Die Reichshofer Catrin und Maik Heringer von Heringer Consulting (Köln) über die nachhaltigen Stärken oberbergischer Mittelständler.
Interview zu KIOberbergs Mittelstand ist in China hochgeachtet

Bild von einer der drei international besetzten Konferenzen im ostchinesischen Jinan, auf der Catrin Heringer in diesem Jahr Vorträge gehalten hat.
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Kann Oberberg ein neues Silicon Valley werden? Auf der Suche nach Antwort veröffentlichen wir heute Teil zwei des Interviews mit Catrin und Maik Heringer aus Reichshof vom Kölner Beratungsunternehmen Heringer Consulting. Teil eins lesen Sie hier.
Die ganze Welt sucht Antworten auf die Frage, wie es weitergehen kann mit KI und Industrie. Wie schätzen Sie in dem Zusammenhang die Situation am Standort Deutschland ein?
Catrin Heringer: Mich hat es sehr überrascht, wie viele unserer chinesischen Gesprächspartner schon mehrfach in Deutschland gewesen sind. Obwohl wir in Deutschland ein sehr kleines Land sind, werden wir in China nach wie vor als bedeutendes industrielles Vorbild wahrgenommen. Das hatte ich nicht unbedingt erwartet. Einige unserer Gesprächspartner hatten sogar schon das Oberbergische besucht. Ich glaube nicht, dass Deutschland beim Thema KI grundsätzlich abgehängt ist. Wir verfügen über enorme Stärken: eine starke Industrie, vor allem über gute Ingenieure, wir haben auch total spezialisierte Mittelständler und eben auch diesen einzigartigen Stand an industriellen Daten. Und gerade die Verbindungen aus Industrie, Know-how und den Daten, das könnte halt ein super Wettbewerbsvorteil für uns werden. Für uns liegt die Herausforderung weniger in der Technologie als mehr in der Umsetzungs-Geschwindigkeit. Also: Nutzen wir die Daten oder verbringen wir zu viel Zeit damit, darüber zu diskutieren, ob wir es tun sollten.
Maik Heringer: Die Innovationsgeschwindigkeit ist in China enorm, aber es ist eben teilweise auch gesteuert. Was man dort an den deutschen Mittelständlern wahnsinnig schätzt: Die gibt es teilweise schon seit über 100 Jahren. Das heißt, wir sind in der Lage, ohne Hilfe von Fünf-Jahres-Plan über ein Jahrhundert das Richtige zu tun und abzuwägen: In was investieren wir jetzt, was bringt tatsächlich ein Benefit? Das wird vielleicht ein bisschen als Verzögerung wahrgenommen. Ich finde, wir haben in Deutschland zu viele Regularien, die zentral gesteuert sind. Aber bei den Mittelständlern bin ich nicht sicher, ob die nicht vielleicht doch das Richtige tun. Die sind langfristig nachhaltig, die sind schon lange am Markt, da sehe ich in Deutschland eine große Chance.
Deutsche Industrie-Kompetenz genießt in China ein wahnsinnig großes Ansehen.
Ist das so etwas wie das alte Armdrücken zwischen Planwirtschaft und freier Marktwirtschaft?
Catrin Heringer: Ich würde das gar nicht so als ein Gegeneinander sehen. Gerade in Jinan ging es ganz viel um Kooperationen und darum, was China und Europa voneinander lernen können, auch wenn wir unterschiedliche Ansätze haben. Wie gesagt, deutsche Industrie-Kompetenz genießt in China ein wahnsinnig großes Ansehen. Wir haben vielleicht nicht die Schnelligkeit, die bringt China mit. Es wurde eher so gesehen, dass man sich gegenseitig mit seinen Stärken unterstützen kann.
Was sollte, könnte, müsste in Deutschland besser werden?

atrin (49) und Maik Heringer (51) aus Reichshof sind Geschäftsführer der Kölner Heringer Consulting.
