Die Reichshofer Catrin und Maik Heringer von Heringer Consulting über Unterschiede im KI-Verständnis in China und Deutschland.
KeynoteOberbergische Gedanken zum KI-Einsatz auch in China gefragt

Ein örtlicher Mitarbeiter des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft (BVMW) (l.) mit Catrin und Maik Heringer im ostchinesischen Jinan (Privinz Shandong).
Copyright: Heringer
Frau Heringer, wie wird man als Oberbergerin als Keynote-Speaker zu einer internationalen Konferenz ins chinesische Jinan eingeladen? Wer hat Sie eingeladen?
Catrin Heringer: Wir waren 2025 mit Heringer Consulting Aussteller auf der Hannover-Messe. Unser Messenachbar war die chinesischen Firma Inspur, die kommt aus Jinan. Wir sind ins Gespräch gekommen, haben die Europa-China-Koordinatorin kennengelernt, mit der ich locker in Kontakt geblieben bin. Daraus entwickelte sich eine Einladung vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW, d. Red.) zum Global Ocean Development Forum in Qingdao im September letzten Jahres.
War das auch eine Einladung als Keynote-Speakerin?
Catrin Heringer: Nein, da waren wir als Gäste, aber daraus folgte dann, wieder über den BVMW, die Einladung nach Jinan zu der internationalen Konferenz rund um Künstliche Intelligenz, industrielle Digitalisierung und intelligente Fertigung. Das lief über unsere Kontaktperson und Übersetzerin Yin Liu, sie ist BVMW-Repräsentantin China/Shandong und hat unsere China-Reisen koordiniert. Und nachdem wir einmal unser Unternehmen in einem Zoom-Meeting vorgestellt hatten, kam dann die Frage, ob ich in Jinan einen Vortrag halten möchte. Daraus wurden drei Vorträge.
Maik Heringer: Zwischen Yin Liu und meiner Frau hat sich eine persönliche Freundschaft entwickelt. Mein Eindruck war, dass man ein gewissen Vertrauen geschlossen hatte, das hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Das war dann schon beeindruckend, da in der Kongresshalle zu sitzen, unter anderem vor 20 Funktionären, und dann kommt der Leiter der Qingdao-Provinz, da wohnen 100 Millionen Menschen, das ist der Hammer. Die schütteln einem die Hand, und dann spricht Catrin . . .
Was für eine Konferenz war das eigentlich?
Catrin Heringer: Das Leitmotiv war „Innovation treiben und intelligente Zukunft gestalten“ und hat sich mit der Frage beschäftigt, wie Künstliche Intelligenz die industrielle Produktion verändern kann. Vertreten waren Industrieunternehmen, Maschinenbauer, Technologieanbieter, Wissenschaftler, Investoren, Regierungsvertreter und internationale Gäste.
Maik Heringer: Wenn man sich in Deutschland in der KI-Bubble befindet, dann gibt es da Berater und Softwarefirmen, die darauf spezialisiert sind. Da gibt es einen Markt für Leute, die sich mit KI auskennen und gucken, wo man sie sinnvoll einsetzen kann. Sei es in der Industrie, in der Verwaltung, irgendwo. In China fand ich das im Vergleich dazu sehr industrie- und produktionsgetrieben. Man merkt deutlich, dass das verarbeitende Gewerbe da führend ist. Deutschland ist eher eine Dienstleistungsgesellschaft. Alles, was in China IT oder KI ist, hat immer direkt einen Produktionsbezug.
Catrin Heringer: In Deutschland geht es eher um Chatbots, in China wirklich eher um die Industrie.
Maik Heringer: Wenn es hier um Wissen geht und wie wir Prozesse effizienter machen können, ging es in China einfach darum: Wie kann der Produktionsprozess besser sein, wie kann die Maschine eigenständiger arbeiten?
Dadurch, dass in China die Produktion viel stärker im Vordergrund steht, werden neue Technologien auch immer sofort in der Produktion eingesetzt.
Hat man in China weniger Berührungsängste nach dem Motto: Wir machen jetzt einfach mal, während in Deutschland erst mal der Datenschutzbeauftragte befragt werden muss?
Catrin Heringer: Schon ein bisschen. In China muss halt nicht erst das große ganze Konzept stehen, wie das in Deutschland häufig der Fall ist, wo man erst mal schauen will, ob das in der Theorie alles funktioniert. In China werden kleine Use-Cases sofort umgesetzt. Das ist bei uns, glaube ich, weniger der Fall.
Maik Heringer: Das sind verschiedene Perspektiven. Dadurch, dass in China die Produktion viel stärker im Vordergrund steht, werden neue Technologien auch immer sofort in der Produktion eingesetzt. Das heißt, der Weg von der Forschung zur Erkenntnis, jetzt können wir tatsächlich schneller und besser produzieren, ist unheimlich kurz. Zweitens hat China eine Menge Potenzial, um diesen gesamten Dienstleistungssektor noch aufzubauen. Das ist vielleicht auch für deutsche Firmen, die das anbieten, eine Chance.
