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Disko-NostalgieIn Waldbröl soll der Ort rauschender Partynächte verkauft werden

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Reise in die rauschende Vergangenheit: Der Waldbrölerin Margit Lichtinghagen gehörte einst die größte und beliebste Diskothek weit und breit. Als diese Flash hieß, war Markus Disselkamp (rechts) dort – unter anderem – als Türsteher beschäftigt. Jetzt soll die Großimmobilie verkauft werden. Die beiden stehen im „Tanzlokal“ für ältere Gäste.

Reise in die rauschende Vergangenheit: Der Waldbrölerin Margit Lichtinghagen gehörte einst die größte und beliebste Diskothek weit und breit. Als diese Flash hieß, war Markus Disselkamp (rechts) dort – unter anderem – als Türsteher beschäftigt. Jetzt soll die Großimmobilie verkauft werden. Die beiden stehen im „Tanzlokal“ für ältere Gäste.

Eigentümerin Margit Lichtinghagen will den Komplex so schnell wie möglich loswerden. Mit Ex-Türsteher „Waldi“ reist sie in die Vergangenheit.

Ein dickes Glas mit Cocktailkirschen, abgelaufen im März 2015. Garderobenmarken, verstreut über das gesamte Gelände. Flaschen mit schalen Getränken, von denen man heute also besser die Finger lässt. Überall Staub, Tapetenfetzen – stickig, leicht modrig ist die Luft. Und draußen ein Pool, der sich in eine Art von Biotop verwandelt hat. „Irgendwo dort steht noch die Treppe“, sagt Margit Lichtinghagen und deutet ins grüne Dickicht. Getanzt und gefeiert hat im „Elon“ seit 2014 niemand mehr, rauschende Partynächte im Waldbröler Gewerbegebiet Boxberg seither Geschichte.

Jetzt möchte die Eigentümerin erwirken, dass das Gebäude mit einer Nutzfläche von fast 1500 Quadratmetern auf zwei Etagen künftig wenigstens Gastronomie beherbergen darf, damit sie den Komplex an der Robert-Bosch-Straße verkaufen kann – mit einem Bürgerantrag wendet sich die 82-jährige Lichtinghagen an den Stadtrat. „Interessenten gab es stets viele“, berichtet die Waldbrölerin. So hätte aus der Diskothek ihren Angaben zufolge ebenso ein türkischer Hochzeitssaal werden können wie ein Indoor-Abenteuerspielplatz für Kinder oder zuletzt ein Sporthotel. „Der heute geltende Bebauungsplan aber lässt nichts davon zu“, bedauert sie.

Zuletzt hieß der Waldbröler Partykomplex „Elon“. Doch wer in der Marktstadt leuchtende Augen sehen will, der spricht besser vom „Flash“ an der Robert-Bosch-Straße.

Zuletzt hieß der Waldbröler Partykomplex „Elon“. Doch wer in der Marktstadt leuchtende Augen sehen will, der spricht besser vom „Flash“ an der Robert-Bosch-Straße.

„Elon“, „Fun Palace“ und auch „FunDex“ aber sind nur die letzten Namen für den riesigen, verwinkelten Tanzpalast, den Margit Lichtinghagen und ihr 2008 verstorbener Ehemann Hartmut 1988 als „Rio Palace“ eröffnet und bis 2002 als echten Familienbetrieb geführt haben. Zuvor hat das Paar eine Metzgerei.

Gewisse Schwierigkeiten mit jenem Namen aber hätten dazu geführt, dass aus dem „Rio Palast“ die Disko „Flash“ geworden sei, verrät die Besitzerin. Mit 1300 Menschen ist die Hütte voll. „Und die kamen aus ganz Nordrhein-Westfalen und auch Rheinland-Pfalz zu uns.“ 2007 übrigens möchte ein neuer Pächter daraus eine Saunalandschaft mit gewissen Extras machen, doch er scheitert an der Stadtpolitik: Die duldet keinen weiteren Bordellbetrieb und verabschiedet eben den heutigen Bebauungsplan.

Wer in Waldbröl aber „Flash“ sagt, der blickt prompt in leuchtende Augen. In die von Oliver Zur, zum Beispiel. „Aus dem, was wir da erlebt haben, kannst du einen Film machen“, sagt der 50-Jährige. Er ist einer der Administratoren der Facebook-Gruppe „Waldbröl-Mitte – Wir können mehr als nur Marktwurst“, dort finden sich etliche Fotostrecken.

Blick von der Empore hinunter auf die Tanzflächen in dem Waldbröler Vergnügungstempel: Die Technik ist abgebaut, das Mobiliar aufgetürmt.

Blick von der Empore hinunter auf die Tanzflächen in dem Waldbröler Vergnügungstempel: Die Technik ist abgebaut, das Mobiliar aufgetürmt.

