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Serie

Lebendiges Oberberg
Ein Pilz verwandelt die Zackeneule in einen Zombie

4 min
Die Tautropfen verleihen dem Falter Scoliopteryx libatrix, der Zackeneule, ein schillerndes Winterkleid.

Die Tautropfen verleihen dem Falter Scoliopteryx libatrix, der Zackeneule, ein schillerndes Winterkleid.

Dieses Tier ist kein Vogel, sondern ein Falter und liebt die gefährliche Nachbarschaft von Fledermäusen. Auch im Bergischen Land ist es unterwegs.

Was rennt über die Wiesen, was blüht am Wegesrand, was schwirrt über den See? Mit Unterstützung der Biologischen Station stellen wir Arten vor, die uns in Oberberg aufgefallen sind. Heute: die Zackeneule


Die Zackeneule (Scoliopteryx libatrix) mag gerne Brombeersaft. Zumindest kann die nachtaktive Schmetterlingsart aus der Familie der Eulenfalter (Erebidae) immer wieder dabei beobachtet werden, wie sie mit ihrem ziemlich festen Saugrüssel Brombeeren ansticht und aussaugt. Auch andere Früchte werden zwecks Nahrungsaufnahme regelmäßig perforiert.

Die Zackeneule, die zudem unter den Namen Zimteule, Zuckereule oder Krebssuppe (wohl wegen der orangefarbenen Flecken) firmiert, fliegt auch im Bergischen Land, das zum eher kühleren Teil ihres Verbreitungsgebietes zählt. In warmen Regionen tritt sie dagegen jährlich sogar in zwei Generationen auf, im Früh- und im Spätsommer. Die Imagines (Imago ist die geschlechtsreife Form des Insektes) der zweiten Generation kommen in ihrem Geburtsjahr aber nicht mehr zur Eiablage.

Die Biologischen Stationen Oberberg und Rhein-Berg dokumentieren auch das Überwintern der Fledermäuse

Sie suchen stattdessen im Herbst natürliche Höhlen, Stollen oder Keller auf, um dort den Winter zu verbringen. Entscheidend ist, dass eine hohe Luftfeuchtigkeit vorherrscht. In diesen dunklen, feuchten Gewölben findet sich die Art manchmal in größeren Gruppen zur kollektiven Winterruhe zusammen. Normalerweise kondensieren Tautröpfchen auf ihren Flügeln, was schön aussieht und ihnen nichts ausmacht. Im Gegenteil, die hohe Luftfeuchtigkeit ist überlebenswichtig.

Die Biologischen Stationen Oberberg und Rhein-Berg dokumentieren seit vielen Jahren überwinternde Fledermäuse in Stollen, Höhlen und Kellern. Dabei können in fast allen Fledermaus-Winterquartieren auch Zackeneulen (übrigens das Höhlentier des Jahres 2010) gefunden werden, vornehmlich in den eingangsnahen Bereichen. Die Arten haben also übereinstimmende Ansprüche an ihr Winterquartier und teilen sich diesen Lebensraum.

Mit einem Organ im Hinterleib reagiert der Eulenfalter auf die Rufe der Fledermaus

Mit dem Tympanalorgan im Hinterleib können Eulenfalter Schallimpulse wahrnehmen und an das Nervenzentrum weiterleiten. Normalerweise reagieren die Falter beim Wahrnehmen von Ultraschallfrequenzen, die von Fledermäusen bei der Jagd ausgestoßen werden, mit Fluchtverhalten und Ausweichmanövern – nicht so die Zackeneule.

In einer Studie aus dem Jahr 1973 wurde Zackeneulen während des Winterschlafs das Schallsinnesorgan entnommen und bei Raumtemperatur getestet. Es zeigte sich, dass es durchaus auf Ultraschall im Fledermaus-Frequenzbereich reagiert und die Empfindlichkeit sogar um einige Dezibel höher ist als bei anderen Eulenfaltern.

Möglicherweise flüchten die Zackeneulen nicht, weil sie an die Nachbarschaft der Fledermäuse gewohnt sind. Und letztere sind während der Winterruhe weniger jagdlustig. Wie  Untersuchungen an zwei Fraßplätzen von Langohr-Fledermäusen aus dem Jahr 2014 zeigten, gehört die Zackeneule allerdings durchaus zum Beutespektrum der insektivoren Flugsäugetiere. Zuweilen wird die Art also zur leichten Beute.

Ende Ferbuar trauen sich die Falter auch in Oberberg an die frische Luft

Kleiner Scherz: Auch wenn die mit Brombeersaft gefüllten Zacken-, Zimt- oder Zuckereulen noch zittern und zucken, wenn sie verspeist werden, konnte bisher nicht beobachtet werden, dass die Langohren die Falter mit Zimt und Zucker garnieren, auch wenn es allein schon phonetisch wunderbar harmonieren würde.

Ab Ende Februar erscheinen die Falter im Freien und legen alsbald ihre Eier an den Futterpflanzen ab. Die dann im Frühling schlüpfenden Raupen ernähren sich vor allem vom Laub von Salweide, Korb-Weide und Zitterpappel sowie von weiteren Weiden- und Pappelarten. Die Raupen fressen in der Regel die Äste von oben nach unten ab. Die Verpuppung findet an der Basis der Pflanzen zwischen Blättern oder direkt am Boden statt.

In einer Studie aus dem vergangenen Jahr wird eine neue Pilzart, die auf den Britischen Inseln entdeckt wurde, beschrieben. Samsoniella scoliopterygis parasitiert auf überwinternden Individuen der Zackeneule und überzieht die Körper der Falter mit weißen Fruchtkörpern. Die befallenen Falter hielten sich laut der Studie auf dem Höhlenboden oder Felsvorsprüngen auf, nicht jedoch an der Decke inmitten der gesunden Populationen.

Der Pilz verwandelt die ruhende Zackeneule zu einer Art Zombie, wie es für parasitäre Schlauchpilze aus der Familie der Kernkeulenverwandten typisch ist. Die Pilze können das Verhalten des Wirts steuern und verzehren deren Körper von innen, um ihre eigene Sporenausbreitung zu gewährleisten. Oft wachsen dann bizarre Fruchtkörper aus den toten Leibern der Wirtsorganismen heraus.

Es ist also immer wieder erstaunlich, welche faszinierenden Überlebenskämpfe in der Natur abspielen, die sich Hollywood nicht dramatischer hätte ausdenken können.