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Interview

Städtebau
„Korruption kann man nicht allein machen“

4 min
Ein Mann lehnt an einem Schild vor dem Rathaus Wiehl.

Er behält ein Büro im Rathaus. Die Infotafel zeugt vom Wiehler Stadtentwicklungskonzept, an dem Andreas Zurek maßgeblich mitgewirkt hat.  

Andreas Zurek hat das Wiehler Stadtbild geprägt. Nun geht er in den Ruhestand. Wenn auch nicht so ganz.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag im Rathaus?

Andreas Zurek: Ich weiß noch, dass ich ein stolzer Ingenieur mit Diplom in der Tasche war, aber bald merkte, dass ich praktisch nicht so viel drauf hatte. Für die Stadt musste ich plötzlich als weisungsbefugter Bauherr auftreten. Auf der Baustelle sahen einen alle an und fragten: Und was machen wir jetzt? Da gab es keinen Welpenschutz für den Neuling, und man durfte sich vor dem Polier nicht blamieren.

Die Technik war 1989 noch ziemlich analog, oder?

Wir hatten im Rathaus schon drei Computer, und einen durfte ich in Betrieb nehmen. Damit habe ich die Ausschreibungen auf den Weg gebracht. Im Büro hatte ich aber auch einen großen Zeichentisch, auf dem ich mit Tusche und Transparentpapier gearbeitet habe. Einige Straßen habe ich noch komplett selbst geplant, heute wird so etwas an externe Ingenieurbüros vergeben. Die Digitalisierung hilft uns bei unserer Arbeit enorm. Aber manchmal steht sie auch im Weg. Früher war man auf der Baustelle mal zwei Stunden lang nicht erreichbar und konnte konzentriert arbeiten. Heute ist alles von Hektik geprägt.

Hatten Sie keinen Respekt vor den großen Geldbeträgen, die Sie im Bauetat verantworteten?

Das waren schon damals im Kanalbau tatsächlich oft sechsstellige Beträge und mehr. Und du musst mit deinem Namen dafür geradestehen und gegenüber dem Kämmerer und der Politik Rechenschaft ablegen. Darin bekommst du irgendwann Routine, wie in allen Dingen. Ich habe mir und meinen Mitarbeitern aber immer gesagt: Wir haben in Wiehl 26.000 Einwohner, das sind unsere Kunden, die halten mit ihren Steuern den Laden am Laufen. Denen sind wir verpflichtet.

Die lukrativen Aufträge im Baugewerbe sind ein Nährboden für Korruption. Sind Sie einmal in Versuchung geführt worden?

Nein, kein einziges Mal. In den 60er und 70er Jahren war Bestechung wohl noch gängiger, heute haben wir ein sehr sicheres System, in dem mehr als vier Augen die Aufträge prüfen. Korruption kann man nicht allein machen. Aber vielleicht hängt es auch von der Ausstrahlung ab, ob man solche Angebote bekommt.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es in Wiehl eine rege Bautätigkeit. Herrschte ein Investitionsstau?

Sicherlich auch bei uns, aber nicht mehr als überall. Wir haben in meinen ersten Jahren viel Geld für den Kanalbau ausgegeben. Die Hälfte der Wiehler Ortschaften war nicht angeschlossen. Und in den 90ern wurde in den Ausbau der Schulen investiert. Aber wir haben schon damals auf Bestandserhalt gesetzt, das, was man heute „graue Energie“ nennt. Auf der grünen Wiese neu bauen kann jeder. Lösungen im Bestand zu finden, die weniger kosten, ist spannender und fördert die Innovation. Nachdem wir den Stadtumbau in Bielstein erfolgreich geprobt haben, ging es dann mit dem Stadtentwicklungskonzept für die Innenstadt richtig zur Sache. Da konnte man sehen, dass der Staat nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Ohne Fördergeld hätten wir auch kein Stadtteilhaus in Drabenderhöhe. Die Städtebauförderung der letzten Jahre war ein Segen für die Stadt.

Was war Ihr wichtiges Projekt?

Das war die Wiehler Wasserwelt. Da leben Sie als Ingenieur richtig auf. Allein diese geballte Technik im Keller! Aber das Gymnasium wird alles noch toppen. Solch ein großes Bauprojekt hat die Stadt Wiehl noch nicht erlebt.

Sie werden mit einem neuen Vertrag für die Stadt arbeiten und die Projektleitung für das Bonhoeffer-Gymnasium übernehmen.

So etwas macht man nicht nebenbei, darum hat die Stadt diese Stelle eingerichtet. Ich werde 80 Stunden im Monat dafür tätig sein. Ich bin dankbar, dass ich diese neue Aufgabe bekommen habe. Ich freue mich sehr darauf, wieder das zu machen, was ich im Studium gelernt habe. Darauf, mit Helm, Sicherheitsschuhen und dem Geruch von frischem Beton in der Nase über eine Baustelle zu laufen. Ansonsten leite ich weiter die Freizeit- und Sportstättengesellschaft, immerhin sind in diesem Jahr mehrere Jubiläen zu feiern: zehn Jahre Wasserwelt, 60 Jahre Eishalle, 60 Jahre Wildpark und 90 Jahre Freibad.

Der Abschied wird verzögert und damit erleichtert. Sie trennen sich offenbar nur ungern vom Rathaus. War die Entscheidung für den Öffentlichen Dienst damals also richtig?

Ich würde auf jeden Fall wieder diesen Beruf ergreifen. Und vielleicht auch wieder in die Verwaltung gehen. Ich bin an jedem Morgen gern ins Rathaus gekommen. Die Stadt Wiehl hat genau die richtige Größe für ein Bauamt: Es gibt viel zu entscheiden, man muss sich aber nicht zu sehr spezialisieren, sodass die Arbeit abwechslungsreich ist. Und ich habe auch immer gern mit den Bürgern Kontakt gehabt. Es ist belebend, mit Leuten zu arbeiten, die nicht vom Fach sind. Das hat mir immer Spaß gemacht.


Zur Person

Andreas Zurek wurde 1960 in Recklinghausen geboren und wuchs in Essen auf, bevor er mit seinen Eltern nach Much-Marienfeld zog. Nach einer Ausbildung zum Bauzeichner und dem Fachoberschulabschluss studierte er an der Kölner Fachhochschule Bauingenieurwesen. In den 80er Jahren zog Zurek noch als Student mit seiner Frau nach Wiehl in die Wohnung ihres Großvaters. Im Sommer 1989 trat er mit dem frischen Diplom in der Tasche eine Stelle bei der Stadt Wiehl an. Andreas Zurek wohnt in Bielstein-Helmerhausen, engagiert sich dort im Heimatverein und amtiert als Vorsitzender des TV Oberbantenberg.