Zur erinnert sich: „Highlights der Woche waren mittwochs der Flotte Dreier, drei Getränke zum Preis von einem, freitags der Diskostart ins Wochenende und samstags dann der Vollgas-Abriss.“ Zum Vorglühen geht’s ins „Klimbim“, zum Abkühlen gegen 4 Uhr auch und danach weiter in den „Felsenkeller“ – und zuletzt hoch auf die Friedensmauer zum Sonnenaufgang. „Das haben aber nur die wirklich Hartgesottenen geschafft“, betont Oliver Zur.

Auch ein unbekannter DJ namens Sven Väth hat mal in Waldbröl aufgelegt

Vor bald drei Jahrzehnten hat Markus Disselkamp im „Flash“ seinen letzten Arbeitstag erlebt – als Türsteher, als Lagermitarbeiter, als Dekorateur, als „Junge für alles“. Der 59 Jahre alte gelernte Metzger und spätere Trockenbauer ist mehr als gerührt, als mit seiner früheren Chefin an den Arbeitsplatz von einst zurückkehrt, mit der Gründung des „Flash“ hat auch er dort begonnen: „Wir alle haben Margit ,Mutter’ genannt“, verrät Disselkamp, er selbst trägt den Spitznamen „Waldi“. Er erzählt etwa, wie ein Unbekannter namens Sven Väth an den Turntables steht oder der amerikanische Sänger und Rapper Captain Hollywood 18.000 D-Mark als Abendgage aus Waldbröl mit nach Hause nimmt.

Besser nicht mehr benutzen: Dieses Glas mit Cocktailkirschen ist im Frühjahr 2015 abgelaufen. Noch heute steht es auf einem der Tresen in der früheren Diskothek.

Besser nicht mehr benutzen: Dieses Glas mit Cocktailkirschen ist im Frühjahr 2015 abgelaufen. Noch heute steht es auf einem der Tresen in der früheren Diskothek.

„Wir haben Beachpartys geschmissen und zentnerweise Sand zentimeterdick verteilt, es gab Winterpartys mit Styroporflocken und Schneebällen aus Styropor – und für eine Westernparty haben wir zwei Pferde am Haupteingang angebunden“, blickt er zurück – „und das mit ganz viel Wehmut“. Und auf einer Leinwand laufen Blockbuster. Diese haben ungebetene Gäste mit obszönen Graffiti beschmiert, auch ein Hakenkreuz gibt es. Kupferdiebe haben ebenso eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

In Waldbröl gehört zudem eine ganze Straße zu dem Disko-Komplex

„So vieles habe ich erneuert, sofort ist fast alles zerstört worden“, wettert Margit Lichtinghagen. Auch die Straße vor dem Grundstück und damit auch fast 150 Plätze gehörten zu ihrem Besitz, sagt sie. In der Blütezeit habe sie zehn festangestellten Kräften und sicher 60, 70 Aushilfen einen Job geboten – im „Flash“, im Club „Chapeau Claque“ oder im Bistro „Alt-Waldbröl“, alle drei Geschäfte sind inzwischen lange geschlossen.

Älteren Gästen haben die Lichtinghagens auf der oberen Etage im „Flash“ nicht nur Tanzmusik, sondern auch Büfetts serviert, es gibt eine Eisdiele nebenan und eine Küche mit Pizzaofen – und ein Tanzlokal in rustikalem Holz mit Rundbänken, terrakottafarbenen Schindeldächern und künstlichem Blattlaub. „Jeder Tresen hat einen eigenen Kühlraum“, schildert Margit Lichtinghagen.

Sie ahnt, dass es nicht leicht wird, die Politik für sich zu gewinnen und den Komplex dann zu verkaufen, „aber was soll ich damit – mit 82 Jahren?“ Zuspruch erhält sich von „Waldi“: „Das alles hier hat sicher auch heute noch Potenzial.“


Das ist der Hintergrund

Die frühe Diskothek „Flash“ steht heute in einem Industriegebiet. Der Bürgerantrag von Eigentümerin Margit Lichtinghagen hat das Ziel, eine Änderung des geltenden Bebauungsplanes zu erwirken. Doch die rechtliche Lage gilt als schwierig, vermutlich wären umfassenden Prüfungen erforderlich.

Die Festsetzungen zur Art der baulichen Nutzung sollen so angepasst werden, dass gastronomische Nutzungen, etwa Speise- und Schankwirtschaften, Eventgastronomie und Cafés, an der Robert-Bosch-Straße möglich. Im Gegenzug sollen Saunaclubs und bordellähnliche Betriebe ausgeschlossen werden.

Der Stadtrat berät darüber öffentlich am Mittwoch, 8. Juli 2026, ab 17 Uhr im Bürgerdorf am Alsberg, Nümbrechter Straße 19.