Am 26. August 2011 ist die damals 51 Jahre alte Frau zum letzten Mal gesehen worden. Ihr Großcousin Michael Kaiser will weiterhin nach ihr suchen.
Cold CaseDer Tag, an dem Anett Carolin Kaiser aus Morsbach spurlos verschwand

Seit dem 26. August 2011 gilt Anett Carolin Kaiser als spurlos verschwunden. Ihr damals neues Haus in Steimelhagen, Gemeinde Morsbach, hat die seinerzeit 51-Jährige nie bezogen.
Copyright: Jens Höhner
So lange es keine verbindliche, offizielle Nachricht von den Behörden gibt, will Michael Kaiser die Hoffnung nicht aufgeben – obwohl er eigentlich sicher ist, dass seiner Großcousine Anett Carolin Kaiser etwas Schreckliches zugestoßen ist, dass sie vermutlich vor vielen Jahren schon ums Leben gekommen oder umgebracht worden ist. Heute, am 26. August 2026, jährt sich das Verschwinden der damals 51 Jahre alten Frau zum 15. Mal.
Und noch immer, inzwischen aber nur noch sehr selten, gehen bei der Polizei in Wuppertal Hinweise zu diesem mysteriösen Fall ein. „Und so lange dies so ist, werde ich weiter nach ihr suchen“, verspricht der fast 80 Jahre alte Winzer und Obstbau-Meister aus Gau-Algesheim (bei Mainz). Da führt er mit seiner Familie ein Weingut, den Michaelishof.
Im Sommer 2011 kauft die Solingerin Anett Carolin Kaiser mitten in der Morsbacher Ortschaft Steimelhagen ein großes Haus, es soll fortan ihr festes Domizil sein. Es heißt, sie habe das Gebäude bar bezahlt – und die Summe in Höhe von 125.000 Euro in einem Koffer gleich mitgebracht. Der Umzug ist indes kein gewöhnlicher: Die Frau mit den wuscheligen, rötlichen Haaren bringt vier schwere Übersee-Container mit, jeder davon hat ein Volumen von rund 66 Kubikmetern.

Dies ist eines der wenigen Fotos, die es von Anett Carolin Kaiser gibt. Wann und wo es aufgenommen wurde, ist nicht bekannt. In Morsbach-Steimelhagen hat die damals 51-Jährige ihr neues Domizil nie bezogen.
Copyright: Jens Höhner (Repro)
Sie sind randvoll mit ihrem Hab und Gut, noch heute stehen sie auf Betonfüßen im Garten hinter dem Haus mit der blau-grauen Schieferfassade. Ihren Lebensunterhalt habe Anett Carolin Kaiser mit Krempel-Märkten, also mit Trödel bestritten schildert ihr Großcousin. Auf der Suche nach der Leiche von Anett Carolin Kaiser knackt die Polizei später auch jene Container – darin: bergeweise Kleidung, Spielzeug, Möbel und viele andere Dinge.
Kurz nach dem Kauf aber kündigt sie an, sie wolle mit ihrem blauen Ford-Transit nach Jerez de la Frontera in der spanischen Region Andalusien fahren. Doch pünktlich zum Zöppkesmarkt in ihrer Heimatstadt kehre sie zurück. Dieser ist damals in der Zeit vom 9. bis 11. September in der bergischen Klingenstadt – Anett Carolin Kaiser wird jedoch nie mehr gesehen, seither fehlt von ihr jede Spur – ebenso von dem früheren Fahrzeug des Technischen Hilfswerks mit dem Kennzeichen „SG – AD 895“.
Auch die Ermittlerinnen und Ermittler der Polizei lässt der Fall aus Morsbach-Steimelhagen nicht kalt
Am 18. November 2011 meldet ein Bekannter die zierliche, 1,63 Meter große Frau als vermisst. Weil sie aus Solingen und da aus dem Stadtteil Aufderhöhe stammt und die Polizeibehörde in Wuppertal für die Nachbarstadt zuständig ist, wird der Fall dort geführt – heute beim Kriminalkommissariat 12, allerdings als Cold Case.
Polizeisprecher Stefan Weiand ist von Anfang an mit ihm vertraut, er ist für die Kommunikation zuständig. Der 58-Jährige geht fest davon aus, dass Anett Carolin Opfer eines Verbrechens geworden ist. „Auch uns bewegen die Schicksale solcher Menschen, die anscheinend spurlos verschwinden“, betont der Hauptkommissar. „Vor allem, wenn plötzlich wieder Hinweise eintreffen und man glauben darf, dass es doch weitergeht.“
Das ist ebenfalls so, als diese Zeitung im April vergangenen Jahres über die Recherchen des Großcousins Michael Kaiser berichtet. Und es ist so, als sich die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“, ausgestrahlt im Mai 2016, sich mit dem Verschwinden der offenbar recht wohlhabenden Solingerin beschäftigt. Danach verkündet die Redaktion, es seien gut 40 Anrufe eingegangen, vier Hinweise hätten einen Bezug zu Spanien.

