Mit aufwändigen Kampagnen, mehr Angeboten zur Berufsorientierung und fundierten Ausbildungsberatungen haben unter anderem die Industrie- und Handelskammer, die Kreishandwerkerschaft und die Agentur für Arbeit in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, die duale Ausbildung wieder stärker zu bewerben. Ziel war es, wieder mehr junge Menschen dafür zu begeistern, eine Ausbildung im Handwerk, in der Industrie oder im Handel zu beginnen, und das hat auch funktioniert. Das Dilemma: Zeitgleich melden Unternehmen fast aller Branchen jährlich weniger freie Lehrstellen. „Das ist 2027 noch einmal ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Vorjahr“, sagt Nicole Jordy.
Zwei Bewerber auf einen Ausbildungsplatz
Die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach präsentierte am Mittwochmittag gemeinsam mit Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land und Johannes Juszczak, Leiter Vertragsmanagement und Bildungshotline der IHK Köln, bei dem Kürtener Sanitär- und Heizungsbetrieb Wurth die Zahlen für den aktuellen Ausbildungsmarkt im Rheinisch-Bergischen Kreis. „Wir haben jetzt ein Verhältnis von einer Ausbildungsstelle zu doppelt so vielen Bewerbern“, fasst Jordy zusammen. Heißt: Zwei Bewerber, ein Ausbildungsplatz. Vor fünf Jahren waren es noch 1,3 Bewerber pro Stelle.
Weniger Stellen, mehr Bewerber
Die rheinisch-bergischen Arbeitgeber haben zum Ausbildungsstart 2026 insgesamt 844 Ausbildungsstellen bei der Agentur für Arbeit in Bergisch Gladbach gemeldet. Das sind 3,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Noch drastischer der Zwei-Jahres-Vergleich: Seit dem 30.9. 2024 sind die angebotenen Ausbildungsplätze um 18,5 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber, die sich bei der Arbeitsagentur meldeten, stieg seit dem vergangenen Jahr erneut um 8,9 Prozent auf 1662. Aktuell suchen noch 399 Bewerberinnen und Bewerber einen Ausbildungsplatz (plus 8,4 Prozent). Jordy: „Junge Menschen wenden sich wieder vermehrt der dualen Ausbildung zu und sehen darin einen guten Weg ins Berufsleben.“ Auf der anderen Seite sind 130 Stellen gemeldet, jedoch unbesetzt.

Mona Neubaur mit Azubis im Juli
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Konjunktur bremst die Ausbildungsbereitschaft
Gründe für den Negativtrend auf der Angebotsseite sehen IHK, Kreishandwerkerschaft und Arbeitsagentur vor allem in der konjunkturellen Lage: „Vor allem bei industriell-technischen Berufen ist die wirtschaftliche Situation ein wesentlicher Faktor“, so Juszczak. „Unternehmen halten sich bei der Ausbildung zurück, wenn Aufträge fehlen.“
Otto ergänzt: „Das ist eine industrielle Depression in Deutschland und das wirkt sich auch stark auf das Handwerk aus.“ Dazu würden im regionalen Handwerk auch viele Betriebe aus Altersgründen schließen. Defizite der jungen Menschen beim Wissen über Ausbildungsinhalte, Karrierechancen und den Technologieeinsatz in Berufen erschweren trotz Informationskampagnen, so Jordy. „Die Arbeitswelt ist sehr komplex geworden, es gibt wesentlich mehr Ausbildungsberufe als früher.“
Handwerk braucht deutlich mehr Auszubildende
Auch wenn das Handwerk sogar ein leichtes Wachstum bei abgeschlossenen Ausbildungsverträgen vor allem bei den zukunftsorientierten Gewerken wie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektronik und Dachdeckern verzeichnen kann, warnt Otto: „Das Handwerk braucht ein deutliches Plus von etwa 20 Prozent mehr Auszubildende, um den Bedarf unserer Betriebe zu decken.“ Und er appelliert an die Unternehmen, sich auch jetzt noch wegen freier Ausbildungsplätze zu melden. Ausbildungsverträge können noch bis zum 1. Januar abgeschlossen werden.

