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Interview

Literatur
Nümbrechter erzählt von der Faszination für den Schöpfer des „Moby-Dick“

5 min
Um sein neues Buch vorzustellen, ist Thomas Lang auf Lesereise, hier bei einem Auftritt im Rahmen der Leipziger Buchmesse. Der gebürtige Nümbrechter möchte auch wieder in seine oberbergische Heimat kommen.

Um sein neues Buch vorzustellen, ist Thomas Lang auf Lesereise, hier bei einem Auftritt im Rahmen der Leipziger Buchmesse. Der gebürtige Nümbrechter möchte auch wieder in seine oberbergische Heimat kommen.

Thomas Lang, Erfolgsautor mit Wurzeln in Nümbrecht, hat einen Roman über Herman Melville geschrieben. Heute lebt der 59-Jährige in München.

Mit seinem neuen Roman „Melville verschwindet“ erzählt der aus Nümbrecht stammende Autor Thomas Lang (59) von einem Schriftsteller in der Krise und von der Faszination für Herman Melville (1819 – 1891), den Autor von „Moby-Dick“. Vergangenheit und Gegenwart verschränken sich zu einem vielschichtigen Spiel über Identität, Scheitern und das Schreiben selbst. Im Gespräch mit Reiner Thies spricht Lang über sein neues Buch und seine Wurzeln im Oberbergischen.

Der Protagonist Ihres neuen Romans muss sein Elternhaus ausräumen. Vor dieser Herausforderung stehen derzeit viele Leute, die in den 1960er Jahren geboren sind. Schreiben Sie aus eigener Erfahrung?

Thomas Lang: Als mein Vater vor sechs Jahren gestorben ist, hat sich meine Mutter entschieden, in ein Nümbrechter Altenheim umzuziehen. Daraufhin hat sie das Haus in Alsbach verkauft, in dem ich aufgewachsen bin. Und dafür haben wir es natürlich auch entrümpelt.

Sie selbst leben seit fast 30 Jahren in München. Welche Rolle spielt Ihre Herkunft heute noch für Ihr Schreiben?

Meine Geschichten sind eigentlich an keinem konkreten Ort angesiedelt. Eine Ausnahme war „Bodenlos“ von 2010, ein Roman, der vom Erwachsenwerden erzählt und von Waldbröl inspiriert ist, wo ich zur Schule gegangen bin. Allgemein ist meine Bildwelt sicher vom Aufwachsen auf dem Land geprägt, meine Geschichten spielen selten in Metropolen. Privat schätze ich das Leben in der Großstadt wegen des kulturellen Angebots. Für mich war die Perspektive vorgegeben, aus Oberberg fortzugehen, und zwar weiter weg als nach Köln.

Gibt es Motive, Figuren oder Stimmungen aus Ihrer Kindheit im Oberbergischen, die sich – bewusst oder unbewusst – in Ihren Texten wiederfinden? Sie schreiben im „Melville“-Roman von der „pietistischen Prägung“ der Heimat des Erzählers, und dass dort der Reformationstag mehr gilt als Halloween. Die Landschaftsbeschreibungen passen auch.

Das kann man nicht von der Hand weisen, das alles hat mich beeinflusst.


Zur Person: Thomas Lang

Thomas Lang wuchs in Nümbrecht auf und ging in Marienberghausen zur Grundschule. 1986 absolvierte er am Waldbröler Hollenberg-Gymnasium das Abitur. Nach dem Zivildienst in Bad Nauheim studierte Lang in Frankfurt Philosophie und Literaturwissenschaft und besuchte auch Vorlesungen des kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas, der ja aus ebenfalls aus Oberberg stammt. 1997 zog Thomas Lang nach München.

2002 erschien der Roman „Than“ und wurde ausgezeichnet mit dem Bayerischen Staatsförderpreis und dem Marburger Literaturpreis. 2005 erhielt Thomas Lang den besonders renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem Roman „Am Seil“, der außerdem für den Preis der Leipziger Buchmesse 2006 nominiert wurde. Neben dem fiktionalen Schreiben arbeitet er als Redakteur und freier Journalist. Zuletzt erschienen sind die Romane „Immer nach Hause“ (2016), „Freinacht“ (2019) und jetzt „Melville verschwindet“.


Sind Ihnen Herman Melville und sein Werk schon in Ihrer oberbergischen Jugend begegnet?

Sicher habe ich den Namen mal gehört. Und ich kannte den „Moby-Dick“-Film mit Gregory Peck, der alle Nase lang im Fernsehen lief. Aber gelesen habe ich Melvilles Roman erst in den 2000er Jahren und mich intensiver damit beschäftigt in den 2010ern.

Der historische Melville und Ihre Figur Meander sind Schriftsteller in der Krise, ohne stabilen wirtschaftlichen Erfolg, gezwungen zur „Fron der festen Anstellung“. Inwiefern spiegeln sich darin Ihre eigenen Erfahrungen als Autor?