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Catrin Heringer: Wir brauchen mehr Mut zur Anwendung und mehr Vertrauen in die eigenen Stärken. Ich kenne viele Geschäftsführungen in vielen Firmen, die die Chancen von KI absolut erkannt haben. Aber es gibt auch noch viele Menschen mit großer Skepsis. Ich höre auch immer wieder die Sorge, dass KI Arbeitsplätze ersetzen könnte. Jemand hat mal gesagt, Menschen werden nicht durch KI ersetzt, sondern durch Menschen, die KI sinnvoll anwenden. Da ist viel Wahres dran. Genau deshalb müssen wir eben stärker auf Weiterbildung und Qualifizierung n und eben auch auf Veränderungsbereitschaft setzen. Politisch würde ich mir ein bisschen mehr Innovationsgeschwindigkeit wünschen. Regulierung ist wichtig, insbesondere beim Datenschutz und bei der Sicherheit. Aber gleichzeitig sollten wir auch darauf achten, dass unsere Sorge vor Risiken nicht größer wird als unsere Bereitschaft, Chancen zu nutzen.
Maik Heringer: Bei der Forderung nach Innovationsfreude bin ich anderer Meinung, die muss aus der Wirtschaft kommen. Man sagt immer, alles ist überreguliert. Als Unternehmer sage ich: Ich finde, man sollte einfach machen können. Aber: Unternehmen drohen große Strafen, wenn sie gewisse Regularien nicht einhalten. Aber: Die Angst vor diesen Risiken bremst, aber diese Risiken hat der Gesetzgeber selbst produziert. Man sollte überdenken, ob man die Regularien und die Bürokratie nicht reduzieren kann. Es ist oft für Unternehmer ein nicht durchschaubares Risiko, was es eigentlich heißt, ob man Datenschutzschulungen macht oder nicht. Und dann macht man es komplett, das ist teuer und aufwendig und hält einen von der eigentlichen Arbeit ab. Ich kann entweder innovativ denken oder ich kann versuchen, Risiken zu managen. Eigentlich muss man den Unternehmern sagen: Denkt an den Markt, macht das Richtige.
Sie beschreiben die Unternehmerschaft in Oberberg als bodenständig, technisch stark und zugleich oft auch zurückhaltend in der öffentlichen Darstellung. War das auch in Jinan ein Thema?
Catrin Heringer: Es ging dort auch um unsere Hidden Champions hier in Oberberg und im Hochsauerland und in der ganzen Umgebung – auch, weil viele Gesprächspartner die deutsche Industrielandschaft sehr gut kennen. Sie wissen, dass viele der deutschen Weltmarktführer nicht in den Metropolen sitzen, sondern in Regionen wie dem Oberbergischen oder dem Siegerland. Diese Regionen stehen ja für Unternehmen, die technologisch führend sind, die hochspezialisierte Produkte entwickeln und diese erfolgreich weltweit exportieren. Gleichzeitig treten sie häufig deutlich zurückhaltender auf als vergleichbare Unternehmen beispielsweise aus anderen Ländern. Gerade diese Kombination aus Bodenständigkeit, langfristigem Denken und technischer Exzellenz wird international sehr geschätzt. Davor hat man in China großen Respekt.
Eine Ihrer Thesen ist: Erfolgreiche industrielle Digitalisierung und KI werden am ehesten in Regionen wie dem Oberbergischen entwickelt werden können. Wie meinen Sie das?
Schlüsselrolle für ländliche Regionen
Catrin Heringer: In diesen Regionen entsteht die reale Wertschöpfung, also die Zukunft von industrieller KI. Die wird ja nicht in sozialen Netzwerken entschieden, sondern in den Entwicklungsabteilungen und Produktionshallen. Und eben in den mittelständischen Unternehmen. Dort entstehen die Produkte, Maschinen und Prozesse, die unsere Wirtschaft tragen. Dort liegen auch die Daten, aus denen neue Erkenntnisse und dann hoffentlich auch neue Geschäftsmodelle entstehen können. Wenn KI in diesen Unternehmen erfolgreich eingesetzt wird, dann entstehen dadurch wichtige Produktivitätsgewinne und auch nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Deshalb glaube ich auch, dass ländliche Regionen wie das Oberbergische eine Schlüsselrolle für die industrielle Zukunft Deutschlands spielen können.
