Zahlreiche Häftlinge wurden in den letzten Kriegsmonaten nach Wipperfürth und Lüdenscheid verschleppt.
NS-Terror auf der SpurDas Gestapo-Lager in Wipperfürth

Ein Foto des Lagers Lüdenscheid-Hunswinkel, aufgenommen nach Kriegsende auf einem 8-Millimeter-Film.
Copyright: Wagner (Repro)
Hunderte Unschuldige verschwanden in örtlichen Gefängnissen und Lagern, viele wurden misshandelt und gefoltert. Alte Akten berichten von einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte. Davon erzählt unsere Serie „Dem NS-Terror auf der Spur“.
„Unsere Aachener Gestapo stand in Bonn auf dem Hof und holte uns ab. Dann sind wir am 1. März zu Fuß von Bonn nach Wipperfürth. Ich weiß, wir sind durch Engelskirchen gekommen, wir waren in Much, wir waren in Kaiserau und wir waren in Drabenderhöhe. Irgendwie waren wir dann in Wipperfürth. Wir sind reingekommen irgendwo von oben runter und sahen auf dem Dach groß AEL, also Arbeitserziehungslager. Ganz wenige Baracken, in einem alten Fabrikgebäude.“
Wenige Zeugnisse erhalten
Inge Kaufmann, die hier im Rückblick ihre Erlebnisse als Häftling des NS-Regimes im März 1945 schildert, war damals 19 Jahre alt. Geboren 1925 in Aachen, war sie 1943 von der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei, festgenommen und eingesperrt worden, weil sie ausländischen Zwangsarbeitern geholfen hatte. Sie schildert den brutalen Alltag in Lagern und Gefängnissen im Kölner Raum und das Wipperfürther Lager. Dieses könnte sich, ihrem Bericht zufolge, am Fuß des Düsterohl befunden haben, auf dem heutigen Gelände der Firma Voss. Ein Straflager in Wipperfürth – „Camp disziplinaire“ – wird auch in einem belgischen Katalog aufgeführt.
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Die wenigen Zeugnisse über das AEL Wipperfürth sind weit verstreut zu finden, vor allem im NRW-Landesarchiv in Duisburg, den Arolsen Archives, den National Archives in London und im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Wann das Lager entstand ist unbekannt, die Gestapo hat so gut wie alle Akten dazu vernichtet.
Was genau ist ein „Arbeitserziehungslager“? Schon der Name ist zynisch und unterschlägt, dass hier Menschen eingesperrt, gequält und zu Schwerstarbeit gezwungen werden. Die Essener Historikerin Gabriele Lotfi hat als Erste umfassend über diesen lange übersehenen Lagertypus geforscht. Ende des Krieges existierten rund 200 solcher Lager im Deutschen Reich, mindestens eine halbe Million Häftlinge durchlief die AEL. Sie sollten die Gefangenen durch verschärfte Arbeit disziplinieren, um sie im Anschluss wieder in den „normalen“ Arbeitsalltag zu integrieren.
Unmenschliche Haftbedingungen
In einigen Punkten unterscheiden sich AEL von den meisten anderen Konzentrationslagern. Sie stehen nicht unter der Verwaltung der SS, sondern der Gestapo, von den Lagern profitieren auch die Unternehmen vor Ort. Der Aufenthalt soll auf sechs Wochen bis maximal drei Monate begrenzt sein. In der Praxis wird diese Höchstdauer nicht selten überschritten. AEL dienen auch dazu, geflüchtete und wieder eingefangene ausländische Zwangsarbeiter unter verschärften Bedingungen einzusperren und auszubeuten. Die Haftbedingungen? Ähnlich unmenschlich wie in anderen Lagern.
Als Anfang 1945 von Westen die Front immer näher rückt, löst die Gestapo Lager und Gefängnisse in Köln und Brauweiler auf und treibt Hunderte von entkräfteten und kranken Gefangenen in Richtung Bergisches Land. Manche, wie Inge Kaufmann, müssen den Weg in tagelangen Fußmärschen zurücklegen, andere werden in offene Lkw verfrachtet. Mindestens zwei solche Trecks führen zunächst nach Siegburg ins dortige Zuchthaus. Dort herrschen katastrophale Bedingungen, das Gefängnis ist völlig überbelegt. Seit Anfang 1945 grassiert hier eine Fleckfieberepidemie. Der Siegburger Archivar Jan Gerull hat dazu geforscht. „Knapp 3000 Gefangene in einer Anstalt, die für maximal 900 Menschen errichtet wurde. 250 Erkrankte, mindestens 80 Tote“, so sein Fazit.