Eine Chance inwiefern?
Maik Heringer: Das neuste Industrieunternehmen, das wir in China gesehen haben, hat eine Smart Factory gehabt, da haben die Maschinen und Roboter mit Funk, mit 5G, miteinander kommuniziert, das war das Neuste vom Neuesten. Der Kern, also die Software, kommt tatsächlich von Siemens.
Catrin Heringer: Ich glaube, acht von zehn chinesischen Regierungsangehörigen sind Ingenieure. Da ist einfach ein anderes Verständnis von neuen Technologien vorhanden.
Leider ist es halt in einigen Unternehmen noch so, dass die zwar Unmengen an Daten haben, aber die sind nicht immer alle in der Form, dass man sie direkt schon für KI verwerten kann.
Wie lautete die Grundthese Ihrer Keynote?
Catrin Heringer: „From Foundation to Industrial AI – How manufacturing Companies create reliable, scalable Business Value.“ Also im Prinzip: Von der Datengrundlage zur industriellen KI und wie herstellende Firmen verlässliche und skalierbare Geschäftsvorteile daraus erzeugen. Im Prinzip geht es darum: Bevor wir tolle neue KI-Projekte machen, brauchen wir erstmal eine verlässliche Datengrundlage, weil die KI ansonsten auch nur begrenzt bis gar nicht hilft. Und leider ist es halt in einigen Unternehmen noch so, dass die zwar Unmengen an Daten haben, aber die sind nicht immer alle in der Form, dass man sie direkt schon für KI verwerten kann. Im Kern ging es um die Beobachtung, dass wir bei vielen Unternehmen sehen, dass der Hype um die KI enorm ist, der tatsächliche produktive Einsatz aber oft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Und das liegt eben nicht daran, dass die KI der Engpass ist, sondern die Datenbasis.
Aber viele Unternehmen investieren doch schon in KI, oder?
Catrin Heringer: Ja, gerade auch in Deutschland. Aber weil die eben nicht über die notwendige Datenqualität, über die Datenstruktur, über die Datenverfügbarkeit verfügen, sind die Outcomes nicht so, wie man sie sich wünscht. Erfolgreiche KI beginnt eben nicht mit einem Chatbot, sondern mit einer belastbaren Datenbasis. Deutschland hat den riesengroßen Vorteil, auf einem enormen Datenschatz zu sitzen. Also gerade die ganzen kleinen Firmen oder auch größeren Firmen hier in der Umgebung, die ganzen Hidden Champions, die haben ja wahnsinnig viele Produktions-, Qualitäts-, Maschinen- und Prozessdaten. Die sind - gerade bei den Weltmarktführern – über Jahrzehnte aufgebaut worden. Und das eigentliche Potenzial liegt halt oft nicht darin, diese Daten noch weiter zu sammeln, sondern die vorhandenen Daten intelligenter zu nutzen.
Skepsis in den Unternehmen
Maik Heringer: Oder, wie der Siegerländer KI-Pionier Simon Sack sich das wünscht, dass man das sogar unternehmensübergreifend mal auswerten würde. Da bin ich skeptisch, ob das funktioniert, aber das wäre natürlich ein Riesen-Schatz, wenn sich die deutsche Industrie zusammentun und die Daten gemeinschaftlich verfügbar machen würde.
Jetzt hört man aus Unternehmen allerdings doch eine gewisse Skepsis, denn man möchte ja unbedingt vermeiden, dass genau diese wertvollen Daten, die ja oft der eigentliche Schatz des Unternehmens sind, irgendwohin abfließen.
Maik Heringer: Wie gesagt, ich bin auch ganz skeptisch, ob das eine gute Idee ist. Denn wenn die Daten übergreifend verfügbar gemacht werden, für eine Initiative oder für andere Dienstleister, dann fließen sie vielleicht auch da hin, wo man sie nicht haben will. Deswegen kann ich das total nachvollziehen. Aber spannend sind diese Daten trotzdem. Wir reden ja über KI, und die Keynote, die Catrin gehalten hat, ist ja die Zusammenfassung von unserer Beobachtung, nämlich: dass KI immer auf einer Datengrundlage basiert. Und wenn die Datengrundlage nicht gut ist, dann kann die KI auch keine besonders guten Entscheidung treffen. Aus unserer Perspektive ist 80 Prozent Datenarbeit, Fundament schaffen, Informationen, die man hat, zusammenbauen. Und da kann eine KI dann intelligente Use-Cases draufsetzen. Diese Arbeit im Maschinenraum wird aus unserer Sicht total unterschätzt.
