Axel Reitz war ein bekanntes Gesicht in der Neonaziszene. Vor 15 Jahren stieg er dort aus. Jetzt war er mit einem aufklärenden Vortrag in Wipperfürth zu Gast.
Vortrag im BerufskollegEx-Neonazi packt in Wipperfürth aus

Der ehemalige Neonazi und „Hitler von Köln“, Axel Reitz, beim Vortrag in der Aula der Berufsschule in Wipperfürth.
Copyright: Wolfgang Weitzdörfer
Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, die da in der Aula des Berufskollegs an der Ringstraße stattfindet. Auf der Bühne steht Axel Reitz, der früher als „Hitler von Köln“ und strammer Neonazi weit über die Grenzen der Domstadt hinaus bekannt war . Doch das ist vorbei, vor 14 Jahren ist Reitz aus der rechten Szene ausgestiegen.
Seitdem arbeitet er in der Präventionsarbeit, geht als Referent für den Verein Extremislos aus Schleswig-Holstein vor allem an Schulen, um Jugendlichen anhand seiner eigenen Geschichte zwei Dinge deutlich zu machen: Zum einen, wie einfach es ist, in den Extremismus abzurutschen, zum anderen, dass man wieder einen Weg hinausfinden kann.
Auf Einladung einer Politiklehrerin kam er nach Wipperfürth
Reitz ist auf Initiative der Politik-Lehrerin Beate Leesemann nach Wipperfürth gekommen. „Unsere Demokratie liegt mir sehr am Herzen“, sagt sie. Aber es gibt auch konkretere Gründe für ihren Schritt. „Wir stellen immer wieder im Unterricht fest, dass Jugendliche ohne Migrationshintergrund nicht neben denen mit sitzen wollen. Auch wenn diese sich melden, gibt es immer wieder Unmut – das ist eine ungute Entwicklung“, sagt sie. Auch die aktuellen Umfragen, in denen die AfD auf bis zu 20 Prozent kommt, machen Sorge. Daher seien aufklärende Veranstaltungen wie die mit Axel Reitz auch so wichtig.
Alles zum Thema Bergisches Land
- Nach Unfall in Remscheid Frauen mit 640-PS-Sportwagen erfasst: Mord-Prozess beginnt
- Debatte um Renteneintritt Der Kölner Dachdecker Bernie ist 68 Jahre alt – und klettert weiter
- Spuren des Lebens Caritas RheinBerg zeigt Porträts von Menschen in all ihren Facetten
- Tischtennis-Bundesliga TTC Schwalbe Bergneustadt möchte die Dämlichkeit von Grenzau vergessen machen
- Fußball-Landesliga SSV Nümbrecht und FV Wiehl blicken auf eine ereignisreiche Hinrunde
- Vortrag im Berufskolleg Ex-Neonazi packt in Wipperfürth aus
Der 43-Jährige findet direkt einen Draht zu seinem jungen Publikum, als er ankündigt, „von meinem zum Teil sehr verkorksten Leben, in dem ich für 15 Jahre aktiver Neonazi war, zu erzählen“. Mit seiner Arbeit wolle er andere davor bewahren, „die gleiche Scheiße zu machen, die ich getan habe“. Es war diese Hemdsärmeligkeit und die schonungslose Art und Weise, wie er seine Vergangenheit betrachtete, die ankam.
Schritt für Schritt in die NPD hineingerutscht
Er räumte direkt mit dem Klischee auf, dass Neonazis nur junge Menschen aus prekären Verhältnissen ködern könnten. „Ich wurde auf dem Land groß, mein Vater war in leitender Position bei Bayer, meine Mutter den ganzen Tag zu Hause und für uns Kinder da – es ging uns gut“, sagt Reitz. Und dennoch, auch wegen „der diktatorischen Art meines Vaters, der keine unterschiedlichen Meinungen gelten lassen wollte“, sei eine große Wut in ihm gewachsen.
In der Schule habe er zunächst einen „Safe-Space“ gefunden, einen, in dem Diskussionen möglich gewesen seien. „Bis ich in Sozialkunde eine Collage über die Parteien in Deutschland erstellen sollte. Meine Lehrerin hat drei Parteien entfernt, mir aber keinen Grund genannt. Sie sagte, darüber diskutiere sie jetzt nicht“, sagt Reitz. Es sind: die NPD, die Republikaner und die DVU. Für den jungen Reitz ist das ein Triggerpunkt, der letztlich dazu führt, dass er sich weiter mit den drei Parteien beschäftigt – und Schritt für Schritt in die NPD hineinrutscht.
Dort findet er als 14-Jähriger „Leute, die tolle Jobs hatten, Ärzte, Anwälte – Respektspersonen“. Und die hätten ihn gelobt für seinen Mut als Jugendlicher zu einem Treffen in Köln zu kommen. „Das war Love-Bombing, eine Strategie, mit der alle Extremisten arbeiten“, sagt Reitz.
Es wird lange dauern, bis er erkennt, dass es in dieser Szene nur um „Kleinkriege geht, es kein Volk, kein Reich, aber eintausend Führer gibt“. Nach 15 Jahren steigt er aus. Im mehrstündigen Vortrag wird deutlich, dass Reitz einen guten Draht zum jungen Publikum gefunden hat – hoffentlich einen nachhaltigen.

