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Elendige QualenHeilpraktiker soll Krebspatienten mit Überdosis getötet haben

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Klaus R. mit seiner Anwältin im Landgericht

Krefeld – Mit feinen Strichen skizziert der Gerichtszeichner aus den Niederlanden das Gesicht von Klaus R. Brille, graues Haar, konzentrierter Blick. Im Nachbarland ist der Heilpraktiker aus Moers seit Juli 2016 ein bekannter Mann. Ein Holländer, eine Holländerin sowie ein Belgier waren elendig gestorben, nachdem R. sie behandelt hatte.

R. hatte sich darauf spezialisiert, krebskranke Menschen mit alternativen Therapiemethoden zu heilen – viele davon medizinisch austherapiert und eigentlich ohne Hoffnung. „Es tut mir sehr leid, was passiert ist, sagt R., der sich seit Freitag als Angeklagter vor dem Landgericht Krefeld verantworten muss. „Aber ich habe dafür keine Erklärung. Ich habe ein gutes Gefühl, richtig und sauber gearbeitet zu haben.“

Fahrlässige Tötung angeklagt

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 61-Jährigen fahrlässige Tötung in drei Fällen und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vor. Auch die Behandlung einer vierten Patientin ist Teil der Anklage, sie hatte überlebt, offenbar ohne bleibende Schäden.

Die Ausführungen der Staatsanwältin über die Ereignisse am 27. Juli 2016 im „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht klingen dramatisch. Damals hatte R. die vier Patienten in seiner Praxis mit dem Wirkstoff 3-Bromopyruvat (3-BP) behandelt. Sie klagten über Übelkeit und Schwindel, einer erbrach. R. habe sich nicht viel dabei gedacht, sagt er später. Er schickte sie nach Hause.

Krämpfe, starrer Blick, Schaum vorm Mund

Dort begann ihr Martyrium. Krampfanfälle, Blick starr, keine Reaktion, Schaum vorm Mund, die Zunge hing raus. Sie kamen ins Krankenhaus, wenige Stunden später waren sie tot. Laut Anklage wurden sie durch das 3-BP vergiftet und erlitten schwere Hirnschäden. R. soll beim Abwiegen des Wirkstoffs eine für Kleinstmengen ungeeignete Waage benutzt haben.

Dadurch habe R. bis um ein Sechsfaches der üblichen Menge verabreicht. Die Staatsanwältin: „Er hätte die Überdosierung erkennen müssen. Eine Kontrolle durch das Vieraugen-Prinzip wäre geboten gewesen.“

Am Fall Klaus R. hatte sich eine Debatte um Ausbildung und Zulassung von Heilpraktikern entzündet. Die Stiftung Patientenschutz fordert eine Gesetzesreform. Auch Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft übt scharfe Kritik an der Branche. „Es ist ein Geschäft mit der Verzweiflung. Die Patienten glauben, es ist wie beim Arzt. Aber das ist es nicht. Es gibt keinerlei Kontrolle.“

Angeklagter sucht im Prozess nach Erklärungen

R. zeigt sich vor Gericht um Seriosität bemüht. Er würde selbst gerne wissen, was schiefgelaufen war. Er bezweifelt, dass es an der Waage gelegen habe. Vielleicht habe das Plastik der Verpackung das 3-BP verunreinigt, vermutet er. Sonst sei es in Glas geliefert worden.

R. schildert seinen Werdegang. Werkzeugmacher, Ingenieur, dann Heilpraktiker: „Ich möchte Menschen helfen.“ 2014 übernahm er die „medizinische Leitung“ des „Biologischen Krebszentrum Bracht“. Die Einrichtung hatte vor allem Krebspatienten aus den Niederlanden im Blick, da naturheilkundliche Verfahren anders als in Deutschland dort streng reguliert sind. Er bot Behandlungen mit Vitamin C an oder Kurkuma.

Sein Top-Angebot aber war die 3-BP-Methode: zehn Wochen für 9900 Euro. Den Patienten versprach er eine biologische Behandlung, die „100 Prozent frei von giftigen Stoffen“ sei. Das 3-BP sei ein Glukoseblocker, es störe den Stoffwechsel der Tumorzelle und bringe sie zum Abstreben, erklärt R. vor Gericht. Allerdings muss er einräumen, dass das 3-BP synthetisch hergestellt wird. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind zudem gering. R. nutzte eine gesetzliche Grauzone. Als Medikament ist das 3-BP in Deutschland nicht zugelassen, die Anwendung des Wirkstoffs ist aber nicht untersagt.

Keinerlei Erfahrung

R. hatte nach eigener Aussage keinerlei Erfahrung mit 3-BP, als er das Krebszentrum übernahm. An dieser Stelle werden seine Ausführungen abenteuerlich. Seine Kenntnisse will er maßgeblich über eine Linksammlung mit Studien erlangt haben, die der holländische 3-BP-Anhänger Daniel S. auf eine Internetseite gestellt hatte.

R. habe einige der Arbeiten gelesen, aber nur diejenigen, die frei zugänglich waren. Seine erste Patientin sei die krebskranke Frau von Daniel S. gewesen, der ihn schließlich auch mit dem 3-BP beliefert habe. Mit ihr habe er begonnen, sagt R. Mit ganz kleinen Dosen.