Da gibt es Parallelen. Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit Aufs und Abs. Für die meisten von uns gilt, dass man vom Schreiben allein nicht leben kann und noch irgendwelche anderen Jobs hat. Im Roman habe ich das zugespitzt. Meander fühlt sich gescheitert als Autor. Und Melville hat man schon keine Literatur mehr abgenommen, als er Ende 30 war. Das kann man sich heute, da er so berühmt ist, gar nicht vorstellen. Mich hat an dieser Figur die Frage fasziniert: Wie kommt er damit klar? Und dann habe ich gesehen, dass Melville sich mit lauter Themen beschäftigt hat, die uns heute betreffen – wie Imperialismus und Kolonialismus, Queerness und Tierethik.

Faszinierend war auch sein abenteuerliches Leben.

Er hat sich als junger Mann im Wilden Westen rumgetrieben und ist dann zur See gefahren, weniger aus Abenteuerlust denn aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Er hat Tahiti und Hawaii gesehen. Das alles ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass andere Schriftsteller nur in ihrem Kopf Abenteuer erleben. Melville war ein Autor, der diese Erlebnisse gebraucht hat.

Sie haben in „Immer nach Hause“ bereits einen biografischen Roman geschrieben, nämlich über Hermann Hesse. Auch dafür unternahmen sie umfangreiche Recherchen. Wie viel Journalismus steckt in Ihrer Arbeit?

Das ist unterschiedlich. Bei Hesse bin ich noch etwas näher an den Fakten geblieben. Aber auch in diesem Buch habe ich mir freie Räume gesucht, etwa die erotische Ruderpartie. Bei Melville habe ich mich weiter von den Fakten gelöst. Jupp erzählt in dem Roman sogar Lügen, Geschichten über Melville, die gar nicht stimmen können. Dennoch sollte Melville kein komisches Wundertier werden. Ein Roman bietet die Möglichkeit, eine historische Figur über Erfundenes erkennbar zu machen. Ich bin kein Forscher, sondern ein Verwender von Forschung.

Und Sie schreiben nicht selbst über Melville, sondern lassen ihre Erzählerfigur Meander schreiben.

Das war wichtig, um einen modernen Standpunkt einzuführen, ein Weltbild, das nicht aus Melvilles Zeit stammt. Es ist eine Geschichte von heute, kein historischer Stoff. Meander denkt über Melville und sich selbst nach. Und auch der Leser kann Querverweise erstellen.

Wie hat sich Ihr Schreiben über die Jahre verändert?

Es gibt Motive, die sich wiederholen, aber ich entwickele mich weiter. Bei Hesse hatte ich viel Spaß damit, altertümliche Vokabeln wiederzubeleben. Bei Melville wollte ich einen anderen Ton, habe moderne Redewendungen eingesetzt und bewusst darauf geachtet, dass die Sprache nicht historisch wirkt.

Sie sind seit vielen Jahren im Literaturbetrieb präsent: Was hat sich aus Ihrer Sicht in dieser Zeit grundlegend verändert?

Als ich vor 21 Jahren den Bachmann-Preis bekommen habe, hat die Entwicklung bereits begonnen: Der Resonanzraum in den Zeitungsfeuilletons und im Fernsehen ist kleiner geworden. In Romanen werden heute oft bestimmte Themen abgearbeitet. Und Sachen, die sich gut verkaufen, werden dann breit besprochen. Zu Zeiten des Kritikers Marcel Reich-Ranicki war es eher umgekehrt, damals hat die Kritik den Erfolg herbeigeführt. Das hatte eine positive Durchschlagskraft, Bücher bekamen eine konzentrierte Aufmerksamkeit, an der es heute fehlt. Andererseits ist es natürlich gut, dass sich die Meinungsbildung demokratisiert hat. Mehr Leute sprechen über Literatur. Ich sehe das alles ambivalent.

Denken Sie beim Schreiben an Ihre Leserinnen und Leser? Haben Sie eine Vorstellung von Ihrem Gegenüber?

Literatur ist eine Form der Kommunikation. Aber ich habe keine konkrete Vorstellung von einem gebildeten oder ungebildeten, jüngerem oder älterem Publikum. Es reicht, wenn die Leute einen Sinn für Literatur haben.

Was reizt Sie literarisch als Nächstes? Gibt es Themen oder Formen, die Sie noch unbedingt ausprobieren möchten?

Es gibt derzeit kein konkretes Buchprojekt. Ich schreibe an einem Text über eine Nachkriegszeit und warte darauf, dass sich das in mir klärt. Vielleicht wird es auch ein Essay. Vorrangig ist derzeit, mein Melville-Buch zu begleiten, mit Interviews wie diesem und mit Lesungen. Vielleicht komme ich auch wieder ins Oberbergische. Einige Buchhandlungen sind schon aufmerksam geworden.