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RathaussturmIn Bensberg wird der Bürgermeister zur Marionette

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Das Erwachsenen- und das Kinder-Dreigestirn stehen auf einer Bühne neben einem Kostümierten, an dessen Arme und Beine Fäden befestigt sind, die zu einem Marionettenkreuz gehören.

Heute ziehen die Jecken die Fäden und lassen Marcel Kreutz als Puppe tanzen.

Bürgermeister Marcel Kreutz lässt sich und das Rathaus von seinem Team verteidigen – mit Seifenblasenpistolen. Kreutz wurde schließlich doch festgenommen.

Ob's eine gute Idee war, sich ausgerechnet mit Seifenblasenpistolen zu verteidigen? Und dann auch noch bei bergischem Nieselregen? Bergisch Gladbachs neuer Bürgermeister Marcel Kreutz zweifelt selbst augenzwinkernd ein bisschen daran, als er an Weiberfastnacht um kurz nach 11.11 Uhr auf der Bühne vor der Bensberger Schlosstreppe von den Karnevalisten zur Rede gestellt wird.

Doch da ist es bereits zu spät, ist er längst in den Fängen der Jecken, abgesetzt und von den Karnevalisten zur Marionette gemacht, die nach der Nase jener tanzen muss, die bis Aschermittwoch in der Stadt das Sagen haben. Wenige Minuten zuvor hat das noch ganz anders geklungen. Siegessicher will der Rathauschef dem Präsidenten des Festkomitees, Gerd Breidenbach, nicht mal unbedingt einen Kaffee ausgeben, als der ihn foppt.

Das Kinderdreigestirn steht auf der Bühne, rechts neben ihnen der als Marionette kostümierte Bürgermeister, der ihnen in seiner Hand den großen Stadtschlüssel reicht.

Kinderprinz Thies, Bauer Ben und Jungfrau Charlotte nehmen von Bürgermeister  Kreutz den zweiten Stadtschlüssel entgegen.

Doch der Neuling im Bergisch Gladbacher Rathaus hat die Rechnung ohne die Kurfürstliche Schlossgarde Grün-Gold Bensberg gemacht, die in diesem Jahr nicht nur ihr 50-jähriges Bestehen feiert, sondern auch mit einem halben Jahrhundert karnevalistischer Erfahrung für die Entmachtung des Bürgermeisters verantwortlich zeichnet. „Wenn ich mein Tanzcorps rausschicke, wird er sein blaues Wunder erleben“, meint Schlossgarde-Kommandant Gerd Schneider.

Er soll recht behalten. Zwar sieht Marcel Kreutz erstmal nur Grün-Gold, muss aber schnell erkennen, dass die Seifenblasenpistolen seiner Mannen und Frauen nichts auszurichten vermögen gegen die jecke Übermacht der Kurfürstlichen Schlossgarde. Da hilft auch Selbstironie nicht mehr.

Prinz, Jungfrau und Bauer halten sich je ein Miko vor den Mund und haben den linken Arm erhoben.

Das Dreigestirn ist guter Dinge. Ihr kräftiges Alaaf schallt über den Platz.

Wie die von Kämmerer Thore Eggert, der sich als „Baumangel-Marionette“ verkleidet hat. Motto: „Et bröselt, ävver et läv“. Oder Immobiliengeschäftsbereichsleiterin Alexandra Meuthen, die als „Katastrofee“ zur Verteidigung angetreten ist. Am Ende können auch sie es nicht verhindern, dass ihr Chef von den Grün-Goldenen zuerst einen ebensolchen Lappenfrack übergezogen bekommt und dann an Händen und Füßen gefesselt wird.

Wozu das? Kreutz wird so zur Marionette, die von den Jecken kinderleicht dirigiert werden kann. Klar, schließlich heißt das Sessionsmotto ja auch „Jetzt jon mer op et Janze – Mer losse de Poppe danze“ Hätte sich der Bürgermeister auch nicht träumen lassen, dass er die Puppe ist, die nun tanzen muss.

Viele Kostümierte auf einer Bühne. In der Mitte ein Kommandant mit Federhelm.

Schlossgardekommandant Gerd Schneider (M.) ließ Bürgermeister Kreutz schließlich festnehmen.

Unter dem Gesang von Mottoliedbarde Werner Müller zur Bühne dirigiert, rückt Kreutz denn auch ohne viel Murren den zweiten Stadtschlüssel fürs Kinderdreigestirn raus. Das große Trifolium, das zum Rathaussturm direkt vor die Schlosstreppe fährt, weil es in Heidkamp von einem Notarzteinsatz aufgehalten worden ist, hat „seinen“ Stadtschlüssel schließlich schon bei der Proklamation bekommen.

Kinderprinz Thies, Bauer Ben und Jungfrau Charlotte haben an diesem Tag ein kleines, aber hochkarätiges Gefolge: Regionalverbands-Präsident Philipp Schäfer und Geschäftsführer Markus Schäfer unterstützen als Adjutanten. An Weiberfastnacht steht die Welt kopf, ist alles möglich und das Jeckenherz im siebten Himmel – auch bei bergischem Nieselregen.