Solange wir gingen, es ging noch, aber als wir aufgehört haben zu gehen, dann konnten wir uns nicht mehr bewegen. Wir sind doch drei Tage lang ohne Pause gegangen. Einmal pro Tag haben sie uns was zum Essen gegeben, oder irgendwelche Suppe auf dem Weg. Ich weiß nicht, ob ich ganze 30 Kilo gewogen habe.
Im März 1945 werden Häftlinge der Gestapo von Siegburg in Richtung Wipperfürth getrieben oder gefahren. Tiefflieger schießen auf die offenen Lkw, es gibt viele Tote. Auch im Wipperfürther Lager bricht Fleckfieber aus. Es herrscht katastrophaler Mangel an Lebensmitteln, wie die Häftlinge später schildern. An Flucht denken nur wenige. „Wer hatte die Kraft abzuhauen und wohin? Solange wir gingen, es ging noch, aber als wir aufgehört haben zu gehen, dann konnten wir uns nicht mehr bewegen. Wir sind doch drei Tage lang ohne Pause gegangen. Einmal pro Tag haben sie uns was zum Essen gegeben, oder irgendwelche Suppe auf dem Weg. Ich weiß nicht, ob ich ganze 30 Kilo gewogen habe“, erinnerte sich die polnische Zwangsarbeiterin Helena Mironiuk.
Die entsetzlichen Zustände schilderte auch der Häftling Kurt Korsing: „In Wipperfürth wurden wir in der ersten Nacht zu circa 52 Mann in einem mittleren Barackenraum untergebracht, Männer, Frauen und Fleckfieberkranke durcheinander. Bei dieser Gelegenheit infizierten sich viele Häftlinge neu an Flecktyphus. Die Verpflegung war unter jeder Kritik. (...) Viele, die das Fleckfieber überstanden hatten, starben anschließend noch, weil sie nichts zu essen bekamen.“
Wipperfürth ist in den 1940er Jahren ein wichtiger Industriestandort. Zu den größten Betrieben zählt neben Radium und Vorwerk der Textilhersteller Bernhard Meyer KG, genannt Wollmeyer. Dessen früherer Eigentümer, Joseph Heymann, hatte die Firma 1937 verkaufen müssen, weil er jüdisch war. Die Familie Heymann floh ins Exil nach England.
30 Kinder im ZwangsarbeiterlagerSeit 1940 hat die Firma Boucke & Co GmbH ein Werk in Wipperfürth – dort, wo heute Voss seinen Sitz hat. Das geht aus den Gewerbeanmeldungen bei der Stadt hervor. Ein Rüstungsbetrieb, der Metallhülsen für Granaten und Munition produziert. Amtlichen Listen zufolge mussten allein bei Boucke während des Krieges rund 500 ausländische Zwangsarbeiter schuften, 350 waren es in der Grube Danielszug in Wipperfürth-Kupferberg. Im Lager des Bergwerks, einer Außenstelle des AEL, lebten auch 30 Kinder von Zwangsarbeitern „in Verwahrung“, wie es in einer Liste des Arbeitsamtes Bergisch Gladbach heißt. In Akten des St.-Josef-Krankenhauses Wipperfürth stehen Vermerke über belgische, französische, polnische, russische, ukrainische und italienische Zwangsarbeiter. Viele erlitten Handverletzungen, typisch für Fabrikarbeit. Mehrere Zwangsarbeiterinnen brachten Kinder zur Welt.
Auskunft über die Zustände im Wipperfürther Lager geben vor allem Berichte von Überlebenden. Es sind Offiziere der britischen Militärverwaltung, die Ende 1945 die Aussagen ehemaliger Häftlinge protokollieren, um Beweise zu sammeln und Verantwortliche der Verbrechen vor Gericht stellen zu können. Verurteilt werden nur wenige, und wenn, dann fallen die Urteile mild aus.
Jagd auf Deserteure
Die Kölner Gestapo unterhält 1944/45 eine ganze Reihe von Gefängnissen und Lagern. Dazu zählen unter anderem das El-De-Haus am Appellhofplatz, ein Flügel des Stadtgefängnisses Klingelpütz und das Lager in Brauweiler, wo zwei Sonderkommandos der Gestapo stationiert sind. Die Beamten machen Jagd auf Oppositionelle und Deserteure, Zwangsarbeiter und unangepasste Jugendliche – die „Edelweißpiraten“ – und auf Plünderer und Kriminelle. Kurt Bethke (1903 bis 1972) und Ferdinand Kütter (1890 bis 1945) leiten diese Kommandos. Vor allem die Männer des Kommandos Kütter sind berüchtigt für ihr brutales, ja sadistisches Vorgehen. Sie verprügeln, foltern und ermorden Gefangene oder ordnen ihre Hinrichtung an. Vor allem die Historiker Josef Wißkirchen und Thomas Roth haben hierzu geforscht.
