Ohne freiwillige Helferinnen und Helfer in so vielen Bereichen käme unsere Gesellschaft zum Erliegen. Tausende Oberbergerinnen und Oberberger engagieren sich in einem Ehrenamt. Aber warum eigentlich? Wir haben nachgefragt.
Serie „Ehrensache“Wiehlerin baut Toiletten im Slum

Mit ihren Helferinnen und Helfern vor Ort arbeitet Inge H. Schmidt auf Augenhöhe zusammen.
Copyright: Inge H. Schmidt
Die Wege des Ehrenamts sind manchmal verschlungen. Und sie führen zuweilen dazu, dass sich Oberberger für weit entfernte Weltgegenden engagieren. Etwa für Bangladesch wie die Engelskirchener „Lichtbrücke“ oder für Nicaragua wie das Wiehler Ometepe-Projekt. Inge H. Schmidt (80) setzt sich für Slumbewohner in Kenia ein.
Dass sie aus Bielstein-Helmerhausen stammt, hört man ihrem Schweizerisch eingefärbten Zungenschlag nicht an. Nun hat Schmidt die homburgische Heimat auch schon vor mehr als 50 Jahren und lebt seitdem in Dübendorf nahe Zürich. Allerdings hält sie Kontakt zur oberbergischen Verwandtschaft in Gummersbach und Ründeroth.
Glückliche Kindheit in Bielstein
„An meine Kinder- und Jugendzeit denke ich gerne zurück“, sagt Inge H. Schmidt im Telefoninterview. An ihre Konfirmation in der Oberbantenberger Kirche und an die Pommes im Gummersbacher Kaufhaus Schramm. Mit dreieinhalb war sie adoptiert worden, ging in Bielstein zur Schule und absolvierte eine Ausbildung zur Textilverkäuferin. Später machte Schmidt eine pädagogisch-theologische Ausbildung.
In der Schweiz fand sie eine Aufgabe als sozialdiakonische Mitarbeiterin der reformierten Kirche und organisierte unter anderem Seniorenreisen. Im Jahr 1999 flog Inge Schmidt dann das erste Mal nach Afrika. Das Land und die Menschen hinterließen einen tiefen Eindruck, sie begann sich zu engagieren.
Auch mit 80 Jahren ist das Leben spannend, ich habe noch nicht ausgelernt – zum Glück.
2006 ließ sie sich frühpensionieren und besuchte von nun an regelmäßig Kenia. Kibera, der größte Slum in der Metropole Nairobi, in dem geschätzt eine Million Menschen leben, wurde zum Zentrum ihres Engagements. „Der etwas andere Arbeitsort, so habe ich das einmal benannt.“ Zuerst engagierte Schmidt sich in einer bestehenden Organisation in Nairobi, später baute sie selbst etwas Neues auf.
Das Motto ihrer Gracious Foundation ist „Hilfe zur Selbsthilfe – Einsatz mit Herz“. Drei Probleme ging Schmidt im Slum an: Abfallentsorgung, Trinkwasser und Toilettenbau. In Kibera gibt es durchschnittlich eine Toilette pro 300 Einwohner. Inge Schmidt schaffte Abhilfe und errichtete über die Jahre mit Spendengeld Anlagen mit jeweils drei bis vier WCs. Kürzlich wurde die 68. Toiletteneinheit fertig.
Die „Dübendorferin des Jahres“
Jede dieser Toiletten wird von etwa 50 Personen benutzt – was eine enorme Verbesserung der Lebensqualität und Gesundheitsvorsorge bedeutet. Inzwischen dienen die Anlagen tausenden Menschen als sauberer, sicherer Ort – besonders für Frauen und Mädchen, die sonst nachts schutzlos wären.
Schmidts Gracious Foundation hat außerdem elf große Wassertanks für Gruppen und 1500 kleine Tanks für Familien, Schulen und Geschäfte installiert. Sieben Gruppen junger Menschen sammeln Abfall ein und haben somit Arbeit und Einkommen. Schulungen in Hygiene und Geschäftsführung ermöglichen den Menschen in Kibera, ihre Lebensumstände selbstständig zu verbessern. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Förderung von Frauen, die in vielen afrikanischen Gesellschaften benachteiligt sind. Inzwischen ist Inge H. Schmidt zu alt für die strapaziösen Reisen nach Afrika. Aber ihr Lebenswerk beschäftigt sie weiterhin. „Nicht alles verlief so, wie ich es mir wünschte“, resümiert Schmidt. „Doch nun, nach fast 13 Jahren, sehe ich: Es hat sich gelohnt, dran bleiben, mit den Menschen vor Ort, die etwas positiv verändern wollen. Auf Augenhöhe.“ Bereits 2012 wurde sie für ihr Engagement in ihrer schweizerischen Wahlheimat als „Düberdorferin des Jahres“ mit dem „Dübi Award“ ausgezeichnet.
„Gott hat mich berufen, da bin ich sicher“, sagt Inge Schmidt. Ihr persönlicher Antrieb sei es zu erleben, wie sich der Einsatz lohnt. „Und ich lerne viel von den Menschen auf dem anderen Kontinent, speziell von meiner Verantwortlichen vor Ort in Kibera, Madam Naimo.“ Schmidt ist dankbar für ihren erfahrungsreichen Weg von Helmerhausen nach Nairobi. „Auch mit 80 Jahren ist das Leben spannend, ich habe noch nicht ausgelernt – zum Glück.“
Inge Schmidt finanziert ihre Projekte mit Spenden, die in vollem Umfang den Projekten zugutekommen. „Wir erhalten keine Gelder von großen Institutionen“, berichtet die Seniorin. „Wir möchten gerne mehr tun, aber es fehlt am Geld.“
Auf ihrer Internetseite schreibt Schmidt: „In einem Slum mit rund einer Million Menschen ist mein Einsatz nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber viele Tropfen werden zum See.“ Anlässlich des „World Toilet Day“ warb sie im vergangenen November: „Lassen wir Nächstenliebe sichtbar werden – mit einem ganz praktischen Geschenk: einer Toilette.“
