Mit Unterstützung der Biologischen Station stellen wir Arten vor, die uns in Oberberg aufgefallen sind.
Lebendiges OberbergDie Erdmaus läuft unter dem Radar vieler Naturbeobachter

Optisch unterscheidet sich die Erdmaus von der Feldmaus darin, dass sie etwas größer wird.
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Kaum einer kennt die Erdmaus. Und das ist bemerkenswert, ist sie doch eines der individuenreichsten Säugetiere in der oberbergischen Kulturlandschaft. Eher hat man von der Wühlmaus gehört, womit häufig die recht große Ostschermaus (Arvicola amphibius) gemeint ist, wobei Wühlmäuse eigentlich eine ganze Gruppe von stumpfnasigen, klein-ohrigen und eher kurzschwänzigen Mäusen aus der Ordnung der Nagetiere sind. Etwas bekannter ist da schon ihre Schwesterart, die Feldmaus. Aber der Begriff Erdmaus spielt in unserem Wortschatz keine Rolle.
In der wissenschaftlichen Erfassung der Säugetierfauna Deutschlands ist die Erdmaus (Microtus agrestis) vermutlich lange Zeit nicht erkannt oder mit der Feldmaus (Microtus arvalis) als eine Art betrachtet worden. Nachdem sie 1761 wissenschaftlich als Mus agrestis beschrieben und später in Agricola agrestis umbenannt worden war, wusste man wohl nicht viel über ihre Lebensweise. Der Zoologe Bernhard Altum bemerkte im Jahr 1867: „Ob sie (die Erdmaus) namentlich das Fruchtfeld liebt, was ihr Untergattungs- und Speziesname andeutet (ager lat. = Feld), möchte ich bezweifeln.“
Die Erdmaus kommt auf feuchten bis nassen Flächen vor
Und tatsächlich: Vergleicht man die beiden Arten hinsichtlich ihrer Ansprüche an den Lebensraum, lassen sich folgende Dinge festhalten. Die aus den Steppen Eurasiens stammende Feldmaus bevorzugt trockene bis frische Standorte mit kurz gehaltenem, niedrigem Grasbewuchs sowie niedrige Grundwasserstände bei lockeren, tiefgründigen Böden. Auf diesen für die landwirtschaftliche Nutzung prädestinierten Flächen hinterlässt die Feldmaus sichtbare Wegenetze an der Bodenoberfläche.
Die Erdmaus kommt hingegen auf feuchten bis nassen Flächen mit dichter, hoher Vegetation vor und toleriert hohe Grundwasserstände. Auf den feuchten Böden sind die Wegenetze der Erdmaus unter der dichten Vegetation gut versteckt. Aber wo sie sich unterirdisch fortbewegt, kann die Kombination von Löchern und Wasser verheerende Folgen haben: Im Jahr 2002 wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass die gegrabenen Gänge der Erdmaus in lössreichen Böden des Bergischen Landes die Tunnelerosion unterstützen – eine Form der unterirdischen Wassererosion, die zu gefährlichen Einstürzen des Bodens führen kann.
Hohe physiologische Toleranz gegenüber Nässe und Kälte
Die Erdmaus wird von der sich irrsinnig schnell fortpflanzenden Feldmaus an den Rand ihrer ökologischen Nische gedrängt, wo sie dann aber durch hohe physiologische Toleranz gegenüber Nässe und Kälte sowie ihrer Anpassung an dichte Vegetation einen Vorteil gegenüber der Feldmaus hat.
Optisch unterscheidet sich die Erdmaus von der Feldmaus unter anderem darin, dass sie etwas größer werden kann. Um die Art sicher zu bestimmen, benötigt man als Laie eigentlich beide Tiere zum Vergleich. Wenn die Katze also einem eine kleine Maus mit Knopfaugen, mittellangem Schwanz, kurzen Ohren und stumpfer Nase vor die Tür legt, bleibt eigentlich nur, die Muschi zu befragen, ob sie die Maus auf einer trockenen, intensiv gepflegten Fläche oder in einem feuchten Bereich mit höherer Vegetation erbeutet hat. Ansonsten ist die Unterscheidung der beiden Arten nur etwas für Kenner.
Normalerweise ernährt sich die Erdmaus von Gräsern und krautigen Pflanzen. Mangelt es ihr an Mineralstoffen, nagt sie an Wurzeln und an der Rinde am Stammfuß junger Nadel- und Laubbäume. Natürlich dient die Art selbst auch als Nahrung für eine Vielzahl von Beutegreifern: Greifvögel, Eulen und Raubtiere wie Marder, Fuchs und Katze können einen erheblichen Teil ihres Kalorienbedarfs mit Erdmäusen decken.
In Bezug auf den Menschen sei angemerkt, dass aufgrund der relativen biologischen Nähe von Nagetieren und Primaten auch von der Erdmaus eine Ansteckungsgefahr mit Zoonosen ausgehen kann. Eine – zugegeben nicht ganz einfach umzusetzende – Lösung wäre, Wildtieren großflächigere, zusammenhängende Gebiete zu überlassen. Denn je weniger der Mensch in natürliche Lebensräume eindringt, desto geringer ist das Risiko, sich mit deren Krankheitserregern zu infizieren.
Aber bevor der Eindruck erweckt wird, dass uns Mäuse nur Schaden zufügen würden, sei abschließend darauf hingewiesen, dass Wühlmäuse durch ihr Graben zur Belüftung des Bodens beitragen und die Ausbringung von Pflanzensamen unterstützen. Nicht zuletzt können wir den Mäusen – vor allem der langschwänzigen Verwandtschaft der der Wühlmäuse – aus einem anderen Grund dankbar sein: Als Versuchstiere in der medizinischen Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln haben sie der Menschheit einen unschätzbaren Dienst erwiesen.
