Abo

Zu jung fürs AltersheimImmer mehr Senioren in Oberberg interessieren sich fürs Servicewohnen

5 min
Ein alter Mann mit einem Gehstock.

Wenn die geburtenstarken Jahrgänge pflegebedürftig werden, wird der Bedarf an zentrumsnahen Seniorenwohnungen rapide steigen. Das Angebot ist in Oberberg nach Einschätzung einer aktuellen Studie zu klein.

Bei der Variante „Servicewohnungen“ des Betreuten Wohnens sind Unterstützungsleistungen im Mietvertrag geregelt.

Für das eigene große Haus und den Garten reicht die Kraft nicht mehr. Aber für das Pflegeheim fühlen sich viele alte Menschen dann doch noch zu fit. Ein immer beliebter werdender Ausweg aus diesem Dilemma ist das „Servicewohnen“. Bei dieser Variante des Betreuten Wohnens sind Unterstützungsleistungen wie Hausnotruf, Hausmeisterservice oder die Vermittlung von ambulanter Pflege im Mietvertrag geregelt. Oft bietet sich ein Altenheim in unmittelbarer Nähe für den allerletzten Lebensabschnitt an.

Der Umzug aus dem eigenen Heim, das ab vom Schuss in einem der verstreuten oberbergischen Dörfer steht, hin in ein zentrumsnahes Appartement verspricht einen stressfreien Lebensabend.   Doch während der Oberbergische Kreis bei der stationären Pflege in Altenheimen insgesamt recht gut aufgestellt ist, herrscht im Kreisgebiet bei allen Angeboten für ein noch weitgehend selbstständiges Wohnen ein großer Mangel.

Aktuell gibt es 25 Anlagen für Servicewohnen in Oberberg

25 Anlagen für Servicewohnen gibt es derzeit in Oberberg, der Bedarf ist weitaus größer. So hat es die neueste Auflage der „Örtlichen Planung“ festgestellt. Diese regelmäßige Bestandsaufnahme aller pflegerischen Angebote im Oberbergischen Kreis ist auf der Homepage des Kreises für jedermann einsehbar. Der Ausbau weiterer Angebote des Servicewohnens sei „wichtig und notwendig“, heißt es in dem Bericht. Die Zahl der Einrichtungen sei zuletzt nur minimal gestiegen, Wipperfürth und Reichshof hätten in diesem Bereich noch immer gar kein Angebot. Zum Vergleich: In Gummersbach und Engelskirchen gibt es immerhin jeweils vier Servicewohnanlagen.

Ein weiteres Problem: Bei den wenigen bestehenden Servicewohnungen handele es sich meist um hochpreisige Angebote, Menschen mit geringem Einkommen seien benachteiligt. „Eine Regulierung des Preises durch den Markt erfolgt bisher nicht, und es gibt zu wenig Anreize für Investoren zur Schaffung bezahlbarer Angebote“, stellt die Örtliche Planung fest. Wie schon vor zwei Jahren empfehlen die Experten des Kreises den örtlich Verantwortlichen, Investoren auf den Bedarf hinzuweisen und Anreize für den sozialen Wohnungsbau zu schaffen.

Anteil der alten und hochbetagten Menschen in Oberberg steigt stetig

Dass der Anteil der alten und hochbetagten Menschen auch und besonders im Oberbergischen Kreis beständig ansteigt, macht es nicht einfacher. Nun, da die ersten Babyboomer in den Ruhestand gehen, verschärft sich das demografische Problem:   Die geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969 werden im Jahr 2035 die Zahl der 65- bis unter 80-jährigen Oberberger auf knapp 60 000 und der besonders pflegebedürftigen Über-80-Jährigen auf mehr als 20 000 ansteigen lassen.

Das komfortable Leben in Servicewohnungen wird für viele dieser Menschen unerreichbar bleiben. Doch es mangelt auch an unbetreuten Wohnungen, die barrierefrei oder zumindest barrierearm wären. Damit bereits vorhandene Appartements umgestaltet werden, fordert die Pflegeplanung des Kreises einen Ausbau der Eigentümerberatung und erinnert an die Förderung von innovativen altersgerechten Wohnprojekten.

