wo und wie man den Philosophen würdigt, voll im Gang.

 Der von Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit ins Rennen geschickte Platz vor dem Kino Seven wird von vielen Gummersbachern als Festplatz gesehen und daher nicht als geeignet empfunden, diesen nach Jürgen Habermas zu benennen. Daher geht der Blick vieler in Richtung des städtischen Lindengymnasiums, also jener Schule, die aus dem Jungengymnasium hervorgegangen ist, an dem Habermas sein Abitur abgelegt hat. Wir haben daher nicht nur Schulleiter Markus Niklas, sondern auch andere Gummersbacher und in diesem Kontext engagierte Menschen nach ihrer Meinung gefragt, wo und wie sie Habermas ehren würden.

Markus Niklas, Schulleiter des städtischen Lindengymnasiums, berichtete dieser Zeitung bereits vor den Osterferien, dass die Frage, ob man die Schule nach Jürgen Habermas benennen sollte, in der Schule kein Thema sei.

Auch Norman Scholz, Vorsitzender des Fördervereins, sagt, dass ihn diese Fragestellung bislang nicht erreicht habe. Es gebe „keine Berührungspunkte“. Die Gespräche des Vereins gingen vielmehr über „Projekte, die wir unterstützen können“.

Heiner Brand, Handballikone, Weltmeister und Spieler, gilt neben Prof. Habermas als weiterer großer Sohn der Stadt. Nach dem Gewinn der Handball-WM 2007 wurde ihm der Ehrenring der Stadt verliehen und der Platz vor der Schwalbe-Arena nach ihm benannt. Wie würde er Habermas ehren? „Die ehemalige Jungenschule würde sicherlich für den großen Philosophen passen“, sagt der Gummersbacher, wobei er nicht so klingt, als dass er komplett gegen den Platz vor dem Kino wäre: „Am Ende würde beides passen“, äußert Brand sich salomonisch.

Gerhard Pomykaj, über Jahrzehnte Stadthistoriker in Gummersbach, ist „hin- und hergerissen“. „Natürlich“ sei die Schule das Richtige. Doch er fürchtet, dass der Name dort nicht durchzusetzen sei. Er habe den Eindruck, dass man sich in Düsseldorf, wo Habermas lediglich auf die Welt gekommen sei, leichter mit einer Ehrung tue. Dabei sei der Philosoph doch maßgeblich von und in Gummersbach und eben im Jungengymnasium geprägt worden. Seine links-liberale Rolle werde hier bis heute aber immer noch falsch verstanden. Dabei habe ihm CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den NRW-Staatspreis verliehen.

Man hat den Eindruck, dass man in Gummersbach nicht weiß, wen man da vor sich hat
Marcus Dräger, Vorsitzender Bergischer Geschichtsverein in Oberberg

Marcus Dräger, Vorsitzender des Bergischen Geschichtsvereins in Oberberg, findet, dass die Ehrung von Prof. Habermas auch etwas mit Mut zu tun habe. Der Prophet zähle im eigenen Land nicht, sagt der Vorsitzende. Habermas sei ein weltweit anerkannter Philosoph gewesen. „Man hat den Eindruck, dass man in Gummersbach nicht weiß, wen man da vor sich hat“, sagt Dräger. Seine Meinung zu einer Ehrung ist somit eindeutig: „Man sollte ruhig Mut zu maximaler Ehrung haben. Und das ist das Gymnasium.“ Allerdings dürfe man nicht den Fehler machen, über die Schule hinwegzugehen.

Jürgen Woelke, Regionalhistoriker und zuletzt kommissarischer Schulleiter am Gymnasium Moltkestraße, sagt, dass er nichts gegen den Platz der Begegnung für Habermas habe. Ob dieser aber die urbane Qualität habe, die man sich bei einem Jürgen Habermas wünschte, glaubt er nicht. Der Name Jürgen Habermas müsse Anspruch und Programm sein. „Was ist angemessener, als das Gymnasium nach Habermas zu benennen, wenn eine Schule wie keine zweite einen solchen Bezug zu ihm hat?“, sagt der Gummersbacher.