Datenschutz ist richtigerweise für Deutschland und Europa wichtig. Aber es behindert natürlich auch eine gewisse Innovationsfreude.
Sind die Chinesen da freigiebiger mit ihren Daten? Oder werden die vielleicht auch angewiesen, was mit den Daten zu passieren hat?
Maik Heringer: Aus meiner Sicht sind das verschiedene Perspektiven. Die Chinesen nutzen die Daten halt in der Fertigung. Das heißt die Maschine, die die Daten hat, die die Fertigung optimiert, steht direkt daneben. Ich finde, wenn wir in Deutschland über KI diskutieren, dann denken wir viel größer. Dann ist die Frage oft, wie kann das gesamte Unternehmen seine Prozesse verbessern.
Catrin Heringer: Ich sehe das ein bisschen differenzierter. Zum einen ist die allgemeine Einstellung in der Bevölkerung viel innovationsoffener. Ich sehe in Deutschland häufig Skepsis gegenüber KI. Wir waren beispielsweise letztes Jahr auf der Veranstaltung „Von der Kohle zur KI“ des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin, das war eigentlich eine Veranstaltung, auf der für KI geworben werden sollte. Aber außer bei den IT-Unternehmen herrschte dort sehr große Skepsis, gerade in Bezug auf Datenschutz. Und das habe ich in der Form in China nie gesehen. Da sieht man eher Chancen, es steht nicht so sehr die Sorge im Vordergrund. Gleichzeitig ist Datenschutz aufgrund eines andere Verständnisses nicht so ein großes Thema. Datenschutz ist richtigerweise für Deutschland und Europa wichtig. Aber es behindert natürlich auch eine gewisse Innovationsfreude. Gerade, was KI angeht, wird immer sehr genau draufgeschaut, was darf man und was ist weniger erwünscht. Dadurch gibt es vielleicht in China wirklich die Möglichkeit, schneller Fortschritt mit KI zu erreichen.
Was denkt Nvidia-Chef Jensen Huang?
Jensen Huang, Mitgründer und Chef vom Chip-Hersteller Nvidia, hat sich sehr optimistisch zur Zukunft von Europas Wirtschaft geäußert. Dabei bezog er sich vor allem auf Stärken, die genau so im Oberbergischen vorhanden sind – Stärken, die sich ausspielen lassen, wenn es um das Verschmelzen von KI mit industriellen Fähigkeiten, Ingenieurskunst, Maschinenbau, Automation und Robotik geht.
Huang wörtlich: „Die industrielle Fertigungsbasis in Europa ist unglaublich stark. Das ist Ihre Chance. Man sollte sich auch bewusst machen, dass viele der Grundlagenwissenschaften in Europa noch immer sehr stark sind. Diese haben jetzt den Vorteil, KI anzuwenden, um Ihre Entdeckungen zu beschleunigen.“ Klingt nach einer Goldenen Zukunft für Oberberg mit seinen vielen innovationsoffenen Weltmarkführern. Mit dem Campus Gummersbach der TH Köln und der dort heimischen Fakultät für Informatik und Ingenieurwissenschaften gibt es zudem ein gut vernetztes akademisches Zentrum.
Also: Ist Oberberg also auf dem Sprung zum neuen Silicon Valley? Dieser Frage gehen wir in dieser Serie nach.
Zur Person
Catrin (49) und Maik Heringer (51) aus Reichshof sind Geschäftsführer der in Köln ansässigen Heringer Consulting. Mit rund 100 Mitarbeitenden unterstützen sie Unternehmen dabei, ihre Daten zu einem Wettbewerbsvorteil zu machen, von der Modernisierung der Datenlandschaft bis zum erfolgreichen Einsatz von Business Intelligence und Künstlicher Intelligenz.
Jenseits des Unternehmens unterstützt das Ehepaar das Kölner Kammerorchester finanziell. „Da bin ich auch im Vorstand“, sagt Maik Heringer. „Das Kölner Kammerorchester erhält keinerlei öffentliche Mittel. In Köln gibt es drei große Orchester: das Gürzenich-Orchester, das WDR Sinfonieorchester und das Kölner Kammerorchester. Während die beiden anderen Orchester auf institutionelle Strukturen bauen können, muss sich das Kölner Kammerorchester seit über 100 Jahren vollständig selbst finanzieren. Umso wichtiger ist die Unterstützung privater Förderer. Dass es uns dennoch gelungen ist, mit einem neuen Ersten Konzertmeister und der Vertragsverlängerung unseres Principal Conductors Christoph Poppen um weitere fünf Jahre die künstlerische Spitze des Orchesters nachhaltig zu stärken, ist ein starkes Zeichen für die Qualität und Zukunftsfähigkeit des Kölner Kammerorchesters.“




