Was rennt da über die Wiesen, was blüht am Wegesrand, was schwirrt über den See in Oberberg? Heute stellen wir das Gefleckte Knabenkraut vor.
Lebendiges OberbergVon den Bienchen und den Blümchen

Die Namen Knabenkraut und Orchidee sind beide auf die zwei hodenförmigen Wurzelknollen zurückzuführen (griechisch Orchis = Hoden). Die Blüten erinnern dagegen an das äußere weibliche Geschlechtsorgan.
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Kaum eine andere Pflanzenfamilie genießt so hohe Wertschätzung im Naturschutz wie die Orchideen. Tatsächlich sind sehr viele Arten stark bedroht. Darüber hinaus haben sie aber noch etwas sehr Anziehendes. Und das für ganz unterschiedliche Lebewesen wie Menschen und Insekten.
So bilden einige Orchideenarten Täuschblumen, also Blütenteile, die wie eine andere Pflanze oder ein Insekt aussehen. Zum Beispiel imitiert die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) geruchlich und optisch eine weibliche Biene, um ein Männchen anzulocken, das dann unfreiwillig die Bestäubung der Blüte gewährleistet.
Aber auch viele botanisch interessierte Menschen lieben Orchideen, vordergründig wegen der relativen Seltenheit und natürlich wegen ihrer Schönheit. Seit Charles Darwin und Siegmund Freud wissen wir, dass das, was als schön empfunden wird, oft auf sexuelle Reize zurückzuführen ist.
Auch bei uns im Bergischen Land wachsen Orchideen
Oh, là, là! Vielleicht rufen die Blüten einiger Orchideenarten unterbewusste Assoziationen zu weiblichen Fortpflanzungsorganen der eigenen Spezies hervor? Man(n) schaue sich hierzu im Baumarkt ihres Vertrauens einmal genau die in ihrer Form an eine Vulva erinnernden Blüten einiger Schmetterlingsorchideen (Phalenopsis) an. Orchideen werden im Allgemeinen eher mit exotischen Ländern der Tropen oder Subtropen in Verbindung gebracht. Doch auch bei uns im Bergischen Land wachsen verschiedene Orchideen. Von den ehemals 21 im Oberbergischen Kreis nachgewiesenen Orchideenarten sind heute gerade noch sieben bei uns zu finden.
Eine davon ist das Gefleckte Knabenkraut (Dactylorhiza maculata). Für die Erklärung des Namens Knabenkraut muss wieder der Vergleich zu den Genitalien bemüht werden. Der Name stammt von den zwei hodenförmigen Wurzelknollen der Knabenkräuter (griechisch Orchis = Hoden). Der wissenschaftliche Gattungsname Dactylorhiza kommt hingegen daher, dass die Knolle zusätzlich hand- oder fingerförmig geteilt ist (griechisch Dactylos = Finger). Diese Art wird auch Gefleckte Kuckucksblume genannt und erblüht im Juni und Juli in voller weißer bis pinker Pracht an einigen wenigen Standorten im Bergischen Land.
Der Pollen wird auf besondere Weise übertragen
Es handelt sich um eine etwa 25 bis 50 Zentimeter hohe Staude. An ihrem dicken, hellgrünen Stiel befinden sich fünf bis zehn lanzettliche Blätter. Meist sind die Blattoberseiten dunkel gefleckt, nur an schattigen Standorten fehlt diese Fleckung oft. In der Blütenähre sitzen viele kleine Einzelblüten dicht zusammen. Die mit Linien und Punkten gezeichnete Blütenlippe, typisch für Orchideen, ist etwa zehn Millimeter lang und breit dreilappig.
Hervorzuheben ist bei den Knabenkräutern die Übertragung des Pollens. Die Blüte enthält nämlich nicht großflächig verteilten Blütenstaub. Dieser ist in zwei Paketen vorhanden. Durch ein Stielchen sind sie mit einer Klebescheibe verbunden. Dringt nun ein nektarsuchendes Insekt in die Blüte ein, bekommt es die Klebescheibe auf den Kopf gedrückt und zieht beim Wegfliegen die beiden Pollenpakete am Stielchen heraus. Mit zwei kleinen Hörnchen auf der Stirn fliegt es zur nächsten Blüte, wo dieses Paket genau in die Narbenhöhle passt.
Zu finden auf Feuchtwiesen, Mooren und Heiden
Die bevorzugten Standorte des Gefleckten Knabenkrautes sind Feuchtwiesen, Flach- und Quellmoore, Magerwiesen, Borstgrasrasen sowie Heiden, also alle möglichen Lebensräume, die die Biologische Station Oberberg in Naturschutzgebieten betreut. Einst war das Gefleckte Knabenkraut bei uns eine häufige Orchidee und kam auf vielen Mager- und Feuchtwiesen vor. Die intensive Landwirtschaft mit Trockenlegung der Wiesen, Düngung, häufiger Mahd oder intensiver Beweidung haben das Gefleckte Knabenkraut leider auch in unserer Region zu einer seltenen Pflanze werden lassen.
In der Roten Liste von Nordrhein-Westfalen wird die Art als gefährdet geführt. Die Pflanze ist gesetzlich geschützt und darf weder gepflückt noch beschädigt oder sogar ausgegraben werden. Für das Verbot gibt es gute Gründe, da Teile der Pflanze vor allem bei Männern wegen einer erhofften potenzsteigernden Wirkung begehrt sind.
Tja, die nachlassende Manneskraft ist ein verbreitetes Drama, dem entgegenzuwirken einigen Männern offenbar jedes Mittel recht ist. So mussten beispielsweise schon unzählige Nashörner wegen ihres im Gesicht getragenen phallusartigen Horn dran glauben, da alternde Herren aus dem asiatischen Raum auf eine Potenzsteigerung hoffen – für die es definitiv keine wissenschaftliche Evidenz gibt. Aber auch die Knabenkräuter sind stark bedroht, weil sich die Verzweifelten einbilden, es gäbe eine Korrelation zwischen Naturerscheinungen, die optisch an erigierte männliche Genitalien erinnern, und einer Wirkung auf die „Standhaftigkeit“.
Darum ist das Gefleckte Knabenkraut wie andere Erdorchideen auch in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens gelistet. Hintergrund ist, dass zur Herstellung des Potenzmittels „Salep“ große Mengen der Knollen aus der Natur entnommen und auch innerhalb der EU illegal verkauft werden.