Peter Leidig, über Jahrzehnte Kunstlehrer am Gymnasium Moltkestraße und Künstler, findet den Platz der Begegnung rein optisch nicht so passend, als dass man diesen Habermas widmen sollte. Auch für ihn persönlich gebe es nur eine Möglichkeit, den großen Philosophen zu ehren. Und das sei die Umbenennung der Schule.

Raoul Halding-Hoppenheit, Bürgermeister der Stadt Gummersbach, ist froh, dass es in der Politik erst einmal generelle Einigkeit darüber gibt, Habermas in Gummersbach zu ehren. Er persönlich habe nur wenige Stimmen gehört, die das Lindengymnasium favorisierten. Und was den Platz vor dem Kino angehe, so werde der Erste und Technische Beigeordnete Jürgen Hefner mit seinem Team eine Visualisierung erstellen, die deutlich machen soll, wie der Patz der Begegnung nach einer Umgestaltung als Jürgen-Habermas-Platz aussehen könnte, so der Bürgermeister.


Die Verbindung von Habermas zu Gummersbach

Am 18. Mai 1982 war Professor Jürgen Habermas Festredner bei den Feierlichkeiten anlässlich des 125-jährigen Stadtjubiläums im Gummersbacher Bühnenhaus. Hier eine Passage, die seine Verbindung zu Gummersbach deutlich macht.

„Die Einladung, aus Anlass des Jubiläums unserer Stadtgemeinde zu sprechen, habe ich gerne angenommen. Ich wusste, dass ich zum ersten Mal hier, im Saal des 1974 eröffneten Bühnenhauses, stehen würde. An diesem Ort haben sich die Klassenräume der Diesterwegschule befunden, die ich zwischen 1935 und 1939 besucht habe; hier hat auch das 1906 gegründete Lehrerseminar gestanden, als dessen erster Direktor mein Großvater nach Gummersbach gekommen ist. Dasselbe eigenartige Gefühl befiele mich, wenn wir uns heute in der Aula des neu erbauten Gymnasiums an der Moltkestraße zusammenfinden würden, an dem Ort, wo im selben Jahre 1906 die Oberrealschule eröffnet worden ist, an der mein Vater 1910 und ich 1949 das Abitur abgelegt haben. In die Rührung, die mit alten Erinnerungen aufkommt, mischt sich eine leichte Verwirrung; eine besondere Art von Verwirrung stellt sich ein, wenn man an Orte zurückkehrt, deren heimatlichen Geruch man tiefer eingesogen hat als den irgendeines anderen Ortes – und dann die Erfahrung macht, dass die gesuchten Orte dieselben und doch nicht mehr dieselben sind.“

In einer Sonderausgabe der Schulzeitschrift „Schwarz auf Weiss“ des Gymnasiums Moltkestraße für die Jahre 2013/14 ist ein Beitrag Habermas zu der „bevorstehenden Zäsur in der Geschichte des städtischen Gymnasiums“ zu lesen: (...) „In den Erzählungen unserer Familie – mein Großvater kam als Seminardirektor und Pfarrer 1905 nach Gummersbach – reichten diese Erinnerungen bis zur Gründung der alten Oberrealschule zurück. Inzwischen haben die historischen Forschungen von Jürgen Woelke und anderen eine weiterreichende, bis auf das Jahr 1764 zurückgehende bildungsbürgerliche Vorgeschichte des Gymnasiums freigelegt.“ (...) „Schwarz auf Weiss ist der rote Faden, der die für mich verblasste Nachgeschichte der eigenen Schulzeit gewissermaßen gebündelt hat. Die Zeitung ist in jenen Jahren, als ich die Schule verließ, gegründet worden. Mir imponieren die Ausdauer und das Engagement der vielen Schülergenerationen, die das geleistet haben. Rückblickend bin ich auch ein bisschen neidisch, dass ich nicht mehr dazugehört habe. In meinem Abiturlebenslauf steht nämlich als Berufswunsch ,Journalist – und das bin ich ja, mit gewissen Einschränkungen, auch geworden.“