Keine Spuren des Lagers erhalten
Selbstmord in ThierFerdinand Kütter verlässt Brauweiler am 15. Februar 1945 und setzt sich ab ins oberbergische Niederbreunfeld, das zu Nümbrecht gehört. Der fanatische Nationalsozialist hat Akten von politischen Häftlingen mitgenommen, um Todesurteile gegen sie zu erwirken. Seinen Bericht schickt er nach Gummersbach, wo sich ein Kölner Oberstaatsanwalt aufhält. Kütter strandet schließlich in Thier bei Wipperfürth. Von dort noch erwirkt er bei der SS einen Hinrichtungsbeschluss gegen 72 Häftlinge, der nicht mehr ausgeführt wird. Die Akten verbrennt er. Am Abend des 12. April, einen Tag, bevor die Amerikaner Wipperfürth befreien, erschießt sich Kütter selbst. Seine Leiche – so berichtet es später ein Augenzeuge – wird auf dem Thierer Friedhof verscharrt. Im Sterberegister der Stadt Wipperfürth ist Kötters Tod vermerkt, die Sterbeurkunde fehlt jedoch.
Vom Lager in Wipperfürth ist heute vor Ort nichts mehr zu sehen. In den leeren Boucke-Hallen ließ sich nach dem Krieg ein neuer Unternehmer nieder: Der „Hosenkönig“ Alfons Müller-Wipperfürth“.
Endstation Lager Hunswinkel
In Lüdenscheid-Hunswinkel wurde 1929 eine Baracke zum Bau der Versetalsperre errichtet. 1940 baute die Gestapo diese Baracke zu ihrem ersten Arbeitserziehungslager in Westdeutschland (AEL) aus. Bis 1942 wurden hier vor allem sogenannte „Arbeitsbummelanten“ für einige Wochen inhaftiert, ganz überwiegend Deutsche, die zum Bau der Talsperre eingesetzt wurden. Ab 1942 diente Hunswinkel vorrangig als Straflager für ausländische Zwangsarbeiter, viele Häftlinge, vor allem aus der Sowjetunion, starben dort.
In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs inhaftierte die Gestapo in Hunswinkel Hunderte von Gefangenen, fast alle wurden erschossen oder erhängt und später in Massengräber gelegt. Zwischen Februar und April 1945 erreichen in mehreren Trecks wohl über 600 Gestapo-Häftlinge, zum Teil aus Wipperfürth, das Lager Hunswinkel. Manche mussten tagelang zu Fuß laufen, andere kamen in offenen Lkw – einige konnten während der Fahrt fliehen. Am 11. April 1945 befreiten US-Truppen das Lager. Engagierte Mitglieder des Vereins „Ge-Denk-Zellen Lüdenscheid“ erforschen seit Jahrzehnten die Geschichte des NS-Terrors und des Lagers in Lüdenscheid.
Der Lagerleiter und der Lagerarzt
In Lüdenscheid-Hunswinkel wurde 1929 eine Baracke zum Bau der Versetalsperre errichtet. 1940 baute die Gestapo diese Baracke zu ihrem ersten Arbeitserziehungslager in Westdeutschland (AEL) aus. Bis 1942 wurden hier vor allem sogenannte „Arbeitsbummelanten“ für einige Wochen inhaftiert, ganz überwiegend Deutsche, die zum Bau der Talsperre eingesetzt wurden. Ab 1942 diente Hunswinkel vorrangig als Straflager für ausländische Zwangsarbeiter, viele Häftlinge, vor allem aus der Sowjetunion, starben dort. In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs inhaftierte die Gestapo in Hunswinkel Hunderte von Gefangenen, fast alle wurden erschossen oder erhängt und später in Massengräber gelegt.

Friedrich Jentsch (Gestapo), Fotos aus dem Bundesarchiv.
Copyright: Bundesarchiv Berlin R 9361-III/87268
Zwischen Februar und April 1945 erreichen in mehreren Trecks wohl über 600 Gestapo-Häftlinge, zum Teil aus Wipperfürth, das Lager Hunswinkel. Manche mussten tagelang zu Fuß laufen, andere kamen in offenen Lkw – einige konnten während der Fahrt fliehen. Am 11. April 1945 befreiten US-Truppen das Lager. Engagierte Mitglieder des Vereins „Ge-Denk-Zellen Lüdenscheid“ erforschen seit Jahrzehnten die Geschichte des NS-Terrors und des Lagers in Lüdenscheid.