Kommen wir abschließend zu der Frage, die diese ganze Serie antreibt: Was ist aus Ihrer Sicht dran an der These von Nvidia-CEO Jensen Huang in ihrer – zugegeben – von uns zugespitzten Form: Dass Oberberg alles hat, um ein neues Silicon Valley zu werden bzw. die nächste technische Revolution anzuführen?
Wenn man das tiefe Wissen, das man seit über 100 Jahren hat, wie die technischen Prozesse und wie die Produktion funktioniert, mit der neuesten Technologie verbindet – und ich bin sicher, dass das passiert – dann ist das eine Riesenchance.
Catrin Heringer: (lacht) Ich würde das Oberbergische jetzt nicht mit dem Silicon Valley vergleichen. Unsere Stärke liegt darin, etwas anderes zu sein. Das Silicon Valley wurde ja durch Softwareunternehmen und Risikokapital geprägt und das Oberbergische ist eher geprägt von der Ingenieurskunst, von industrieller Fertigung, von Maschinenbau und von mittelständischen Unternehmen. Das ist schon etwas grundsätzlich anderes. Aber womit Jensen Huang recht hat - und ich halte seine Analyse für ziemlich überzeugend – ist, dass die Verbindung von KI und Industrie tatsächlich zu einer der größten wirtschaftlichen Chancen Europas werden kann. Und hier liegen eben auch die Stärken in unserer Region. Vielleicht wird das Oberbergische nicht das nächst Silicon Valley, aber es könnte ein Beispiel dafür werden, wie industrielle Regionen die KI-Revolution erfolgreich in die Praxis umsetzen können.
Maik Heringer: Silicon Valley ist ja auch: Ganz viele Milliarden werden in ganz viele komische Projekte geblasen und alle schwimmen auf der Hype-Welle. Aber so ist es hier in unserer Region nie gewesen und jetzt brauchen wir das auch nicht. Wenn man aber jetzt mal die Chancen sieht, dass daraus ein großer wirtschaftlicher Impact entsteht und dass man weltweit wichtige führende Produkte oder führende Software hat – da sehe ich riesige Chancen in Europa und speziell auch im Oberbergischen. Wenn man das tiefe Wissen, das man seit über 100 Jahren hat, wie die technischen Prozesse und wie die Produktion funktioniert, mit der neuesten Technologie verbindet – und ich bin sicher, dass das passiert – dann ist das eine Riesenchance. Oberberg wird nie ein Silicon Valley sein, es wird immer unauffällig sein. Aber es ist ein Riesen-Potenzial da. Wenn das gemeint ist, dann stimme ich der These voll und ganz zu.
Ein neues Silicon Valley in Oberberg?
Jensen Huang, Mitgründer und Chef vom Chip-Hersteller Nvidia, hat sich sehr optimistisch zur Zukunft der europäischen Wirtschaft geäußert. Dabei bezog er sich vor allem auf Stärken, die genau so in Oberberg vorhanden sind – Stärken, die sich ausspielen lassen, wenn es um das Verschmelzen von KI mit industriellen Fähigkeiten, Ingenieurskunst, Maschinenbau, Automation und Robotik geht.

Nvidia-CEO Jensen Huang spricht während einer Nvidia-Konferenz im März 2026 zum Thema Künstliche Intelligenz in San Jose in Kalifornien über das System Vera Rubin von Nvidia.
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Jensen Huang sagte bei einem Gespräch mit dem CEO von Blackrock, Larry Fink: „Die industrielle Fertigungsbasis in Europa ist unglaublich stark. Das ist Ihre Chance. Man sollte sich auch bewusst machen, dass viele der Grundlagenwissenschaften in Europa noch immer sehr stark sind. Diese haben jetzt den Vorteil, KI anzuwenden, um Ihre Entdeckungen zu beschleunigen.“ Klingt nach goldener Zukunft für Oberberg mit seinen innovativen Weltmarkführern. Mit dem TH-Campus Gummersbach und der Fakultät für Informatik und Ingenieurwissenschaften gibt es ein gut vernetztes akademisches Zentrum. Also: Ist Oberberg auf dem Sprung zum neuen Silicon Valley? Dieser Frage gehen wir nach.
