Bilder von einer Reise über 26.000 Kilometer quer durch die USA: Der Kunstverein Nümbrecht zeigt Fotografien von Viktor Hübner.
AusstellungNümbrechter fuhr per Anhalter durch die Trump-Galaxis

Mit seiner Analogkamera porträtierte Viktor Hübner die Menschen und Landschaften in 41 US-Bundesstaaten.
Copyright: Dennis Börsch
Mit der neuen Ausstellung im Nümbrechter „Haus der Kunst“ sind zwei Geschichten verbunden. Die eine handelt vom außergewöhnlichen Lebensweg, der von der Nümbrechter Hauptschule zu einer amerikanischen Elite-Uni führte. Die andere von einer Reise durch die USA.
„The Americans I Met“ lautet der Titel der Fotoausstellung von Viktor Hübner (37) – um mit der zweiten Geschichte anzufangen. Zugleich heißt so ein Bildband (André Frère Éditions), den er 2022 veröffentlicht hat. In Nümbrecht zeigt er auf Einladung des Kunstvereins 20 der 71 Aufnahmen, mit denen er darin seinen Trip quer durch die Vereinigten Staaten der Trump-Ära wie ein Völkerkundler dokumentiert hat. Zu Fuß und per Anhalter durchquerte er 41 Bundesstaaten. Mit Analogkamera, Aufnahmegerät und Notizbuch im Rucksack brachte er 26.000 Kilometer hinter sich und übernachtete, wo immer man ihm einen Schlafplatz überließ. Er traf reiche Rentner in Florida und campierte in South Carolina in den Wohnhöhlen von Crack-Junkies.
Vater ist Pastor in Oberbantenberg
Im Bildband finden sich Texte, in denen Hübner von seinen Begegnungen erzählt. Etwa mit Jay, der ihm in seinem Wohnwagen von seiner Missbrauchserfahrung berichtete. Oder mit Jill, die gerade ihren Mann verlassen hatte. Viktor Hübner spricht sich selbst ein großes Durchhaltevermögen und eine besondere Gabe im Umgang mit Menschen zu. „Die allermeisten Menschen haben etwas zu erzählen, aber die wenigsten haben einen, der wirklich zuhört.“
Dazu kommt ein großes Gottvertrauen – Hübners Vater Waldemar ist Pastor der freikirchlichen Gemeinde „Christus für alle“ in Wiehl-Oberbantenberg – und eine noch größere Angstfreiheit. Diese erprobte er schon als Fotograf im Irak-Krieg und als er 2014 in drei Monaten von Jordanien nach Hause trampte.
Die allermeisten Menschen haben etwas zu erzählen, aber die wenigsten haben einen, der wirklich zuhört.
Jedenfalls ließ sich Viktor Hübner vor seinem US-Projekt nicht davon beirren, dass ihn seine amerikanischen Bekanntschaften immer wieder vor ihren Mitbürgern warnten, wie er im Gespräch vor der Ausstellungseröffnung berichtet. Beim Gang durch vermeintlich lebensgefährliche Stadtviertel mag es geholfen haben, dass er mehr als zwei Meter groß ist, gesteht Hübner zu. Manchmal wäre es aber auch besser gewesen, selbst weniger bedrohlich zu wirken.
Nümbrechter knüpft an legendäres Vorbild an
Mit dem Titel seiner Serie knüpft Hübner an die klassische Fotoreportage „The Americans“ des US-Schweizers Robert Frank von 1957 an und ergänzt ihn um die subjektive Einschränkung „die ich traf“. Hübner beweist den Amerikanern mit seinen Bildern und Texten, dass Angst und Spaltung der Gesellschaft überwunden werden können, wenn man sich auf Begegnungen einlässt.
Erstaunlicherweise stieß er mit dieser Haltung in den USA auch auf Ablehnung. Und zwar bei seinen Mitstudenten an der Rhode Island School of Design. Dort sei er heftig dafür angefeindet worden, dass er sich bei seinem Projekt als Ausländer diesem heiklen Thema zugewandt und auch noch offen mit Anhängern der rechtsnationalen MAGA-Bewegung eingelassen hat, beklagt Hübner. In den zwei Jahren, in denen er seinen Masterstudiengang in Fotografie absolvierte, habe er sehr unter der berüchtigten Cancel-Culture der linken Identitätspolitik gelitten.
Von Elsenroth an die Eliteuni
Aber er ist auch dankbar für diese Erfahrung, vor allem wegen des enormen Lernfortschritts, den er an der amerikanischen Ostküste machen durfte. Dass er dort überhaupt gelandet ist, erscheint Viktor Hübner im Rückblick selbst „wie ein Wunder“.
Geboren in Gummersbach als Sohn russlanddeutscher Zuwanderer und aufgewachsen in Nümbrecht-Oberelben und Elsenroth hatte Viktor Hübner einen schweren Start in der Schule. Seine Lernschwierigkeiten hätten ihn fast zum Förderschüler gemacht. Mit Hängen und Würgen schaffte er den Hauptschulabschluss, hängte dann aber doch noch das Fachabitur dran.
Später studierte er Kommunikationsdesign an der Mainzer Fachhochschule, bevor er sich schließlich erfolgreich für ein Fulbright-Stipendium bewarb – die prestigeträchtige und hart umkämpfte Eintrittskarte in die Welt der amerikanischen Elite-Unis. Wie es dazu kam, berichtet Hübner bei Auftritten als Motivationscoach an Schulen. Sein Antrieb sei die Dankbarkeit dafür, dass das deutsche Schulsystem einem verträumten Spätzünder wie ihm eine Chance gegeben hat. Seine Botschaft: „Wenn ich mich ändere, verändert sich alles.“
Eigentlich ein sehr amerikanischer Gedanke. Seine Professoren hätten ihm geraten, sich in Los Angeles oder New York anzusiedeln, sagt Viktor Hübner. Er lebt heute lieber im norwegischen Tromsö. Und seine nächste Reportagereise soll quer durch Deutschland führen.
Die Ausstellung
Am morgigen Sonntag wird die Ausstellung „The Americans I Met“ im „Haus der Kunst“, Jakob-Engels-Straße 2, um 15 Uhr eröffnet. Kunstvereinsvorsitzende Charlotte Bee-Bayertz spricht mit Viktor Hübner über seine Arbeit, der Perkussionist Töm Klöwer macht Musik. Die Ausstellung ist donnerstags, 17 bis 19 Uhr, sowie samstags und sonntags, 15 bis 18 Uhr, geöffnet. Der Eintritt ist frei. Zur Finissage am 17. Mai, 15 Uhr, wird der Künstler erneut nach Nümbrecht kommen.