Im Garten des Hauses von Anett Carolin Kaiser stehen mehrere Überseecontainer, die inzwischen von der Gemeinde Morsbach gesichert worden sind.
Copyright: Jens Höhner
Am 23. April jenes Jahres hat bereits diese Zeitung erstmals über Anett Carolin Kaiser berichtet. „In jener Zeit erhielten wir den bis dahin vermeintlich wertvollsten Hinweis“, erinnert sich Weiand. „Jemand gab an, Anett Carolin Kaiser an einem Strand in Andalusien gesehen zu haben.“ Die spanischen Behörden machen sich sofort auf den Weg – und sie finden die Beschriebene. Anett Carolin Kaiser ist es nicht. „Aber jene Frau sah ihr zum Verwechseln ähnlich.“
Das könnte nun erneut so sein: Nach einem Facebook-Post einer besorgten Frau aus Burscheid am 11. August melden sich drei Frauen, die von der Gesuchten nach dem Weg nach Erfurt gefragt sein wollen. Die Frau habe in einem schwarzen Golf älteren Baujahres gesessen. „Wir prüfen das zurzeit“, heißt es von der Polizei aus Wuppertal auf Anfrage.
Der Fall aus Morsbach gerät über prominentere Vermisstenfälle immer wieder in Vergessenheit
Rückschläge lassen auch die Ermittlerinnen und Ermittler nicht unberührt. „Als Polizist versucht man natürlich, Distanz herzustellen zu solchen Fällen, aber das gelingt eben nicht immer“, schildert Stefan Weiand. Der Fall Anett Carolin Kaiser sei indes immer ein „stillerer“ gewesen als etwa das Verschwinden von Leonie Gritzka im Juli 2016: Von der damals 15 Jahre alten Jugendlichen aus Remscheid, die auch in Hückeswagen gewohnt hat, fehlt ebenso jede Spur.
Stefan Weiand tritt im Oktober 2018 bei „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ vor die Kameras: Es ist der zehnte Geburtstag seiner Tochter, der Vater ist also nicht zu Hause. „Und so gelangen diese Fälle auch ins Private – seither haben meine Töchter immer wieder nach solchen Fällen gefragt.“ Ebenso vermisst wird Tanja Mühlinghaus aus Wuppertal, die im Oktober 1998 ebenfalls im Alter von 15 Jahren verschwunden ist. Weiand: „Diese beiden anderen Fälle haben den von Anett Carolin Kaiser immer wieder ein wenig verdrängt.“