Zu letzteren gehören auch Wohngemeinschaften mit Pflege- und Betreuungsangebot, immerhin 24 solche WGs gibt es in Oberberg, die überwiegend auf Menschen mit Demenz ausgerichtet sind. Als Pilotprojekt getestet werden demnächst Gastfamilien, in denen pflegebedürftige Senioren von einer im Haushalt lebenden Fachkraft versorgt werden. Damit soll auch der Mangel an Kurzzeitpflegestellen ausgeglichen werden.

Manchmal reicht es schon, wenn ein alter Mensch im eigenen Haus eine helfende Hand vermittelt bekommt. Nach Einschätzung der oberbergischen Senioren- und Pflegeberatungsstellen besteht aber auch im Bereich bezahlbarer haushaltsnaher Dienstleistungen ein großer Handlungsbedarf. Seit 2019 war die Zahl der gewerblichen Anbieter rückläufig. „Dadurch hatte sich die schwierige Situation weiter zugespitzt“, heißt es in der Örtlichen Planung. Mittlerweile habe sich das Angebot wieder etwas  erweitert, decke aber den Bedarf noch immer nicht ab.

Nicht viel besser sieht es bei der ambulanten Pflege aus. Die Örtliche Planung warnt: „Insbesondere der Mangel an Pflegefachkräften sorgt dafür, dass die Pflegedienste verstärkt an der Grenze ihrer Versorgungsmöglichkeiten angekommen sind.“ Für neue Patienten werde es immer schwieriger, zeitnah einen Pflegedienst zu finden.

Die oberbergischen Babyboomer sind jedenfalls gut beraten, sich rechtzeitig Gedanken zu machen, wie und wo sie ihren Lebensabend verbringen wollen. Und wer von ihnen noch ein paar Millionen auf der hohen Kante hat, sollte überlegen, ob er sie nicht in eine Anlage für Servicewohnen investiert.


Interview: „Ich lege jedem Investor solch ein Projekt nahe“

Harald Klotz (55) ist stellvertretender Leiter des Amts für soziale Angelegenheiten des Oberbergischen Kreis und verantwortlich für die „Örtliche Planung“ des Pflegeangebots. Reiner Thies sprach mit ihm.

Haben Sie selbst schon einen Plan für Ihren Ruhestand?

Harald Klotz: Möglichst nicht pflegebedürftig zu werden (lacht). Außerdem arbeite ich daran, dass wir bis dahin einem flächendeckenden Angebot in allen Bereichen näher gekommen sind, damit ich die Wahl haben werde. Tatsächlich ist dies das Ziel unserer Planungen, und wir sind auf einem guten Weg. Sicher ist es sinnvoll, sich bei der eigenen Lebensplanung frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen. Es schadet nicht, schon mit Mitte 50 damit anzufangen, in seiner Wohnung ein barrierefreies Umfeld zu gewährleisten, damit man später nicht zwangsweise umziehen muss.

Welchen Zweck hat die örtliche Planung?

Der Kreis ist gesetzlich beauftragt, sich einen Überblick über den Bedarf und das Angebot zu verschaffen. Damit können wir Investoren beraten und auf Angebotslücken hinweisen.

Wo gibt es Lücken?

Bei der stationären Versorgung, also hinsichtlich der Altenheime und Wohngemeinschaften, sind wir in Oberberg relativ gut aufgestellt, auch wenn es in Lindlar, Wiehl und Gummersbach noch Nachholbedarf gibt.

Und wie sieht es beim Servicewohnen aus?

Dieses Angebot ist in Oberberg zu klein, das sagen wir schon seit Jahren. Viele Heimaufenthalte könnten so verhindert werden. Es fehlt vor allem an bezahlbaren Wohnungen mit Service. Jedem Investor, der bei mir anruft, lege ich solch ein Projekt nahe. Aber die derzeit hohen Baukosten helfen dabei nicht. Die Bauherren achten auf eine hohe Rendite. Die Marktsituation sorgt dafür, dass viele der bestehenden Appartements sehr teuer und dennoch belegt sind. Wir haben da, anders als die Kommunen, leider keine Steuerungsmöglichkeiten. Es bleibt aber die Alternative, sich eine barrierefreie Wohnung zu suchen und selbst einen ambulanten Pflegedienst hinzuzuziehen.