Michael Kaiser (79), der Großcousin der vermissten Anett Carolin Kaiser, will die Suche nach der Verwandten auch weiterhin nicht aufgeben.
Copyright: Jens Höhner
Im Frühjahr 2025 meldet sich der Winzer Michael Kaiser bei dieser Redaktion, berichtet von seinen Recherchen, man trifft sich in Steimelhagen. Gleich nachdem die Großcousine als vermisst gemeldet worden ist, habe er begonnen, alles zu dokumentieren, blickt der heute 79-Jährige zurück. In Gau-Algesheim, seinem Heimatort, und in Nieder-Ingelheim gehören Anett Carolin Kaiser drei Ackerflächen mit Größen von 600 bis 3000 Quadratmetern. Michael Kaiser: „Die habe ich gepachtet und bezahle dafür die Grundsteuer. Die Flächen sind das Erbe ihres Vaters Hans-Otto.“
Der ist der Cousin von Michael Kaisers Vater Bernhard. In Gierschnach bei Münstermaifeld gehöre ihr zudem ein Bauernhof, ergänzt Kaiser. „Leben wollte sie dort nicht. Es sei ihr da zu kalt, sagte sie.“ Danach habe Anett Carolin Kaiser eben das Anwesen in Morsbach gekauft, das ihr Großcousin gerne für eine neue Nutzung bereitstellen würde. „Doch mir sind leider die Hände gebunden.“
Nach der bis dahin jüngsten Veröffentlichung erreichen zwei Anrufe aus dem Bergischen die Polizei. Während der eine „Hinweis“ ins Reich der Verschwörungen führt, gilt der andere dem Obdachlosen-Milieu in Solingen: Ergiebig sind sie am Ende beide nicht. „Trotzdem wird eine solche Akte niemals geschlossen, wobei dieser Fall inzwischen natürlich ein sehr alter ist“, sagt Hauptkommissar Weiand. So lange die Großcousine nicht für tot erklärt werden kann und so lange er die Kraft dafür habe, wolle er weiterforschen, betont Michael Kaiser.
Blick in die Chronik
Es ist der 26. August 2011, als die damals 51 Jahre alte Anett Carolin Kaiser das Bergische verlässt und mit ihrem blauen Ford-Transit, einem ehemaligen Fahrzeug des THW, aufbricht – Ziel: ihr Haus in Jerez de la Frontera in Andalusien. Dort kommt die offenbar recht wohlhabende Frau aber nie an. Auch stellen die spanischen Behörden später fest, dass jenes Haus nicht bewohnt ist.
Anett Carolin Kaiser gilt als seltsam, offenbar sammelt sie Dinge und hortet diese, etwa in den Überseecontainern in Steimelhagen. Diese Zeitung greift ihr Verschwinden im April 2016 zum ersten Mal auf, das Solinger Tageblatt hat zu jener Zeit bereits mehrfach berichtet: „In der Solinger Umgebung war sie als ‚die Sammlerin mit dem Fahrrad‘ bekannt“, sagt Redakteur Hans-Peter Meurer damals im Gespräch über die quirlige Frau aus dem Stadtteil Aufderhöhe.

Im Haus der Vermissten in Morsbach-Steimelhagen finden sich offenbar nur wenige persönliche Gegenstände.
Copyright: Jens Höhner
Im Mai 2016 schildert das ZDF in seiner Reihe „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ das spurlose Verschwinden der kauzigen Frau, die von Solingen nach Morsbach-Steimelhagen umziehen wollte. Etwa 40 Hinweise nimmt die Redaktion entgegen, doch auch der vermeintlich wichtigste löst sich nach Ermittlungen der spanischen Polizei prompt in Luft auf.
Ende November 2016 gibt es erneut große Aufregung: Fotos aus dem türkischen Badeort Side zeigen bei Facebook eine Frau, die wie Anett Carolin Kaiser aussieht. Sie ist es aber auch nicht. Aber nach Angaben der Polizei handelt es sich möglicherweise um einen anderen Fall. Weitere Informationen gibt es indes nicht.
Im April 2025 meldet sich Großcousin Michael Kaiser und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.
Hinweise gehen auch weiterhin an die Polizei in Wuppertal unter (02 02) 284-0.
